Dabei sein ist alles …

Liebe Gemeinde,

wundert Sie’s, wenn ich Ihnen sage, dass ich diesem Wort Jesu gerne ausgewichen wäre? Schnell eine andere Bibelstelle wählen und so tun, als sei überhaupt nichts gewesen? Wer hätte es gemerkt?

Denn wie Euch Konfirmanden verständlich machen, was da steht? – Ich gestehe, dass ich selber 14jährig, von meiner Oma, einer sehr frommen Frau, immer wieder mit solchen Texten von Gericht, Elend, vom Ende der Welt konfrontiert wurde – und ich mochte das überhaupt nicht. Man muss das nicht mögen. Da gibt’s nichts zu mögen.

Deshalb setze ich diesen Bibelabschnitt vom Ende der Welt in einen größeren Zusammenhang.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Er schuf alles, was lebt: An Dein und mein Leben hat Er da auch schon gedacht –liebevoll, freundlich.

Und ganz am Ende, vermutlich weit über unsere Zukunft hinaus, die neue Welt Gottes: Dann, wenn wir Menschen die Erde auf Null herunter gewirtschaftet haben. Wenn nichts mehr zu leben da ist. Wie man das machen kann, können wir heute schon lernen, etwas beim Klimagipfel in Cancun. Dann, am Ende, Gott wieder ganz nah: Siehe da – die Hütte Gottes bei den Menschen. Und: Wer bis dahin durchhält, wird alles ererben.

Wie eine Klammer: Am Anfang Gott und Leben ist da – und am Ende wieder. Er überlässt uns nicht dem hausgemachten Trümmerhaufen, schafft die Erde vielmehr neu.

Aber dann eben das Dazwischen: Kriege, Unruhen, Hunger, Seuchen, Erdbeben – und Heilsbringer, die sich aufspielen als seien sie Jesus persönlich. Alles Dinge, bei denen Gott nicht die Finger mit drin hat, alles Dinge, die Menschen sich gegenseitig antun.

Und ganz nüchtern betrachtet: Das alles haben wir schon:

Kriege – schaut in die Zeitung.

Unruhen – ob in Gorleben, Genua, London oder auf den Strassen von Stuttgart – auch da. Und es war schon mehr, viel mehr …

Hunger – ja, wozu sammeln wir für BROT FÜR DIE WELT? Weil auf dieser Erde immer noch Menschen an Hunger sterben, an Unterernährung, an so lächerlichen Krankheiten wie einer Bronchitis, Kinder, Alte.

Seuchen: Am 1. Dezember war Welt-AIDS-Tag. Wie hoch ist die Zahl der Kranken? 33 Millionen Ende 2007 – die erkannten Fälle jedenfalls. Der Stand der Neuinfektionen? Bei uns einige 10000 im Jahr.

Erdbeben – auch wenn der Rheingraben Erdbebenzone ist, liegt das letzte Beben in Basel mit vielen tausend Toten einige hundert Jahre zurück. Glück gehabt.

Anderswo, in Asien, auf Island, wackelt es dafür um so regelmäßiger und heftiger. Eijaföld … – wie heißt dieser Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der dieses Jahr den Flugverkehr über Europa lahm legte?

Also: Das Grauen ist schon Alltag geworden. Alltag geworden? Für uns, die Gott vertrauen und Liebe üben kann’s nicht Alltag werden, über den Ihr, ich Achselzuckend hinweg gehen.

Kein Stein soll auf dem andern bleiben, sagt Jesus – bis in unsere Beziehungen hinein: Nicht weil Gott das will – will Er überhaupt nicht. Wozu auch? Gott steht für Leben und nicht für Streit. Vielmehr weil Menschen sich gegeneinander auflehnen werden, ans Messer liefern; und die Zwietracht soll sogar mitten durch Familien hindurch gehen.

Das und mehr.

Und was machen wir nun damit?

