Wir sind das Zeichen

Liebe Gemeinde,

I. „Hätten wir bloß nicht gefragt…“

Wie wollen wir unseren Predigttext verstehen? Hätten wir bloß nicht gefragt….

Man will ja nicht wirklich immer alles wissen. Und dann fragt man doch. Die Jünger zeigen auf den Tempel in Jerusalem. „Was wird alles geschehen“? fragten sie. Trocken gibt Jesus zur Antwort: „Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.“
Schweigen. Hätte man bloß nicht gefragt.

Na, wie geht´s? Gut, antworten manche und fügen hinzu: Wenn du Zeit hättest, würde ich dir eine ehrliche Antwort geben. Hätte man bloß nicht gefragt.

Sag mal, du schaust so bedrückt aus? Und dann wird erzählt. Hätte man bloß nicht gefragt! Jetzt liegt die Last auch auf meinen Schultern.

II. So ist die Welt

Der 2. Advent lenkt unsere Augen zur Zukunft. Ihm sind in der Regel sehr düstere Evangeliums-Texte zugeordnet.
„Was alles geschehen wird?“ hatten die Jünger gefragt. „Wollt ihr es wirklich wissen“?

Jesus und seine Jünger gehen schweigend weiter. Verlassen die Stadt, steigen zum Ölberg hinter dem Tempelgelände auf. Setzen sich nieder. Und dann sagt Jesus, wie er die Welt sieht.
Und wie wollen wir das nun aufnehmen? Benötige ich für die heutige Predigt nur wenig Farbe? Schwarz müsste eigentlich reichen; allenfalls noch dunkles Grau auf die Palette und los geht es mit Krieg und Kriegsgeschrei, Hungersnot und Erdbeben, Hass, Tod und Verrat.

Nein, liebe Gemeinde, sie müssen nicht in Deckung gehen, die Ohren anlegen und mit mir in den Abgrund der Hölle schauen. Wir wollen den Advent feiern und nicht düstere Zukunft besingen.
Bedenken wir in Ruhe, was wir gehört haben: Krieg und Kriegsgeschrei, Hungersnot und Erdbeben, Hass, Tod und Verrat. Das ist prophetisch formuliert und ist doch keine Zukunftsansage. Das ist Gegenwart! Mühelos könnten wir die Nachrichten einer Woche – oder seien wir ganz großzügig – all die Nachrichten, die wir im bald zu Ende gehenden Jahr 2010 gehört haben unter diesen Schlagworten versammeln: Afghanistan und Nordkorea, Bangladesch und Haiti, Iran, Flugzeugabstürze und Wikileaks. Und ich wage es zu sagen, auch die Nachrichten des kommenden Jahres 2011 werden sich ebenso unter solchen und ähnlichen Überschriften versammeln.

Nein, wir hätten Jesus nicht richtig zugehört, wollten wir aus seiner Rede damals am Ölberg schwarz-grau-grauenvolle Kalenderblätter für unsere Zukunft malen. Seine Worte künden uns keine düstere Zukunft an.

Hören wir genauer hin, so spricht er davon, wie die Welt ist und bleiben wird; wie die Welt war und sein wird. Nur insofern verrät er uns das, was wir ohnehin schon wissen: Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Wie wollen wir unseren Predigttext verstehen?

II. Zwischen den Zeilen steht mehr als darauf

Wir haben noch nicht genau hingehört. Die Jünger hatten eine zweite Frage gestellt: Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Für gewöhnlich versucht man in der Auslegung des Evangeliums nun die Spuren, die Christus benennt im Verlauf unserer Geschichte zu entdecken. Da landen wir dann wieder bei den bereits genannten Schlagwörtern vom Krieg und den grauenvollen Kalenderblättern. Das aber können keine Zeichen sein für Christi Gegenwart, für seinen Advent.
Die Antwort nach den Zeichen steht eher zwischen den Zeilen. Ich meine sie in diesen Worten zu finden: Seht zu, dass euch niemand verführe.

Das ist fast wie in einem dieser modernen Filme, in denen es um geheime Zeichen, um den Gral und dergleichen geht. Die Guten und die Bösen suchen nach einem Goldstück, nach Amuletten, Pokalen und dgl. mehr und am Ende ist ein Mensch, den sie finden. Das ist übrigens nicht von ungefähr, dass Filme, die aus christlichen Ländern stammen, diese Wendung nehmen. Darin schwingt eine Ahnung unseres Glaubens mit.

Auf die Frage: „Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ antwortet Jesus: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Und später heißt es: Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. 14 Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

Darin sagt Jesu doch: Ihr seid das Zeichen. In diesen Worten liegt für mich der Schlüssel. Darin vernehme ich das Evangelium für den 2. Advent.

