Zum Trotz gegen den Tod und zur Hoffnung aufs Leben

Wieder einmal nahm sie ihren Mantel, packte die Schaufel, den Korb, den neuen Grabschmuck für die Winterzeit und machte sich auf den Weg zum Friedhof. November war es schon wieder geworden, grau unerbittlich, gnadenlos. Seit dem die Sommerzeit wieder umgestellt war, war die Dunkelheit massiver und irgendwie bedrohlicher geworden. Schon war ein halbes Jahr vorüber, seit er gegangen war, ganz unvermittelt, ganz plötzlich.

„Ich leg mich nur noch mal eine halbe Stunde hin!“ hatte er gesagt, dann wollten sie zusammen ausfahren, zum Kaffetrinken, mal etwas Anderes sehen, nach dieser anstrengenden Woche. Es war Freitag, ein wunderbarer Frühlingstag im Mai. Danach würde er mit seinem Enkel aufbrechen, ins Trainingslager, Fußball. Das hatte er ihm versprochen und wie immer hatte sich der Enkelsohn riesig gefreut mit Opa auf Tour zu gehen.


Sie wussten wie sehr er diese halbe Stunde Mittagsschlaf brauchte, dann war er nach all den Anstrengungen wie neu geboren. 
Sie erschrak, als ihr dieser Ausdruck noch einmal in den Kopf kam. Nach einer ¾ Stunde schaute sie mal ins Schlafzimmer. Sie hatte es sofort gespürt, irgendetwas war anders als sonst. „Günther, aufwachen! Wir wollen doch los!“ Aber er hatte nicht reagiert und obwohl da schon die Ahnung in ihr hochkroch, etwas Schreckliches sei geschehen, rief sie noch einmal seinen Namen, während sie an das Bett trat. Und als sie ihn berührte, war es ihr sofort klar und gleichzeitig nicht. 

Die Angst schoss ihr in die Glieder. Das konnte und durfte nicht wahr sein! Nicht jetzt, nicht heute, niemals! Aber da wusste sie schon, dass er nicht mehr da war, zögerte aber dennoch den Gedanken zu denken: Günther tot – gestorben! Noch einmal der verzweifelte Versuch ihn zu schütteln, wachzurütteln, alles möge nur ein böser Traum sein, aber tief, sehr tief in ihrem Inneren breitete sich der Tod, die Ohnmacht, der Starrheit des Schocks bereits aus.

Gnadenlos ausgeliefert, wehrlos, überrannt kam sie sich vor, letztlich verhöhnt vom Tod. Mechanisch griff sie zum Telefon, das Bett nicht aus den Augen lassend und wollte die Nummer der Feuerwehr wählen? Wie war die gewesen? Und dann, als es gelang, wollte der von der Feuerwehr so viel wissen und sie wusste eigentlich selber kaum noch wer sie selber war. 37 Jahre Ehe, alles vorbei, das Leben alles vorbei – so war es ihr vorgekommen. Der Arzt konnte nichts mehr für ihn tun, im Grunde genommen hatte sie auch gar nichts anderes mehr erwartet, aber dennoch verzweifelt gehofft.
 Aber vielleicht fragt jemand:“ Wie soll das denn gehen, wenn die Toten auferweckt werden? Was für einen Körper werden sie dann haben?“

Die Trauerfeier war an ihr wie in Trance vorbeigezogen. „Sag, was Du brauchst!“ hatten ihr die Kinder, Freundinnen und Freunde gesagt. „ Ja!“, „Nein!“ sie wusste selber nicht so recht, was sie darauf sagen sollte. Und dann war es immer stiller geworden, sie hatte sich nicht mehr gemeldet, die anderen wollten sie nicht stören. Aber gut tat das alles nicht und wie rauskommen? Wie sollte es weitergehen?

Irgendwie ging es, dachte sie so bei sich, aber nur irgendwie, als sie die kleine Pforte zum Friedhof öffnete. Dann stand sie vor dem Grab, so wie heute, so viele Fragen, so wenig Antworten und diese unsagbare Leere. Klar sie kam ganz gut zurecht, aber das war nicht mehr das Leben, was sie mit ihm gehabt, was sie gemeinsam geführt hatten. Wo er jetzt wohl war? Der Gedanke war ihr eigentlich schon gekommen, als sie im Schlafzimmer gestanden hatte. Günther war da und doch nicht da und das verstand sie nicht, würde es wohl auch nie verstehen.

Warum musste das alles so sein? Warum musste das alles so sein? Welchen Sinn hatte das Ganze, der Tod überhaupt? Kommen, gehen? Sie wollte eigentlich gar nicht dran denken, denn dann wurde sie nur noch trauriger. Aber verstanden hatte sie es doch gerne! Was kam danach? Sie sah sich um, sah auf die brennenden Lichter auf ihrem und den anderen Gräbern, sah das von Blättern bedeckte Grab neben ihrem. 38 Jahre war die Frau geworden. Sie war 25 Jahre jünger als ihr Günther gewesen.