Wie das Kaninchen auf die Schlange starren und furchtzitternd aus dem Gottesdienst gehen, das kann’s nicht sein und das wird’s nicht sein.

Vielmehr: Wir wissen, was auf uns zu kommt. Und wir können sogar etwas dagegen tun, wenn es uns gelingt zu sein, was wir sind: Kinder Gottes in Seiner Gemeinde. Gemeinde – was für ein Privileg, wenn wirs nutzen; denn gemeinsam sind wir stark.

(1) Wo uns Unglück trifft gilt: „Einer trage des Andern Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ – Und nun nicht nur bedauernd zur Kenntnis nehmen, dass Frau Bischof und Herr Feucht gestorben ist, sondern Herrn Bischof wie Frau Feucht zu Hause aufsuchen: „Guten Tag. Ich bin NN aus der Markusgemeinde. Wie geht’s Ihnen heute? Ich wollte mal nach Ihnen schauen. Kann ich etwas für Sie tun?“ Und der Rest ergibt sich. Warum nicht ein Netzwerk, in dem Menschen für andere da sind?

Bedeutet auch: Menschenfurcht überwinden – und falsche Scham voreinander. Bedeutet ebenso: Mitdenken, wo wer oder was gebraucht wird. – Bei mir selbst will ich das ja auch.

Da seid Ihr Älteren die Vorbilder für unsere Konfirmanden, damit Ihr später selbst etwas davon habt.

Dazu: Viel wurde delegiert „Das macht der Pfarrer … die Diakonie … das Sozialamt.“ Pustekusten: Wir machen das – gemeinsam!

(2) Füreinander eintreten: Wenn’s bei Frau N schlecht geheizt ist und die alte Frau, sich nicht wehren kann, dann spreche ich eben mit dem Hauswirt und versuche eine Lösung zu finden. Oder sie.

Und: Das ist nicht Besonderes, sondern ganz normal.

(3) Füreinander vor Gott eintreten. Das Gebet für die eigene Familie, Kinder, Schwiegerkinder und Enkel, ist Privileg wie Aufgabe der dritten Generation. Aber weshalb nur der dritten Generation? Gibt’s dafür einen vernünftigen Grund wenn, wie die Bibel sagt, das Gebet der Gerechten viel vermag? Und das Stille Gebet hier im Gottesdienst ist einer von vielen Orten.

(4) Wir sind in der Gemeinde gastfreundlich: Die Krabbelgruppe hat nicht so viel mit Kirche am Hut – aber sie haben ein Dach überm Kopf gefunden, damit sie sich treffen können.

(5) Wir sehen nicht mehr nur Probleme und klagen „Ach wie schlimm!“, sondern suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, Lösungen anzubieten. Reden kann jeder – ums beherzte Tun geht’s wie in Kehl, wo sie Räume für Arme öffnen und eine warme Mahlzeit, eine Waschmaschine und eine Dusche gleich dazu

Die Messlatte für das alles hat Jesus doch selbst gesetzt: „Ich war hungrig, ohne Obdach, unbekleidet, im Gefängnis und Ihr wart für mich da – kommt her: Ihr gehört für immer zu mir.“

Damit haben wir noch keinen einzigen Krieg beendet, keine Seuche, keine Unruhen, keinen Vulkanausbruch zum Erliegen gebracht – aber das kleine Elend bei uns, von dem Jesus spricht, das es geschehen soll, dem stellen wir uns entgegen. Weil jedenfalls wir einüben und wissen: Gemeinsam sind wir stark.

Und am Ende unser Herr, wenn Er am Ende des Advent kommt, am Ende steht das Leben. Wenn das am Ende steht lohnt sich’s, heute schon gemeinsam dafür einzustehen.

Gott: Lass die Botschaft nicht versickern, dass Du fürs Leben stehst. Und lass gelingen, wo immer wir füreinander und für Andere einstehen.

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