Eine sage ich gleich vorweg: Es wird nicht darum gehen, dass wir uns belasten lassen mit der schier untragbaren Aufgabe, diese Welt zu verändern, sie zu verbessern. Ich würde es mich auch gar nicht trauen, vor überwiegend Frauen, die jetzt im Advent und in der vorweihnachtlichen Zeit so viel zu tun haben, noch moralischen Stress draufzupacken. Ich hoffe, es gelingt mir.

III. Dass wir uns tragen lassen

Probieren wir diesen Gedanken: Wir sind das Zeichen dafür, dass diese Welt nicht verloren ist. Das ist eine Gabe, eine Auszeichnung, keine Last. Und so will ich sie einladen, nicht zu tragen und zu schleppen, sondern sich selber tragen zu lassen.
Wie geht es dir, fragt jemand, und ich antworte: Ich weiß mich getragen und behütet. Mag alles um mich herum zusammen brechen. Da ist etwas in mir, das mich hält, ein Licht von Gott her, das in meiner Seele nicht erlischt.

„Was wird geschehen? Was bringt die Zukunft?“ Und ich antworte adventlich: „Da lasse ich mich führen. Es muss nicht wirklich meine Sorge sein. Was ich tun kann, tue ich und alles andere lege ich in Gottes Hände.“

Ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen mit innerer Freude und Sorgfalt in diesen Tagen die Zimmer und das Haus mit adventlichen Zeichen schmücken. Musik mag dazu gehören und der angenehme Duft weihnachtlicher Bäckerei. Gute Worte, Briefe, Anrufe… es gehört so viel in diese Zeit, wofür wir auf einmal Zeit haben.

Nein, damit machen wir die Welt nicht besser. Das ist nicht unsere Aufgabe. Zuallererst haben wir ein Geschenk. Zuallererst sind wir das Zeichen für die Welt in Christus. Dass wir uns tragen lassen, darauf kommt es an.

IV. Geschenke machen

Wenn wir uns tragen lassen vom Evangelium, wenn wir uns tragen lassen in Christus, dann haben wir Licht in uns, das uns zu warnen vermag, wenn ein falscher Messias an uns heran tritt. Dann haben wir auch Mut, falschen Propheten zu widersprechen. Woran wir sie erkennen? Auch da gibt uns Jesus einen kleinen Hinweis: Liebe wird erkalten, sagt er, wenn Ungerechtigkeit überhand nimmt.

Ich denke, dass wir das spüren. Es bricht ja manchmal aus der frömmsten Seele heraus, wenn man all die Nachrichten sieht und hört. Schnell formulieren wir harte und härteste Forderungen. Erschrecken wohl auch selber darüber, wie schnell Liebe kalt wird.

Lassen wir uns aber tragen, dann führt uns Gott in Christus wieder zurück, hält uns im Evangelium, hält uns in der Liebe, beschenkt uns mit Hoffnung und mit Zuversicht. Und auch mit Geduld.

Und so können wir der Welt um uns herum Geschenke machen als Zeugen der Liebe Gottes. Das muss ja nicht heißen, dass wir mild lächelnd zu allem Ja und Amen sagen. Dieses Bild vom lächelnden Christen, der in ewiger Seeligkeit glüht, ist ja eher eine Karikatur. Nein, es reicht, wenn wenigsten wir bei Verstand bleiben: Unrecht Unrecht nennen, ohne darin Menschen zu verdammen.

Es reicht, wenn wir der Welt um uns herum Besonnenheit schenken und nicht in jede Aufregung mit einstimmen. Es reicht, wenn wir in Christus bleiben, uns von ihm und seinem Wort leiten lassen in einer Welt, deren Nachrichten wir Jahr um Jahr sammeln können in den Alben mit der Aufschrift:

Krieg und Kriegsgeschrei, Hungersnot und Erdbeben, Hass, Tod und Verrat. Diese Nachrichten sind nicht alles, was wir als Christen über unsere Welt zu sagen haben. Christus spricht von den Geburtswehen des Kosmos. Auch so ein kleines, fast heimliches und doch so hoffnungsvolles Zeichen in unserem auf den ersten Blick so düsteren Text. Die Welt reift, sie wächst.
In dieser kochenden, kriegsheißen, oft so schlimmen, schmerzerfüllten Welt, sind wir als Christen lebendige Zeichen voll Glauben. Das ist unser Adel, unsere Gabe, unser Geschenk, unsere Begabung, unsere Kraft. Dass wir als Zeichen manches Mal auch verblassen, muss uns nicht ängstigen. Wir werden getragen. Gott lässt uns nicht fallen. Darauf wollen wir trauen im Advent und alle Tage unseres Lebens.

Wie wollen wir unseren Predigtext verstehen? Gut, dass wir nachgefragt haben: Er spricht das Evangelium in die Dunkelheit der Welt hinein, dass es hell werde. Dazu nimmt uns Gott zum Zeichen. Was wird aus unserer Welt? Wie geht es Dir? Als Christen müssen wir keine Angst vor Fragen haben.

Amen

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