Wir suchen den Himmel

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Aus welchem Mund, liebe Gemeinde, könnte dieser Satz wohl stammen? Welches Bild wecken diese Worte vor ihren Augen?

Sehen sie vor sich den Besitzer eines großen Konzerns, der mit seinem Stammhalter über ein Fabrikgelände schreitet, eine Werkhalle vor sich, in der jeden Tag hunderte von Mitarbeitern zu tun haben, einen Fuhrpark mit fünfzig LKWs, die Rohmaterial aus fernen Ländern bringen und Produkte wieder abtransportieren, damit sie in die ganze Welt verkauft werden?

Sehen sie einen Sammler vor sich, der über Jahrzehnte Bilder und Skulpturen kaufte, vielleicht so viele und so wertvolle, dass es sich lohnte, ein Museum oder eine Ausstellungshalle zu bauen, so dass nun Touristen aus dem ganzen Land kommen, um Aquarelle, Grafiken und andere Malereien zu besehen; einen Sammler, der alt geworden ist und ahnt, dass er nichts von alledem wird behalten können, dann, an jenem Tage, einem Sammler, der es weitergeben wird, was er erworben hat, in dankbare Hände?

Können sie sich diese Worte aus dem Mund eines verarmten Adeligen vorstellen, im Hof eines Schlosses gesprochen, das seit Jahrzehnten baufällig ist, dem es durch das Dach regnet, dem der Wind durch die zerbrochenen Fenster heult, so dass die Leute drüben im Dorf heute noch sicher sind, dass es in diesem alten Fürstensitz spukt?

„Eines Tages, mein Kind, wird dies alles Dir gehören…“

Können sie sich vorstellen, wie die so angesprochenen Erben auf diese Worte reagieren? Der Sohn des Konzernchefs dankbar, stolz, vielleicht aufgeregt über die große Verantwortung, die ihn erwartet? Die Enkelin des Sammlers, die Kunstgeschichte studiert hat, und der es wie ihrem Opa ein Herzenswunsch ist, die Sammlung zusammen zu halten und wo möglich mit kompetenten Sachverstand zu erweitern? Der Neffe des Adeligen, der so gar keine Lust hat, Zeit und Lebensenergie in dieses verfallene Bauwerk zu stecken, und sei es auch der durch vierhundert Jahre hindurch vererbte Sitz der Familie?

Ich habe einmal ein sehr bitteres Comicbild in einer Zeitung gesehen, eine Karikatur: Ein Mann steht mit einem Kind vor einer zerstörten Landschaft: Die Bäume sind abgesägt, nur ihre Stümpfe ragen noch aus dem Boden, darüber schwebt der Brandgeruch aus einer zerstörten Stadt, ein Panzer steht zerschossen auf einer Landstraße, und aus seinem Tank läuft Öl in einen See, in dem die Körper toter Fische treiben… Und der Mann sagt, indem er eine großartige Handbewegung macht: „Eines Tages, mein Kind, wird dies alles dir gehören…“

„Wer überwindet, der wird dies alles erben…“ so heißt es im Predigttext. Welche Gedanken weckt dieser Satz in ihnen, heute, hier in dieser Kirche?

Der Seher Johannes, der das letzte Buch der Bibel geschrieben hat, beschreibt eine Zukunftshoffnung. Von der Hoffnung auf die Zukunft schreibt er, weil in der gegenwärtigen Welt, in der er lebt, so wenig zu sehen ist, was Mut macht und hoffen lässt. In seiner Zeit werden die Christen verfolgt, dürfen ihren Glauben nicht öffentlich verkünden und bekennen, die Kirche, kaum hundert Jahre alt, beginnt schon zu zerfallen und in Splittergruppen auseinander zu brechen, die Glaubenskraft der ersten und der zweiten Generation der Christen verblasst und es bleibt ein auf blutleere Rituale fixierter, lauwarmer Traditionalismus, dem die Kraft, das Brennen des Geistes fehlt…

Das Christentum – ist es ein Experiment, das eigentlich gescheitert ist? Was hat es, was es wert wäre, an eine nächste Generation weiter gegeben zu werden?

Kommen uns diese Fragen nicht sehr aktuell und vertraut vor? Sind es nicht auch unsere Erfahrungen, unsere Fragen, die wir hier in den alten Worten und Bildern des Sehers Johannes wieder entdecken können? „Ihr werdet dies alles erben…“ Ja, wollen wir es denn überhaupt? Was bedeutet uns der Glaube, ist die Kirche wie das alte Fürstenschloss nicht ein abbruchreifes Gebäude, das man gar nicht so gerne am Hals haben möchte? Hat der Glaube noch Kraft, die uns im Leben und im Sterben trägt?

Ich habe es im vergangenen Jahr oft erlebt, dass er diese Kraft hat. Viele Menschen sind heute hier im Gottesdienst, die einer besonderen Einladung gefolgt sind: Sie haben in diesem Jahr einen Angehörigen begraben müssen, den sie geliebt haben und den sie vermissen. Damit wir gemeinsam die Trauer tragen, uns gegenseitig trösten können und die Namen der Verstorbenen noch einmal in ehrendem Gedenken in diesem Gottesdienst nennen, dazu sind sie hier mit uns zusammen gekommen.

Und in den Gesprächen, die ich mit manchen von ihnen bei der Vorbereitung von Trauerfeiern geführt habe, da habe ich es gemerkt: Dass sie sich von dem Glauben an Gott getragen fühlten, der uns auch in den Wochen des tiefen Schmerzes nicht verlässt. Er erspart uns den Schmerz nicht, er macht ihn uns nicht einmal leichter oder einfacher zu ertragen, aber er ist bei uns im Leid, er hält unseren Zorn aus, er ist der Empfänger unserer Klage – und schließlich wird er auch zum Ziel unserer Dankbarkeit und zu einem tragenden Fundament neuer Freude. Ist es nicht so gewesen?

