Gekonnte Inszenierung

(Ich greife in dieser Predigt Anregungen von Heinz Behrends aus der Reihe Gottesdienst Praxis A, I. Perikopenreihe, Bd. I, 1996 auf.)

Liebe Gemeinde,

mein katholischer Kollege hat es viel leichter als ich: Wenn es darum geht, etwas zu inszenieren, dann ist er ganz klar im Vorteil. Denken Sie nur mal an den ganzen Weihrauch, den ein katholischer Gottesdienst verbraucht und wie schön festlich es dann nachher riecht. Alles wirklich sehr stimmungsvoll.
Und dann die vielen bunten Gewänder: Gold, rot, weiß – jede Kirchenjahreszeit hat ihre eigene Farbe, die man tragen kann.
Wir evangelischen tragen ja fast immer nur schwarz. Egal wie groß das Fest ist. Schwarz ist der vorherrschende Farbton.
Ich gebe zu: Die gelungene und gute Inszenierung eines besonderen Ereignisses das kann die katholische Kirche wie sonst keine Institution.

Auch ein Blick auf die Fußballbundesliga lässt mich jedes Mal fast schon ehrfürchtig staunen. Schon beim Einzug in die Fußballarena toben die Zuschauer und wenn der Stadionsprecher die Namen der Spieler verkündet, dann braucht er nur die Vornamen zu sagen. Den Rest erledigt die Menge. Die brüllt nämlich die Nachnamen aller Spieler auswendig. Auch wenn ein Spieler ein Tor geschossen hat, ruft der Stadionsprecher nur die Rückennummer oder den Vornamen: Und das Tor hat die Nummer 14 geschossen. CLAUDIO PIZARRO! Hallt es dann von den Rängen. (Amanatides ist ja noch verletzt.)

Auch der Einzug der Sportler bei den Olympischen Spielen ist kein Straßentheater sondern ganz und gar durch komponiert. Es gibt eine perfekt einstudierte Choreografie, nichts geschieht zufällig. Jeder Mensch, der an der Eröffnungsfeier teilnimmt, weiß was er zu tun hat.

Sowohl die katholischen Brüder, die Fußballer und die Olympioniken können demnach Ereignisse inszenieren. Dabei – und das ist mir wichtig – schillert das Wort Inszenierung immer zwischen zwei Polen.
Einmal kann man ein Theaterstück inszenieren oder man beschreibt mit dem Wort inszeniert etwas, dass auf irgendeine Art aufgebauscht ist. In den Vereinigten Staaten werden ja die Wahlkämpfe in einer Art in Szene gesetzt, dass man als normaler Mitteleuropäer nur den Kopf schütteln kann. Wenn man die Kandidaten im Konfettiregen untergehen sieht, möchte man meinen, dass Inszenierung über Inhalte geht.

Das Evangelium für den heutigen Tag berichtet uns, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Der Einzug Jesu scheint zu einem Triumphmarsch zu werden. Die Menschen stehen an den Straßen und haben den Weg mit Zweigen und ihren eigenen Anziehsachen bedeckt, damit der König der Könige wie auf einem roten Teppich in die Stadt einziehen kann. Und wirklich: Der König kommt nach Hause! So könnte die Überschrift am nächsten Tag in der Zeitung lauten.

Aber die Sache hat einen Haken. So wie Jesus seinen Einzug inszeniert hat das mit einem Triumphzug wenig zu tun. Der Sohn Gottes kommt auf einem Esel.
Denken Sie, denkt ihr, mal an diese Schlagzeile: Papst Benedikt kommt auf Esel zum Treffen. Unvorstellbar. Dabei ist es ganz egal, wen man auf den Esel setzt. Eine solche Schlagzeile löst Irritationen aus.

Und doch, in der Geschichte um den Einzug in Jerusalem geht es um einen gut inszenierten Auftritt, der gut geplant ist. Sogar das Understatement ist kalkuliert. Jesus weiß, dass eine Eselin auf ihn wartet. Er teilt seinen Jüngern sogar das Passwort mit, mit dem sie im Falle eines Falles, das Tier frei bekommen. All das will uns sagen: Jesus erfüllt in seinem Handeln die Schrift. Spätestens jetzt muss doch jeder wissen, dass er wirklich der Messias ist. Er ist der Sohn Davids! Hosianna! Oder warum sonst sollte ein Schtriftzitat aus dem Alten Testament die Inszenierung unterfüttern? Bei Sacharja heißt es: »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem jungen Esel.«
Der ganze Weg Jesu in die Stadt ist gut inszeniert. Ein Stück so gut durchdacht und schlüssig, dass sich jeder Widerspruch erübrigt. Der, der hier kommt hat Vollmacht und handelt in dieser.
Der Einzug in Jerusalem ist auch kein Straßentheater, sondern ganz großes Kino.
Der Weg, den Jesus gegangen ist bis er Jerusalem erreicht hat erscheint dabei allerdings überhaupt nicht inszeniert. Denkt man an die perfekten Spiele dann nimmt sich der Weg Jesu von der Provinz bis in die Stadt als totaler Gegenentwurf aus, aber mitnichten ist er weniger spannend.

