Geboren um zu leben

1.

Wir war’n geboren um zu leben, 
mit den Wundern jener Zeit, 
sich niemals zu vergessen 
bis in alle Ewigkeit. 
Wir war’n geboren um zu leben, 
für den einen Augenblick, 
bei dem jeder von uns spürte, 
wie wertvoll Leben ist.

Liebe Gemeinde!

Manchmal, da fehlen uns einfach die Worte – „Herzliches Beileid…“, „Aufrichtige Anteilnahme…“. Um uns herum rauscht es und braust es weiter – „Es wird schon werden…“, „Es wird schon weitergeh’n…“. Alle reden weiter, alle schaffen weiter – was man halt so sagt, was eben getan werden muss. Nur wir sind wie ausgebremst, zum Stillstand gebracht.

Wir sind wie rausgefallen aus der Veranstaltung, die sich „Alltag“ nennt, oder sogar: „Leben“. Aus diesem gemeinsamen Treiben, bei dem jeder, wie nach einer geheimen Verabredung, immer schon zu wissen scheint, wie’s weitergeht. Das Leben muss ja weitergehen. Das tut es ja auch, immer, irgendwie. Nur wir, wir kommen nicht mehr mit.

Ich denke, ich brauche Ihnen das hier nicht weiter zu schildern. Sie wissen schon, was ich meine. Sie – die meisten von Ihnen – sind heute hier, weil Sie wissen, wie sich das anfühlt: Sie haben einen lieben Menschen verloren. Heute ist Ewigkeitssonntag. Wir denken an unsere Toten. Und Sie – die anderen – werden auch wissen, wie das ist. Wir alle haben da unsere Erfahrungen.

2.

Manchmal fehlen uns die Worte. Und dann tut es gut, wenn ein anderer die richtigen Worte für uns findet. Worte, die nicht bloß dahergeredet sind, sondern die zu dem passen, was geschehen ist. Die zu uns passen. Die wir uns anziehen, die wir uns zu Eigen machen können.

Wir war’n geboren um zu leben… – ich meine, diese Worte sind ein richtiger Glücksfall. Dieses Lied, das die Gruppe „Unheilig“ in diesem Jahr so erfolgreich gesungen hat: Wir war’n geboren um zu leben, / mit den Wundern jener Zeit, / sich niemals zu vergessen / bis in alle Ewigkeit. Da hat ein anderer die richtigen Worte gefunden. Für viele. Wie vor Jahren Herbert Grönemeyer mit „Der Weg“. Oder letztes Jahr Rosenstolz mit „Gib’ mir Sonne“.

Als die Gruppe „Unheilig“ vor zehn Tagen den goldenen Bambi für ihren Song überreicht bekam, hat ihr Sänger – „der Graf“ – in seiner Dankesrede noch einmal erzählt, wie das Lied zustande gekommen ist. Sein Freund war unheilbar krank gewesen. Er hatte ihn begleitet. Dann war sein Freund gestorben. Und er dichtete später diesen Text, in Trauer, aus Liebe, im Andenken an seinen Freund.

3.

Es fällt mir schwer, 
ohne Dich zu leben, 
jeden Tag zu jeder Zeit 
einfach alles zu geben. 
Ich denk‘ so oft 
zurück an das was war, 
an jenem so geliebten vergangenen Tag. 
Ich stell‘ mir vor, 
dass Du zu mir stehst, 
und jeden meiner Wege 
an meiner Seite gehst.
Ich denke an so vieles 
seit dem Du nicht mehr bist, 
denn Du hast mir gezeigt, 
wie wertvoll das Leben ist.

Wer trauert, der sieht zurück. Denkt zurück. Erinnert sich an alles, was einmal war und was jetzt nicht mehr ist oder nicht mehr sein darf. Wer trauert, fällt heraus aus dem Leben, hatte ich gesagt, aus dem, was war und was jetzt irgendwie weiter gehen muss. – Aber wie soll es jetzt weiter gehen ohne den geliebten Menschen? – Wir tun einen Schritt zur Seite, stehen neben uns.

Es fällt mir schwer, / ohne Dich zu leben, / jeden Tag zu jeder Zeit / einfach alles zu geben, heißt es in dem Lied, und: Ich denk‘ so oft / zurück an das was war, / an jenem so geliebten vergangenen Tag. Genau so ist es. Und es ist ganz natürlich so. Es ist ganz normal, wenn wir das tun. – Nur: Es ist nicht gut, wenn es auf Dauer dabei bleibt, bei diesem Blick zurück.

Wenn Sie so wollen: Auch in der Bibel, in der wir so viele richtige Worte finden können, die zu Sterben, Tod und Trauer passen; die zu uns passen; die wir uns anziehen, die wir uns zu Eigen machen können – auch in der Bibel finden wir diese Einsicht ausgedrückt.

Zum Beispiel in der Geschichte von Lots Weib. Die zurückblickt, auf das, was hinter ihr liegt, was war, und darüber zur Salzsäule erstarrt. Durch den Blick zurück erfriert das Leben in ihr selbst, sie wird starr, schließlich tot, ein lebloser Gegenstand.

