Wenn das Dunkel vergeht

1 So spricht der Herr: »Wehe euch, ihr Führer meines Volkes! Ihr seid Hirten, die ihre Herde auseinander treiben und zugrunde richten! 2 Ich hatte euch befohlen, mein Volk, meine Herde, zu weiden. Aber ihr habt sie zerstreut und davongejagt, anstatt für sie zu sorgen. Darum werde ich euch für eure Vergehen zur Rechenschaft ziehen, ich, der Herr, der Gott Israels.

„Wenn’s jetzt im Spätjahr dunkel wird und wir zum Fenster herausschauen, dann wissen wir: Da kommt jetzt nicht mehr viel – der Tag ist um …“ So begann Frau Doleschal, meine Kollegin in Auenheim die Andacht vor Beginn der HV der Kirchlichen Sozialstation. Recht hat sie – auch wenn wir noch am Morgen sind: Der späte Nachmittag und das Dunkel kommen und die Sehnsucht nach Licht.

Es gibt noch mehr Dunkelheiten: Die Älteren erinnern sich noch an die Bombennächte auch dann, wenn’s hier im Ort vermutlich keine Einschläge gegeben hat. Und erinnern sich an die Wege in die Schutzräume mit den Kindern, mit der Ungewissheit, was kommt und was sie hinterher vorfinden würden, wieder draussen, hatten von anderen gehört, die im Dunkel der Keller blieben, verschüttet, verletzt, tot. Das ist schon lange her, Gott sei Dank.

Auch andere Dunkelheiten: Krankheiten – Krankheiten können einem das Leben ganz schön dunkel machen, plötzlich ist der Schrecken da und die Angst, Todesfälle, Schulkameraden von früher, in der eigenen Familie – … und die Einsch´läge kommen näher.

Die damals in Israel, die kurz nach Jeremia, die würden dabei vielleicht nur bedauernd mit den Achseln zucken: Verbannt, verschleppt, in der Fremde, keine Heimat, kein Tempel, kein Gottesdienst – aus, Schluss, fertig. Da kommt nichts mehr – was auch?

Und die, die mit ihrem Ungehorsam gegen Gott dem Volk die Suppe eingebrockt hatten, dachten, wenn sie nicht wie unsere Alt-Nazis in unverbesserlichem Trotz verharrten heute, dass sie wohl besser auf Jeremia gehört hätten statt ihn mundtot zu machen. Ganz klein waren sie jetzt, die, die eben noch die großen Geschäfte gemacht, die großen Räder gedreht, das große Wort geführt hatten.

Wie würde das wohl mit uns aussehen, wenn Gott uns so behandelte, wie wirs tatsächlich verdient haben? Mit uns, den denen um uns, mit unserem Land und der Gesellschaft, die immer weiter aufgespaltet wird in arm und noch reicher und denen dazwischen, die verzweifelt festzuhalten suchen, was sie einmal sicher wähnten? Ob die Angst, die unserem Volkscharakter nachgesagt wird, ein wenig davon widerspiegelt, was sein könnte?
Dunkel. Aus.

Damals jedenfalls die Überzeugung: Wir haben unsere Chance gehabt. Und verspielt. Gott ist fertig mit uns und wir ein Spielball der Geschichte. So war’s. So oder ähnlich.

Dunkel? Aus? – Nein: Nicht bei Gott: Der hat zwar nach langer Geduld Seinem Zorn freien Lauf gelassen. Aber nicht für immer. „Einen Augenblick habe ich Dich verlassen – aber mit umso größerer Liebe wende ich mich Dir nun zu.“

Und Jeremia weiter:

[TEXT]

Das alles, das ganze Dunkel, das ist jetzt da. Und das braucht es jetzt. Es kostet etwas, das Dunkel auszuhalten. Das hinterläßt Spuren.

Aber das soll nicht so bleiben. Stück um Stück soll es geschehen und ich höre mit „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sacharja 9,9)“

Und Er ist gekommen. Er hat gelebt: Nicht nur das Kind in der Krippe, dem die Musik in Geschäften und auf Weihnachtsmärkten entgegendudelt, als sei das alles gewesen. Auch der Mann auf den Strassen Galiläas, der so anders war mit seinem großen, großen Gottvertrauen: „Macht Euch doch nicht so viele Sorgen … seht Euch die Lilien an und die Spatzen … meint Ihr, dass Gott auch nur einen von Euch je vergessen wird?“ – Mit Seiner Entschiedenheit … mit Seiner Liebe … mit Seiner Vollmacht, die dem Dunkel, sogar dem ganz tiefen Dunkel der Todesnacht eine Grenze setzte.

Wer ihn erlebte, die, der hat Leben erlebt. Lebendiges, erfülltes Leben. Und selbst wir, wenn wir unserem Glauben nur Glauben schenken, wissen nun, dass alles anders sein kann.

Und wir erlebens, wenn wir leben was wir glauben, wo wir leben, was wir sind: Töchter und Söhne des Allerhöchsten, Menschen, die Ihm verbunden sind und zu leben suchen wie Er.

Da werden Wunden geheilt, da wird Schaden abgewendet, da werden Fesseln gelöst, soziale Fesseln, Fesseln, die wir uns gegenseitig mit unseren Bildern und Vorstellungen voneinander auflegen, den Schubladen, in die wir uns einsperren und keiner kommt mehr raus, wo wir uns gegenseitig wertschätzen, zu respektieren, zu achten – ich versteige mich nicht: als Geschwister zu lieben beginnen. Da ist Er gegenwärtig, wo zwei oder drei in Seinem Namen zusammen sind.

Das ist noch nicht die neue Welt – aber da und dort scheint sie durch das alte graue Kleid der Gegenwart durch. Und das tut dann so gut.

Christen. Sie. Ich. Millionen mehr. Und wir alle in einer GmbH, einer Gesellschaft mit bestimmter Hoffnung. Er kommt und alles wird noch einmal ganz neu. Und manchmal, ja, manchmal spüren wirs, bekommen eine Nase voll von dem neuen Geruch des Lebens mit, dass wir uns aufrichten, leben, den Augenblick genießen bevor uns der Alltag wieder einholt und manchmal sogar träumen, wie es dann einmal sein wird – und dann wieder weiterleben als Seine Vorhut und auf Hoffnung hin …

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