Heute beginnt die Adventszeit und hier und da bereiten sich Menschen auf das Weihnachtsfest vor. Die Städte werden weihnachtlich geschmückt und die Lichter lassen die Stadt sehr heimelig aussehen. Die Geschäfte gestalten ihre Auslagen festlich und überall herrschen die Farben rot und grün vor. Adventskalender werden gebastelt und auf gehangen, Basare veranstaltet und Spenden gesammelt.
Das Weihnachtsfest und besonders die Zeit davor werden inszeniert. In unseren Kirchen inszenieren viele sogar ein Krippenspiel. Inszenierung all überall.

Bei all den genannten Aktivitäten wird großer Wert darauf gelegt, dass alles passt und alles stimmt. Wenn ich an die Abläufe denke, die wir am Heiligen Abend zu Hause hatten, dann erinnere ich mich an lang erprobte und festgelegte Rituale. Angefangen beim Baumschmücken bis hin zum Essen am Abend war alles durchgeplant. Eben auch inszeniert.

Was ist schlimm an der Inszenierung? Nichts! So lautet die erste Antwort. Denn eine gute Inszenierung rückt eine besondere Sache in das rechte Licht. Eine gute Inszenierung ein wichtiges Ereignis auf angemessene Art und Weise erstrahlen. Eine bedeutende Angelegenheit wird mit Hilfe einer Inszenierung hervorgehoben und so besonders gewürdigt.
Die Lichter, die wir in der Adventszeit aufhängen, die Kerzen die wir anzünden, die Fensterbilder, die Krippen all das und mehr sind gute Mittel und Wege aufmerksam zu machen auf den König der Könige der Einzug hält in unser Leben. Gott macht sich auf den Weg zu uns Menschen. Diese Botschaft wird ins rechte Licht gerückt.
Aber der ganze Lichterglanz und all die Kerzen, alle Tannenbäume und Adventskalender können den Blick auf eine wichtige Sache verstellen.

Jesus kommt zu uns nicht im Rolls-Royce vorgefahren. Er entsteigt auch keinem Privatflugzeug. Jesus kommt auf einem Tier, dass in unserer Sprache mit dem Inbegriff der Dummheit und des Starrsinns gleichgesetzt wird. Ein Esel ist sein Transportmittel.

Mir ist es wichtig, das Augenmerk auf diese ungewöhnliche Art des Ankommens zu legen. Denn in diesem Verhalten ist die Botschaft, die uns bereits in der Krippe näher gebracht wird, schon enthalten. Der König der Könige erhöht sich selber nicht. Er tritt uns nicht entgegen mit all den Insignien der Macht. Er sagt nicht, mein Haus, mein Auto, mein Boot.
Jesus kommt den Menschen in Jerusalem auf einem ganz gewöhnlichen Lasttier entgegen. Alles ohne großes Spektakel. Keine Lasershow, keine Fanfaren. Alles sehr bodenständig. Jesus entfernt sich nicht von uns durch eine reiche Attitüde, vielmehr begegnet er uns auf Augenhöhe.

Die wichtige Frage an uns also lautet: Bleiben wir gegenüber der Botschaft des Mannes, der auf einem Esel daher geritten kommt, offen oder inszenieren wir über die Maßen hinaus und damit an ihm vorbei?

Jesus kommt – zu uns. Das wir dafür Licht machen und so die Welt darauf hinweisen wem wir den Weg erleuchten ist nur recht und billig. Anstelle von Zweigen und Kleidern legen wir einen Teppich aus festlicher Stimmung aus.
All das ist gut so, solange wir nicht am Ziel vorbei schießen. Der Advent ist eine Zeit der Stille, der Besinnung und sicher auch der Freude. Diese Freude darf und soll sich entladen im Ruf „Hosianna dem Sohn Davids.“

Jesus kommt zu uns den ganzen Weg. Er kommt und will nichts dafür, er gibt uns nur. Das ist sicherlich der entscheidende Sinn des Advents:

Macht euch bereit für den Herren der Welt. All die Hoffnungen die wir haben, all das Leid um das wir wissen, all das Bedrückende und Unfertige: All das erscheint in der Gegenwart Jesu ganz anders. Jesus zieht ein in Jerusalem und damit zieht er ein in unsere Welt und in das Leben von uns allen. Jesus weckt Hoffnungen und er hat auf seinem Weg gezeigt, dass er Leid stillen kann; er nimmt die Last des Bedrückten und er kann Unfertiges ganz machen.

Das Drumherum um diese Botschaft in unserer Zeit mag helfen, sich einzustimmen, aber es darf uns nicht bestimmen. Unsere Inszenierung seines Kommens soll seiner Inszenierung seines Kommens entsprechen. Also schmücken wir nicht nur unsere Häuser und Städte, sondern setzen uns selbst in Szene – in Vorbereitung auf das Kommen Jesu. Die Inszenierung darf dabei aber nicht den Inhalt übersteigen. Aber das ist eigentlich schwer möglich, denn eine bessere Botschaft als die Ankunft des Herrn gibt es nicht.

Ein einfacher Weg uns auf sein Kommen vor zu bereiten ist es, uns in die Menge einzureihen, die ihm voran ging und nachfolgte, und schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

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