Narben

Liebe Gemeinde,

ich habe hier am Daumen eine Narbe. Sie ist ein bisschen wulstig und bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, wo die Ärztin genäht hat. Mit dieser Narbe sind eine Reihe von Erinnerungen verbunden. Ich war sieben Jahre alt und mein Vater hatte mir sein – wie stets gut geschärftes – Klappmesser geborgt, weil ich mir einen Bogen schnitzen wollte. So einen aus einem Stock und einem Stück Schnur.

Ich schnitzte und fuhr mit voller Wucht in den Daumen. Das weitere können Sie sich denken. Ich weinte, mein Vater tröstete und verarztete mich. Aber in den nächsten Tagen zeigte sich, dass das Pflaster nicht reichte. Die Wunde entzündete sich, immer wieder blutete sie. Also musste ich in die Praxis einer Ärztin, die die Wunde säuberte, die Ränder sauber schnitt und dann nähte.

Die Zeit der Wundheilung war für mich schlimm. Ich durfte nicht am Sportunterricht teilnehmen, nicht auf der Strasse spielen, und donnerstags durfte ich nicht in den Turnverein. Die, die mich kennen, können sich vorstellen, wie schwer das für mich war. Aber irgendwann war es soweit, das letzte Pflaster wurde abgenommen. Mein Vater, der mich begleitet hatte, kaufte mir eine Tafel Schokolade, um mit mir zu feiern, dass der Daumen wieder in Ordnung war.

Eine Narbe, sichtbar am Körper. Narben, unsichtbar in unserer Seele. Nun will ich die Trauer und den Schmerz, die viele von Ihnen heute in die Kirche geführt haben, natürlich nicht mit meinem Daumen gleichsetzen, aber einige Vergleiche bieten sich doch an. Denn wie bei meinem Daumen brauchen auch die inneren Wunden ihre Zeit, um zu heilen. So, wie ich als kleines Mädchen schmerzhaft empfand, dass so vieles eben nicht ging, das erfahren wir in unserer Trauer um einen lieben Menschen um so schärfer. Manche unserer Wunden vernarben langsam, manche werden wulstig, manche schmerzen noch nach Jahren. Wie bei einem Heilprozess einer körperlichen Verwundung braucht unsere Seele auch ihre Zeit. Wie gut ist es, wenn Menschen um uns sind, die uns verstehen und bei denen wir so traurig sein dürfen, wie wir es gerade sind. Nichts ist schlimmer, als in dieser Situation hören zu müssen: „Das wird schon wieder.“ Oder „Kopf hoch, du schaffst das.“ Das Wegreden, das Nicht-wahrhaben-wollen tut genauso weh wie die Trauer.

Ein Vers unseres Predigttextes nimmt diesen Gedanken auf. In der Offenbarung des Johannes steht: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Es wird keinen Tod mehr geben und auch keine Traurigkeit, keine Klage, keinen Schmerz. Was früher war, ist für immer vorbei."

Ich liebe diese Worte. Ich liebe sie, weil sie erst einmal davon erzählen, dass Gott meine Tränen sieht. Er geht nicht zur Tagesordnung über und erwartet von mir gesellschaftlich-angepasstes fröhliches Verhalten oder tiefe Glaubensgewissheit. Nein, er sieht, wie es Menschen geht, die trauern. Warum gehen denn viele so gern auf den Friedhof? Weil sie da weinen können, ohne ermahnt zu werden, doch damit mal langsam aufhören zu sollen. Weil sie da in Ruhe den Gedanken an ihre Lieben nachhängen können, ohne ermahnt zu werden, sich doch nun mal wieder dem Leben zuzuwenden. Ich gehe auch gern auf den Friedhof. Neulich war ich dort. Ich kam erst nach Sonnenuntergang an. Überall brannten Grablichter, was ihm eine heimelige Atmosphäre verlieh. Der Nebel zog lautlos durch Bäume und Sträucher und es war, als wolle er sanft und warm die Gräber zudecken. In der fallenden Dunkelheit fühlte ich mich Gott und in meinen Erinnerungen den Meinen ganz nah.

Ja, Gott gibt uns Zeit für unsere Trauer. Und er wischt uns liebevoll die Tränen ab, die unserer Augen und die unserer Herzen. Und mit der Zeit – und das ist kein Druck, sondern ein wundervolles Zukunftsbild – werden wir uns verändern. Wir werden nicht aufhören, unsere Verstorbenen zu lieben. Aber wir werden ihnen einen neuen Platz in unserem Leben, in unserem Denken gegeben haben. Im Bibeltext steht: Was früher war, ist für immer vorbei. Damit ist weder die Liebe noch die Trauer gemeint, die tief in uns ihren Platz gefunden haben. Nein, dieser Satz beschreibt in geradezu schmerzender Klarheit die Wirklichkeit. Denn, liebe Gemeinde, genau das ist es doch, was es so schwer macht: Es ist vorbei. Und nichts kann uns die Frau, den Mann, die Mutter, den Vater, die Tochter, den Sohn wiedergeben. Nichts kann uns die Zeiten, in denen wir glücklich miteinander waren, zurückbringen.

Um noch einmal auf meinen Daumen zurückzukommen: Er wird nie wieder so sein wie früher. Seit 50 Jahren habe ich diese Narbe. Aber es wäre doch niemand auf die Idee gekommen, zu sagen: „Du wirst jetzt immer mit einem blutenden Daumen leben müssen. Immer Schmerzen, immer ein Verband, die linke Hand kannst du nie wieder richtig benutzen.“ Und es wäre auch niemand auf die Idee gekommen, dem kleinen Mädchen zu raten, nie wieder ein Messer zu benutzen. Ja, stellen Sie sich vor, ich hätte über diese Narbe mein Leben definiert. Ich hätte nie wieder ein Messer angefasst. So aber lernte ich, wie ich mit dem Messer umzugehen habe. Und ich schneide mich – bis heute – nicht mehr als andere.

Gott lässt uns die Zeit zum Trauern, die wir brauchen und gleichzeitig lädt er uns ein, in die Zukunft zu schauen. Wie schön, wenn wir Menschen an unserer Seite haben, die unsere Tränen aushalten, uns aber auch vom Leben erzählen. Die mit uns am Grab stehen, aber auch den Himmel sehen. Die unsere Trauer mittragen, aber auch mit uns lachen.

Wenn bei einigen von Ihnen die Trauer noch zu frisch, das Herz noch zu wund ist, dann können Sie den Worten „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und es wird keine Traurigkeit mehr geben“ vielleicht nicht glauben. Aber das ist im Moment auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie die Worte hören und nicht vergessen. Und dass Sie sich an sie erinnern, wenn der Schmerz Sie mal wieder in den Klauen hat und schüttelt. Und dass Sie dann Ihrem ganzen Leid entgegensetzen können: „Gott wird meine Tränen abwischen. Irgendwann werden Schmerz und Trauer und Tod nicht mehr sein.“

Diese Zusage lässt uns an die Zukunft glauben. An eine Zukunft, in der wir unsere inneren Narben anschauen können und über die Erinnerungen, die mit ihnen verbunden sind, lächeln. Eine Zukunft, in der wir Freude an den schönen Dingen des Lebens haben werden. In der wir morgens aufwachen und neugierig fragen werden: „Ein neuer Tag!? Was wird er mir bringen?“ Noch ist die Zukunft nicht da, aber wir wissen alle, dass sie kommen wird. Und wer weiß, vielleicht wird sie so gut wie es die Tafel Schokolade war, die mein Vater und ich gemeinsam auf der Parkbank in einem Rutsch aufgegessen haben.

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