Etwas Besonderes

Liebe Gemeinde,

wer einmal als Frau eine Schwangerschaft durchlebt, aber auch als Mann die Schwangerschaft seiner Frau miterlebt hat, der hat wohl die Schwangerschaft, sowohl als das Natürlichste der Welt, als auch als etwas und ganz wörtlich zu verstehen ganz „Wunderbares“ erlebt. Jede Geburt eines Kindes ist etwas ganz Wunderbares und Einmaliges. Dazu bräuchte es eigentlich keine Jungfrauengeburt und keine Ankündigung durch den Engel Gabriel. Jede Geburt eines Kindes ist etwas Wunderbares und Einmaliges. Ich denke, dies zu betonen in einer Zeit, in der in den reichen Ländern immer weniger Kinder geboren werden, ist notwendig geworden. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, von den Berufsmöglichkeiten bis hin zur mehr als ärgerlichen Tatsache, dass Kinder in unserer Gesellschaft für viele Menschen ein Armutsrisiko geworden sind. Jede Geburt eines Kindes ist etwas ganz Wunderbares und Einmaliges. Dies ist auch zu betonen im weltweiten Kontext und vor der erschütternden Tatsache, dass Hunderttausende Kinder in jedem Jahr durch Hunger und mangelnde medizinische Versorgung sterben, als Kindersoldaten missbraucht werden oder in frühen Jahren mit Kinderarbeit ihr tägliches Auskommen sichern müssen. Ich darf sie, liebe Gemeinde, auch in diesem Zusammenhang an die Adventskollekte für Brot für die Welt erinnern, liebe Gemeinde.

„Bei einer Geburt erwischen wir Gott auf frischer Tat“, hat Martin Luther einmal geschrieben und das Wunder eines jeden Menschenlebens ausgesprochen. Als Gott den Menschen erschuf, schuf er ihn nach seinem Bilde heißt es in der Schöpfungsgeschichte, in der Übersetzung von Martin Luther. Mir gefällt aber auch die Übersetzung des jüdischen Theologen Martin Buber sehr gut, der unter dem Hinweis auf das Gebot, man dürfe sich kein Bild von Gott machen, übersetzte: Gott schuf den Menschen, als seinen Schattenwurf. Beide Übersetzungen verkünden aber das Gleiche: Menschliches Leben ist ohne Gott nach unserem Glauben nicht möglich, hinter jedem menschlichen Leben steht der Wille Gottes, wir sollen, dürfen und können in jedem menschlichen Leben, vielleicht wirklich wie ein Schattenwurf, etwas verzerrt und nicht immer ganz deutlich, aber eben doch immer Gott selbst erkennen.

Es bedarf also in Wirklichkeit keiner Jungfrauengeburt, liebe Gemeinde und keiner Verkündigung durch den Engel, um jedes Kind, als ein Kind Gottes zu bezeichnen. Und trotzdem, liebe Gemeinde, ist dies auf vielfältige Weise natürlich auch eine besondere Geburtsgeschichte. Denn Maria trägt, ob jungfräulich oder nicht, den seit Jahrtausenden verheißenen Messias in sich, den von Gott Gesandten, den, der nach theologischer Lehre wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist, den ganz Mensch gewordenen Gott, der die Liebe ist.

Jede Geburt eines Kindes ist etwas ganz Wunderbares und Einmaliges. Aber die Geburt dieses Kindes wird die Welt verändern. Wir beginnen zu verstehen: Der Retter der Welt wird geboren von einem jungen Mädchen, einem Mädchen, so viel wir wissen, aus ärmlichen Verhältnissen. Maria heißt sie. Und sie soll ein Kind gebären. Den soll sie Jesus nennen.

