Woran erkennen wir?

Liebe Gemeinde,

als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag gelesen habe, da habe ich erst mal die Bibel wieder zugeschlagen und überlegt, ob ich nicht einen anderen Text finde. Dieser Text passt zu unserer gemütlichen Adventsstimmung wie die Faust auf´s Auge. Und dann ist das Thema nicht nur erschreckend, es ist auch ein nur schwer zu verstehender Text. Bibel für Fortgeschrittene – und nichts für Euch Konfirmandinnen und Konfirmanden am Anfang Eures Konfirmandenunterrichtes. Jesus sagt diese schwer zu verstehenden Sätze auch nicht vor allen Leuten, sondern er redet nur zu seinen Jüngern, die schon viel von ihm gelernt und mit ihm erlebt haben.

Am Anfang stehen sie am großen Tempel in Jerusalem. Der Tempel soll Zeichen der Nähe Gottes sein: Prachtvoll, ein riesiges Gebäude, mit Gold verziert. Edelholz und Marmor. Es riecht nach kostbarem Weihrauch – da fühlt man doch gleich, dass Gott ganz nahe ist.

Die Jünger zeigen Jesus ganz stolz dieses Haus, die größte Sehenswürdigkeit der Stadt Jerusalem. Jesus aber steht nicht ehrfürchtig staunend davor. Der Tempel ist von Menschen gemacht, er ist vergänglich wie alles, was wir Menschen machen. Kein Stein wird über dem anderen bleiben. Als das Matthäus-Evangelium aufgeschrieben wurde, da war der große, prächtige Tempel in Jerusalem schon von den Römischen Soldaten zerstört worden.

So ein Tempel, auch eine Kirche, ein Dom, kann uns etwas über den Glauben der Menschen sagen, die das Gebäude errichten und benutzen – es zeigt uns nicht Gott. Gott ist nicht an ein Haus gebunden. Seht genauer hin, bevor ihr euer Herz daran hängt, sagt Jesus: Kein Stein wird auf dem anderen bleiben.

Wenig später setzen sich die Jünger zu Jesus und fragen noch einmal nach: Woran erkennt man, dass Gott kommt? Und woran sieht man, dass diese Welt, all die Dinge, die Menschen für die Ewigkeit errichten, vergänglich sind?

Und Jesus beginnt seine Antwort damit, dass er von dem erzählt, was wir sehen und hören und er redet von kommendem Unheil: Kriege, Unruhen, Hunger, Seuchen, Erdbeben – und Heilsbringer, die sich aufspielen als seien sie Jesus persönlich. Und was Menschen sich noch so alles gegenseitig antun. Es hört sich schrecklich an – aber noch viel schlimmer ist: Das alles haben wir schon:

Kriege – hört die Nachrichten aus Korea, aus Afghanistan oder dem Kongo.

Unruhen –in Gorleben oder Stuttgart –in Burma oder in der Elfenbeinküste. Und vieles bekommen wir hier gar nicht mit.

Hunger –auf dieser Erde sterben immer noch Menschen an Hunger, an Unterernährung. Darum sammeln wir auch heute für BROT FÜR DIE WELT.

Seuchen: Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. 30 Millionen Infizierte – die erkannten Fälle jedenfalls. Bei uns in Deutschland allein mehr als 3000 Neuinfektionen im Jahr. Und die Cholera breitet sich gerade in Haiti und einigen Nachbarländern aus.

Erdbeben – zum Glück nicht bei uns, aber anderswo, in Asien, auf Island, wackelt es dafür umso regelmäßiger und heftiger. Und dann dieser Vulkanausbruch auf Island, der dieses Jahr den Flugverkehr über Europa lahm legte.

Also: Woran erkennen wir Gottes Nähe? Wir erkennen ihn nicht in gewaltigem Auftreten, nicht in den Bauwerken, nicht in dem, was die Schlagzeilen unserer Zeitungen ausmacht, sondern dort, wo Menschen sich nicht irremachen lassen und wo trotz allem das Evangelium gepredigt wird – wo Menschen mit Worten und Taten seine Liebe weitergeben.

Im Alten Testament wird von einer Begegnung mit Gott erzählt. Mir ist dieser Bericht sehr wichtig: Der Prophet Elia hatte viel durchgemacht, hatte Kämpfe und Anfeindungen erlebt, und war nun müde, kraftlos und vor allem: Zweifelnd. Elia konnte nicht mehr. Da wandte sich Gott ihm zu und gewährte ihm eine ganz besondere Begegnung. Elia wanderte zum Berg Horeb, stieg hinauf und versteckte sich in einer Höhle – und wartete. Dann kam ein mächtiger Sturm, der sogar Berge zerriss – aber Gott war nicht im Sturm. Dann kam ein gewaltiges Erdbeben – aber Gott war nicht im Erdbeben. Dann kam eine Feuerwalze – aber Gott war nicht im Feuer. Dann kam ein kaum hörbares Säuseln. Da wusste Elia, dass Gott da war – und er ging getröstet und fröhlich wieder an seine Aufgaben.

Wir heute warten auch auf Gottes Nähe, die uns von all unseren Ängsten, von den Bedrohungen befreit. Es kommen Kriege und Umstürze – aber darin erkennen wir Gott nicht. Es kommen und gehen die Herrscher – aber auch darin erkennen wir Gott nicht. Es kommen Versicherungsmakler, Kaufleute und Werbestrategen – und versprechen uns Wohlergehen und Glück, wenn wir dieses oder jenes kaufen – aber auch darin erkennen wir Gott nicht. Es kommen Verführer, die uns weismachen wollen, gerade das zunehmende Unheil sein ein Zeichen Gottes – aber auch darin erkennen wir Gott nicht.

Und dann – fast hätten wir es überhört: Ein Wort der Liebe, ein Gebet, eine helfende Hand – und wir wissen auf einmal, dass Gott uns wirklich nicht verlassen hat und dass es mit uns am Ende doch ein gutes Ende nehmen wird. Am Ende wird nicht die Gewalt siegen und nicht die böse List. Am Ende siegt Gottes Liebe, darum lasst uns daran festhalten, lasst uns nicht aufgeben.

Denn Gott ist anders, als wir es uns erwarten. Der erhoffte Erlöser ist nicht der starke Kaiser, sondern wird ein kleines Kind. Er wohnt nicht in einem Palast aus Marmor und Gold, sondern in einem zugigen, zerbrechlichen Stall in der hintersten Provinz. Er kommt zu uns, dorthin, wo wir leben. Er kommt zu uns. Er kommt dorthin, wo Menschen nichts mehr erwarten; dorthin, wo Menschen Angst haben; dorthin, wo Menschen nur an sich und ihren Vorteil denken. Er erlöst uns aus alle dem und macht uns frei.

Jesus redet uns, seinen Jüngern, nicht nur Mut zu. Er ermahnt uns auch. Nun ist es unsere Aufgabe, dass wir wachsam sind und uns nicht täuschen lassen. Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, sollt lernen, die richtigen Fragen zu stellen und kritisch zu denken. Ihr sollt die Worte der Heiligen Schrift kennenlernen und sollt mit uns über das reden, was unseren Glauben ausmacht. Wir alle – Junge und Alte gleichermaßen – sollen genau prüfen: Woran richten wir uns aus – an der Vergänglichkeit von Menschenwerk – auch wenn es mächtig und gewaltig erscheint – oder an der Unvergänglichkeit des liebenden Gottes.

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