Plötzlich ist alles anders

Liebe Gemeinde,

an diesem letzten Sonntag des Kirchenjahres, hören wir Worte aus dem letzten Buch der Bibel. Der sogenannten Offenbarung. Es sind Worte, die der Prophet, der Seher Johannes in seinem Exil auf Patmos sah. Es sind Worte die Menschen, wie uns, Menschen, die Leid und Trauer zu tragen haben, erreichen wollen, vor allem in unserem Innersten, unserer Seele, dort wo sich unser Leben wirklich abspielt – Diese Worte versuchen Hoffnung zur Sprache zu bringen, wir wollen Gott bitten, dass er uns an diesem Tag, an dem wir unserer Verstorbenen gedenken, mit dieser Hoffnung erreicht.

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Liebe Gemeinde, ich erinnere mich an ein Trauergespräch. Die Frau, deren Mann nach langer Krankheit und doch begleitet mit ganz viel Hoffnung auf Heilung verstarb, sitzt mir gegenüber, schaut mich an und sagt: Und plötzlich ist alles anders. Ja das stimmt. Der Verlust eines Menschen, den ich liebte, mit dem ich eine lange Zeit meines Lebens, vielleicht gar Jahrzehnte verbunden war, verändert alles, auch und nicht zuletzt mein eigenes Leben.

Plötzlich ist alles anders.

Das werden viele von ihnen gedacht und gefühlt haben unabhängig davon, ob der Tod als Katastrophe erfahren werden musste, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht, oder ob der Tod als Erlösung erfahren durfte, nach langem Leid. Unabhängig ob wir dem Tod mit der verzweifelten Frage nach dem „Warum“ entgegentreten mussten, oder mit der tröstenden Aussage: „Nun hat er, hat sie es gut“ erleben durften.

Plötzlich ist alles anders

Als ich oder Pfarrer Zentgraf bei ihnen war, da haben wir nicht selten Erinnerungen ausgetauscht. Wir haben gelernt, dass Erinnerungen ein Paradies sind, aus dem uns niemand vertreiben kann. „Ich höre sein Lachen noch. Er war immer so ein fröhlicher Mensch gewesen“ „Was waren das für schöne Zeiten, der erste Urlaub in den Bergen, lange Wanderungen Hand in Hand“ „Hier auf dem Sessel hat sie immer gesessen, Handarbeiten gemacht, Fernsehen geschaut. Und nun ist dieser Platz leer“ „Er hat die Enkel vom stets vom Kindergarten abgeholt. Die waren sein ganzes Glück gewesen“

Und nun ist plötzlich alles anders.

Erinnerungen trösten uns. Sie zeigen uns das auf, was bei uns bleibt, wenn einer geht. Erinnerungen helfen uns zu glauben, dass unsere Lebenszeit ihren Sinn hatte. Und das ist gut so, weil es uns gut tut, uns zu erinnern.

Und gleichzeitig, liebe Gemeinde, lenken die Worte des Johannes auf Patmos unseren Gedanken weg davon, alleine aus der Erinnerung heraus zu leben, Trost alleine im Vergangenen zu suchen. Denn es ist auch mit den Erinnerungen, wie mit allem im Leben. Alles hat zwei Seiten. Es ist gut sich zu erinnern, weil es einem hilft zu leben und zu spüren, dass wir nicht getrennt sind von unseren Verstorbenen, und es ist schlecht sich zu erinnern, wenn es uns daran hindert auch nach vorne zu schauen, wenn Erinnerungen dazu führen, fast nur noch in der Vergangenheit zu leben. Erinnerungen können darum Oasen des Glücks, aber auch ein Gefängnis des Lebens sein.

Die Worte aus der Heiligen Schrift, aus dem Buch der Offenbarung, zeigen uns eine weitere Kraftquelle des Lebens, die viele Menschen leider übersehen. Johannes, mitten in den schlimmsten Christenverfolgungen durch das römische Reich, auf die griechische Insel Patmos verbannt, bezieht seine Kraft nicht aus der Vergangenheit. Trost kommt aus der Erinnerung. Hoffnung aber, liebe Gemeinde, soll uns aus dem erwachsen, was kommen wird, aus der Zukunft, aus dem was wir glauben und hoffen.

„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“, schreibt er. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein. Noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz …“ Johannes sagt: Plötzlich wird alles anders sein, mit unseren Verstorbenen. „Siehe, es ist alles schon geschehen“, schreib er. Johannes malt mit seinen Worten Sehnsuchtsbilder, die Hoffnung geben sollen. Hoffnung, dass nach dem Tod auf niemandem von uns das Nichts wartet.

Einen neuen Himmel, eine neue Erde. Siehe ich mache alles neu. Das Himmlische Jerusalem. Es mag sein, dass uns das ein oder andere Bild heute fremd vorkommt. Eines aber gefällt mir ganz besonders. Gott wird abwischen alle Tränen von unseren Augen und es wird der Tod nicht mehr sein, noch Leid und Geschrei noch Schmerz. Mich erinnert das an ein Bild meiner Kindheit. Der Vater, der dem hingefallenen und nun schreienden Kind die Tränen abwischt, es in den Arm nimmt, und der dann fragt: Na, ist es wieder gut? Es ist ein Hoffnungsbild und aus dieser Hoffnung möchte ich leben.

Plötzlich ist alles anders.

Aber bei Gott ist dann plötzlich auch alles wieder gut. Aus dieser Hoffnung möchte ich Kraft schöpfen in meiner Trauer über Mutter und Bruder, die bereits verstorben sind. Aus dieser Hoffnung mögen auch sie, liebe Gemeinde Kraft schöpfen.

Er wird abwischen die Tränen von unseren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein. Ich lebe aus dem Trost der Erinnerungen und aus der Hoffnung meines Glaubens, dass meine Verstorbenen bei Gott sind, wo der Tod keine Macht mehr hat, wo es Wasser des ewigen Lebens gibt, bei dem der A UND 0; Anfang und Ziel auch meines Lebens ist. Sie alle haben in diesem Jahr, liebe Gemeinde, einen Menschen beerdigen müssen. Wir haben uns versammelt, um heute in der Kirche auch ihre Namen zu nennen und uns an sie zu erinnern.

Möge uns diese Erinnerung trösten und uns das Wort Gottes die Hoffnung sein, die uns den Blick auf das Leben öffnet, das nach dem Tod auf uns wartet. Plötzlich wird alles anders sein – Plötzlich wird alles wieder gut sein.

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