O Heiland, reiß die Himmel auf …

Liebe Gemeinde,

der durchschnittliche Besucher eines Gottesdienstes ist schon etwas älter. Er mag keine Veränderungen, sondern hat es gerne, wenn alles so bleibt wie es ist. Der durchschnittliche Besucher eines Gottesdienstes ist schon etwas älter, er hat viele tief greifende Veränderungen, sei es Flucht und Krieg, sei es Krankheit und Not, sei es Sorge und angst, sei es Schicksalsschlag oder Sonst was erfahren in seinem Leben – und darin Halt und Stütze im Glauben gefunden. Der durchschnittliche Besucher eines Adventsgottesdienstes ist nicht nur schon etwas älter, sondern möchte gerne in dieser bei uns im Norden so dunklen Zeit etwas Wärme, Licht, Weihnachtsvorfreude erleben.

Aber alles ändert sich. Und alles hat einen Anfang und alles hat sein Ende. Das gilt für unser Leben, für unsere Kirche, für unsere Stadt, für unsere Welt. Nichts bleibt wie es war, nichts bleibt wie es ist. Und Adventszeit ist Erwartungszeit. Warten auf die Kraft, die alles ändert, alles neu macht, alles heil macht. Kein ängstliches Harren, sondern frohes Erwarten. Soll sich doch etwas ändern? Liebe Besucher des 2. Adventes, seid Ihr bereit, Euch auf etwas Neues zu freuen? Auf Heil?

(Organistin spielt die Melodie von Lied 7 ein)

Ich erinnere eine Geburt. Aus einem Paar wird eine Familie. Aus Liebe wird neues Leben, aus Zwei wird Drei. Wunder der Geburt. Aber sie ist nicht ohne Wehen zu haben, nicht ohne Stress und nicht ohne Schmerz. Ich erinnere einen alten Herrn in diesem Jahr, wir standen in Kiel an der Förde, er blickte auf das Hafenpanorama, Oktobersonne, herausgeputzt lag die Stadt da in mildem Blau. Als wir hier 1945 ankamen, stand hier kein Stein auf dem Anderen. Nur Schutt und Trümmer und Rauch. Mehr sagte er nicht und hing seinen Gefühlen nach. Keine Veränderung ohne Chaos und Schmerz und Rauch und Trümmer. Das Alte ist vergangen, aber es verging nicht still und leise, dreh Dich nicht um, Lot, schau es Dir nicht an, wie es zusammenstürzt, schau nach vorne, sonst erstarrst Du, hebe Dein Haupt nach oben, Deine Erlösung naht.

Szenenwechsel. Deutschland 1622. Der dreißigjährige Krieg wütet im Land und will noch lange kein Ende nehmen. Er soll noch dauern bis 1648. Deutschland zerfleischt sich wegen der Religion, im Namen Christi und der reinen Lehre. Elend überall. Seuchen, die Pestfeuer lodern, die Hexenverbrennung ist auf ihrem Höhepunkt, überall sucht man die Sündenböcke, die, die am Elend Schuld sein sollen und bindet sie auf die Scheiterhaufen. Auch in Heiligenhafen lodern Scheiterhaufen auf dem Markt, auch hier am Strand des Sundes. Menschen hungern, Menschen frieren, Menschen sterben, Menschen morden – und das ist Alltag. Friedrich Spee fühlt das alles und dichtet: O Heiland, reiß die Himmel auf. Er dichtet: Und erleichtert damit seine Seele. Ein Schrei nach Erlösung, nach Veränderung, nach Heil. Ein besonderes Adventslied ist es geworden, kein Gemütliches, sondern ein Flehendes. Ein Stossgebet aus tiefster Not, aus tiefster Not schrei ich zu Dir.

(Organistin spielt erneut die Melodie von Lied 7 ein)

Soll sich wirklich nichts ändern? Weil, hier in Heiligenhafen haben wir es ja ganz gemütlich. Soll es also so bleiben, dass das Geld die Welt regiert und die kleinen Leute die Banken und Spekulanten retten müssen? Dass krepiert wird und gesteinigt wird und gefoltert wird und vergewaltigt wird und belogen und betrogen wird?

Was willst Du uns erzählen, Pastor? Das wir unsere Häupter erheben sollen und nach oben blicken und auf Batman warten sollen, der vom Himmel kommt und kräftig aufräumt?

Nein, das will ich Euch nicht erzählen. Batman ist zwar eine ganz nette amerikanische Kinderfantasie, aber das mute ich Euch nicht zu.

Ich will Euch erinnern. Was trug Euch in allen Veränderungen und Katastrophen Eures bisherigen Daseins? Der Glaube? Aber was ist das: Glaube.

Schaut nach innen, in die hinterste Ecke eurer Seelen. Nein, ich sage jetzt Wir, ich will mit Euch schauen. Wir tief drinnen, da ganz unten und ganz hinten in einer Stallecke finden wir das Leben in der Krippe, wie es schreit und nicht aufhören will zu leben. Da tief unten in uns finden wir in der Nacht zwischen all den Trieben und Instinkten und auch bösen Neigungen, die Hass und Geiz und Gier nähren, da finden wir — die Sonne, das Licht des Morgens, aufgehend, scheinend, Liebe und Wärme anfeuernd, da finden wir unser Heil zwischen den blutigen Wunden des Lebens, unser Heil, das uns weitermachen, weitergehen, weiterlieben ließ, das uns Kraft gab, nicht aufzugeben, nicht uns das Leben zu nehmen oder das Leben in Bitterkeit und Starre und Hass zu verschließen.

Das soll sich ändern, das sollen wir erwarten, das soll zutage, das ist besser als Batman, der nur eine Fantasie ist. Das hier aber wirkt, das ist Gotteskraft, die uns verändert und was uns verändert, das verändert auch unsere Welt.

Mehr können und brauchen wir nicht erwarten. Denn dann kriegt der Feigenbaum in unserer Seele Blätter – und der Sommer ist nahe und wir erheben unser Haupt, und suchen keine Sündenböcke mehr, weil die Sünde Gefühlskälte ist – aber in uns ist es nicht mehr kalt, sondern warm – und wir lächeln und singen mit Friedrich Spees Versen.

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