Ich habe im vergangenen Jahr erlebt, dass Gemeindeglieder durch ihren Glauben dazu bewegt wurden, sich hier in der Gemeinde und anderswo in unserem Stadtteil für Arme, Kranke und Einsame einzusetzen. Wenn ich deren Namen hier im Gottesdienst nennen würde, würden sie wohl rot werden, wären mir böse, dass ich sie so in die Öffentlichkeit gezerrt habe und würden sagen: „Das ist doch nichts Besonderes, das gehört sich doch ganz einfach so…“ Es sind aber diese kleinen Dienste von Einzelnen an Einzelnen, die uns helfen, diese Welt und unsere Stadt bewohnbar zu erhalten, sie zu einem Ort zu machen, an dem man immer noch leben kann, sogar gern und glücklich leben kann. Die vielen kleinen „guten Taten“ sind es, die uns hier in Schöneberg die Kraft des Glaubens erleben lassen und die uns die Liebe Gottes spürbar machen – sonst wüssten wir nichts von ihr, und sie bliebe ein leeres Wort. Diese Liebe ist das Öl in den Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Gleichnis, das wir als Evangelium gehört haben.

Ich habe im vergangenen Jahr auch Wochen voller Hoffnungslosigkeit erlebt. Manche, die mich gut kennen, haben mir das angesehen. Es ist mir eine Zeit lang so schwer gefallen, Impulse, neue Ideen, Phantasie und Visionen in die Gemeinde zu bringen. Von einem Pfarrer wird das erwartet, aber auch der hat seine dunklen Zeiten. Die Kraft war verbraucht, und ich hatte das Gefühl, in einer Atmosphäre aus Enttäuschung und gegenseitigem Misstrauen nur noch schwer atmen zu können. Ich habe aber Hilfe gefunden, bei Schwestern und Brüdern, und manchmal sogar dort, wo ich sie nicht gesucht und erwartet habe. In dem Psalm, den der Chor gesungen hat, habe ich viel von dem Gefühl und der Sehnsucht wieder gefunden, die ich damals empfunden habe. Und was mir damals liebe Menschen gesagt haben, sage ich nun mir und Euch: Harre auf Gott, ich werde ihm noch danken, das er meine Hilfe und mein Gott ist.

Wir haben in den vergangenen Wochen Gottesdienste gefeiert, die von sehr tiefen, nachdenklichen Gedanken geprägt waren: Am Reformationstag haben wir uns erinnern lassen, dass eine Kirche, die sich nicht mehr bewegt, die nicht mehr bereit ist, sich verändern zu lassen, sehr bald stirbt, erstarrt und versteinert. Das kann sogar für eine Kirche gelten, in der scheinbar noch viel passiert, die ihren Aktionismus auslebt und viele Aufsehen erregende „Leuchtfeuer“ strahlen lässt – wo sie den Kontakt zu dem verloren hat, der sie überhaupt erst zur Kirche macht, stirbt sie: „Du hast den Namen, dass Du lebst, aber Du bist tot.“ bezeugt Johannes einer solchen Gemeinde. Kirche lebt aus Gott – oder sie lebt nicht.

Am Volkstrauertag und am Buß- und Bet-Tag haben wir uns sagen lassen, dass wir als Kirche in der Gesellschaft eine Aufgabe haben, die uns niemand sonst abnehmen kann: Die Aufgabe, die Stimme zu erheben für die Armen und Schwachen, die Verfolgten und zu Unrecht Verdächtigten, für die unschuldig Gefangenen und die im Krieg Vertriebenen und Getöteten, dort hin zu gehen und da zu helfen, wo auch Christus hingegangen wäre und wo er geholfen hätte… Wir sind als Christen ein Teil der Gesellschaft, aber wir stehen durch den besonderen Auftrag, den Gott uns gibt, auch der Gesellschaft gegenüber und erheben unsere Stimme für die, deren Stimme sonst niemand mehr hört, erheben unsere Stimme, damit am Ende nicht nur zerstörte Städte und Landschaften bleiben, damit nicht nur Hunger und Tod für unsere Nachkommen und Erben bleibt. Kirche ist, wo Christus ist – oder sie bleibt nicht.

Und heute, am Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, lassen wir uns sagen, dass wir wirklich Grund haben zur Hoffnung. Wo der Glaube wirksam ist unter uns, wo Menschen sich durch ihr Gottvertrauen in Bewegung setzen lassen, mit Herzen, Mund und Händen sich für diese Welt einzusetzen und so die Liebe Gottes in die Welt bringen, da ist Grund zur Hoffnung. Wir lassen uns aber sagen, dass wir nicht selbst, nicht unser Tun und Lassen, Grund dieser Hoffnung sind. Gott ist es, der den neuen Himmel und die neue Erde schaffen wird, er ist es, der richtet, der zurecht bringt, der Gerechtigkeit schafft, der hilft und heilt, und er tut es da, wo wir in seinem Namen tätig sind. Im Licht der Ewigkeit rechnen wir aber nicht mehr mit der begrenzten Möglichkeit und Fähigkeit der Menschen, sondern mit der grenzenlosen Freiheit der Liebe, die den Tod überwindet, die die Glaubenden zum Hochzeitsmahl im Himmel lädt und die die Mauern zwischen Gott und den Menschen einfach überspringt. Kirche sucht nicht weniger als den Himmel – oder sie hofft nicht.

„Ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein… und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn – seht: Das Alte ist vergangen: Er macht alles neu!

Wer überwindet, der wird dies alles erben. Eines Tages… und schon jetzt.“

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