Später wird die Kirche aus diesem sehr jungen Mädchen Maria eine Gottgebärerin machen, eine Mutter Gottes. Man wird sie anbeten, als Figur in edle Stoffe gekleidet durch die Straßen tragen, nichts davon steht freilich in der Bibel. Maria war Jüdin inmitten eines jüdischen Volkes und auch ihr Sohn Jesus wird als Jude leben ,er wird, wie es das Gesetz forderte, am 8. Tage im Tempel dargebracht und beschnitten werden, er wird mit 12 als er dann den Eltern im Festtagstrubel verloren geht, seine Bar Mitzwa erlangen und die Tora studieren und im Tempel lehren. Kein Jude jedenfalls käme auf den Gedanken, Maria als die Mutter Gottes zu bezeichnen. Wenn wir aber diese theologischen Diskussionen um Maria verlassen, liebe Gemeinde, wenn wir einmal in den unterschiedlichen konfessionellen Deutungen über Maria, das Gemeinsame suchen, dann fällt auf:

Maria versteht die Welt nicht mehr, als ein Engel vor ihr steht und sie ein unbedeutendes Mädchen in einem unbedeutenden Nest mit Namen Nazareth, anspricht. „Sei gegrüßt, du Hochbegnadete“, damit kann sie ja nicht gemeint sein. Was soll also dieser Gruß? Man kann auch Ihr Erschrecken, von dem die Rede ist, verstehen. Der Gruß des Engels: „Fürchte dich nicht“ geht auf dieses Erschrecken ein und wir gemeinhin zum Gruß der Engel, wenn sie Menschen begegnen, um ihnen Gpottes Botschaft zu verkünden. „Fürchte dich nicht“, das sollten auch wir als adventliche Botschaft Gottes an uns hören. Du hast Gnade gefunden bei Gott.

„Und siehe! Du wirst im Schoß empfangen und einen Sohn gebären. und du sollst seinen Namen Jesus rufen. Er wird ein Großer sein und Sohn des Höchsten gerufen werden: Und geben wird ihm Gott der Herr den Thron seines Vaters David. Und König wird er sein über dem Haus Jakob die Weltzeiten hin und seines Königtums wird kein Ende sein.

Das Wunder dieser Geburt ist nicht die Geburt selbst, sondern, der der geboren wird. Maria aber versteht das noch nicht, wie sollte sie auch. „Sohn des Höchsten“, „Thron seines Vaters David“, „Sein Königtum wird kein Ende haben“. Mir fällt auf, liebe Gemeinde, dass Maria auf all die Verheißungen, auf all diese dogmatischen Spitzensätze nicht eingeht. Kein Wort dazu. Sie ist mit anderem beschäftigt: Wie schwanger? Von Niemandem? Durch den Heiligen Geist? „Wie soll das denn zugehen?“, fragt sie zurück. „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“, antwortet der Engel und wie als ein Zeichen verweist er darauf, dass auch Elisabeth, hochbetagt, noch einmal schwanger geworden ist. Und dann spricht Maria diese Worte: Da! Ich bin die Magd des Herrn, es geschehe mir nach deinem Wort.

Maria, liebe Gemeinde sagt JA zu diesem Kind, in dem sie durch die Botschaft des Engels den Willen Gottes erkennt. Sie sagt Ja, zu diesem Kind, obwohl sie schon jetzt eine Ahnung davon haben wird, wie diese Geschichte weitergehen wird. Was wird Josef dazu sagen? Was werden die Leute dazu sagen? Von was soll ich dieses Kind ernähren? Und trotzdem sagt Maria „ Ja“ zu diesem Kind, weil sie weiß, dass die Geburt jedes Kindes etwas ganz Wunderbares und Einmaliges ist. Und weil sie weiß, dass dieses Kind der Wille Gottes ist und obwohl sie vielleicht noch nicht einmal ahnt, dass dieses Kind der Retter der Welt ist, sagt sie „Ja“ zu diesem Kind. Gott wurde Mensch im Kind von Bethlehem, liebe Gemeinde, das zu verstehen übersteigt unsere Vernunft, und es ist doch die Grundlage all unserer Hoffnung und unseres Glaubens.

Dieser Glaube an den Gott der Mensch wurde, weil er die Menschen liebt, er ist uns zugleich Auftrag in jedem Kind ein Wunder Gottes zu sehen und darauf zu achten, dass Kinder in unserer Welt nicht immer wieder Unheil geschieht und das auf vielfältige Weise. Die Heilsgeschichte unseres Glauben fängt bei diesem Kind in Bethlehem an, sie darf bei unseren Kinder nicht aufhören. Wir haben viel in den letzten Jahren über den Missbrauch an Kindern gehört. Vom sexuellen Missbrauch bis hin zu Gewalt an Kindern, liebe Gemeinde. Ich habe den Verdacht, dass dies alles auch ein Hinweis darauf ist, wie gottlos diese Welt schon geworden ist.

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