Oder denken sie an den bekannten Spruch: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes…“ Natürlich muss man auch einmal hinter sich schauen. Aber das Reich Gottes, das Leben, zu dem wir bestimmt sind, liegt immer vor uns. Nur da geht es lang.

3.

Es tut noch weh, 
wieder neuen Platz zu schaffen, 
mit gutem Gefühl 
etwas Neues zu zulassen. 
In diesem Augenblick 
bist Du mir wieder nah 
wie an jenem so geliebten vergangenen Tag. 
Es ist mein Wunsch, 
wieder Träume zu erlauben, 
ohne Reue nach vorn‘ 
in eine Zukunft zu schau’n. 
Ich sehe einen Sinn 
seit dem Du nicht mehr bist. 
Denn Du hast mir gezeigt, 
wie wertvoll mein Leben ist.

Wer trauert, der fühlt sich schlecht. Fühlt sich schuldig, womöglich, macht sich Vorwürfe – „Hätte ich doch nur…“ oder: „Hätte ich doch nur nicht…“. Auch das ist ganz normal. Da ist eine Geschichte, eine gemeinsame Geschichte, plötzlich abgerissen, zu Ende gegangen. Und dann gehen wir sie wieder und wieder durch in der Hoffnung, sie besser zu machen – „Was wäre gewesen, wenn…“. Und dann gelingt uns das nicht. Wir verzweifeln. Oder werden wütend. Und fühlen uns erst recht schuldig: Weil wir nichts ändern können, weil wir zornig waren. Dann bestrafen wir uns selbst. Was es nicht besser macht. Trauer ist ein kompliziertes Gefühl.

Es tut noch weh, / wieder neuen Platz zu schaffen, / mit gutem Gefühl / etwas Neues zu zulassen heißt es bei der Gruppe „Unheilig“, und: Es ist mein Wunsch, / wieder Träume zu erlauben, / ohne Reue nach vorn‘ / in eine Zukunft zu schau’n. Auch so ist das: Es tut weh, wir fühlen uns schuldig, erlauben uns vieles nicht, bestrafen uns – aber wir müssen wieder neuen Platz schaffen. Sei es, dass wir den Nachlass zu ordnen haben, die Wäsche in den Plastiksack, die Matratze auf den Sperrmüll; sei es, dass wir bereit werden, Neues zu zulassen: eine Freundschaft, eine neue Liebe… Versöhnt werden mit dem, was nicht zu ändern ist; wieder träumen können; ohne Reue und Schuldgefühle wieder nach vorne schauen… Auch das ist ganz normal. Auch das muss uns wieder möglich werden.

4.

Das Reich Gottes, das Leben, zu dem wir bestimmt sind, liegt immer vor uns. Ohne Reue und Schuld leben zu können, frei sein, lebendig sein – das ist ja überhaupt die befreiende Botschaft der Bibel. Das Evangelium: Das da einer lebte, wie man leben sollte, und „für“ alle starb, damit alle leben könnten, als Kinder Gottes. „Ich lebe, und auch ihr sollt leben“, hat Jesus einmal gesagt. „Lasst euch versöhnen mit Gott“, schreibt Paulus. „Er – Gott – hat den Schuldbrief getilgt … der gegen uns war“, heißt es im Kolosserbrief. Große Worte!

Ich denke an so vieles / seit dem Du nicht mehr bist, / denn Du hast mir gezeigt, / wie wertvoll das Leben ist, singt „der Graf“. Andenken, voller Dankbarkeit, das ist das Beste, was wir einem Menschen geben können, der nicht mehr ist. Nicht der formelhafte Dank, dass wieder einmal „ein treues Mutterherz zu schlagen aufgehört“ hat; nicht der Nachruf am Grab, der immer zu spät kommt – „Wir werden ihm immer ein bleibendes Andenken bewahren…“ Wohl aber die ehrliche, innige Dankbarkeit – für gewährte Freundschaft, für geteilte Freude und geteiltes Leid, für die Liebe; für einen geliebten vergangenen Tag, für den einen Augenblick, / bei dem jeder von uns spürte, / wie wertvoll Leben ist.

Und vielleicht ist das auch das Beste, was ein Toter, eine Tote uns geben kann: Das er uns erlaubt, zu leben. Das sie uns als Beschenkte zurücklässt, nicht als Schuldige. Wir brauchen diese Erlaubnis. Damit wir uns wieder freuen können, nicht länger zu trauern brauchen. Befreit und beschenkt, sagen wir ruhig: getröstet. Weil wir diesen einen Tag in uns tragen, diesen einen Augenblick der Liebe erinnern, den keiner von uns nehmen kann. In Ewigkeit nicht.

5.

Wir war’n geboren um zu leben, 
mit den Wundern jener Zeit, 
sich niemals zu vergessen 
bis in alle Ewigkeit. 
Wir war’n geboren um zu leben, 
für den einen Augenblick, 
bei dem jeder von uns spürte, 
wie wertvoll Leben ist.

Wir sind geboren um zu leben.

Und der Friede Gottes…

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