Das Grab war in keinem guten Zustand. War sie den Angehörigen egal? Oder schaffte es ihr Mann einfach nicht, weil es so unsagbar weh tat, hier zu stehen? Weil es ihm immer noch zu viel war und auch über ihn alles zusammengebrochen war? Das Ungreifbare, Unbegreifbare machte ihr Angst, war so bedrohlich.

Wie kannst du nur so fragen! Wenn du einen Samen ausgesät hast, muss er zuerst sterben, damit die Pflanze leben kann. Du säst nicht die ausgewachsene Pflanze, sondern nur den Samen, den Weizenkorn oder irgendein anderes Korn. Gott aber gibt jedem Samen, wenn er keimt, den Pflanzenkörper, den er für ihn bestimmt hat. Jede Samenart erhält ihre besondere Gestalt. So könnt Ihr euch auch ein Bild von der Auferstehung der Toten machen.

Solche Worte kamen ihr hohl und leer vor. Welchen Sinn sollte das alles haben? Gut, Günther war das Schicksal seiner Eltern erspart geblieben: Pflegefall, irgendwann ging es nicht mehr und sie mussten ins Heim. Sie erinnert sich noch gut, wie ihr Mann mit sich selber rang: „ Ich kann doch meine Eltern nicht ins Heim geben!“ und dann verstand, dass sie es selber nicht mehr leisten konnten. So gesehen, war es für ihn geradezu ein schöner Tod gewesen, aber für sie? Zum ersten Mal spürte sie plötzlich, dass sie so noch nie über die Sache gedacht hatte. Sie spürte: es veränderte sich etwas in ihr.

Eigentlich war es ja klar: Das Leben war begrenzt. Aber musste es im Mai sein? Sie hatten noch einiges gemeinsam vorgehabt. Krisen, Unwägbarkeiten hatten sie immer gemeinsam gemeistert. Am Anfang wussten sie doch nie, wie es weiter- und ausgehen würde.
- Als er wochenlang unterwegs war und sie alleine den Hausbau beginnen musste.
- als er arbeitslos wurde und sie nicht mehr wussten, wie sie die Raten für das Haus nicht mehr abzahlen konnte.
- als der Sohn so schwer krank wurde und sie beide mit dem schlimmsten gerechnet hatten.
- als die Tochter erzählte, dass sie sich scheiden ließe und sie den Enkel aufgenommen hatten. 

Sie hatte das beide zusammengeschweißt und stark. In der Rückschau hatten sie sich selber in stillen Stunden gewundert, wie sie das alles bewältigt hatten.

Was in die Erde gelegt wird, ist vergänglich, aber was zu neuem Leben erweckt ist, ist unvergänglich. Was in die Erde gelegt wird ist armselig, aber was zum neuen Leben erweckt wird, ist voll Kraft. Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt, aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes beseelt sein.


Neulich war sie mal wieder im Gottesdienst gewesen und da hatte der Pastor darüber gepredigt. Sie hatte es von sich gewiesen, es stimmte nicht für sie. Plötzlich leuchtete etwas auf in ihr, ganz wie die Lichter auf den Gräbern, die auch nicht aufzugeben schienen. Leben ohne Niederlagen, ohne Tod und Verzweiflung gab es nicht. So gerne sie das umgehen würde, aber es gab Dinge, die unumgänglich waren, furchtbarer Weise auch der Tod. Sie hatte das nie verstanden, die Sache mit der Kreuzigung und Auferstehung, aber jetzt schien sich ein Türspalt zum Verständnis zu öffnen:

Das Bild von Karfreitag und Ostersonntag. Wenn Gott seinen eigenen Sohn nicht vom Kreuz verschonte, dann nur deshalb, weil er selber wirklich wissen wollte wie es ist, ohnmächtig zu sein, weil er keine Tricks und Zaubereien anwenden wollte, um sich am Schluss aus dieser Welt herauszustehlen. 
Wenn es einen natürlichen Körper gibt, muss es auch einen vom Geist beseelten Körper geben.

Erst wenn ich unüberwindliche Grenzen in meinem Leben erfahren habe und sie für mich annehmen konnte, dann war Veränderung, dann war ein neuer Geist, dann war Auferstehung schon hier möglich.
Das war wahr. Sie spürte, Günther war in ihrer Nähe, auch wenn er nicht mehr da war. Sie spürte etwas, was sie vorsichtig als Hoffnung bezeichnen würde. Sie spürte, dass in dem Bild des Auferstandenen eine tiefe Wahrheit über die Menschheit lag.


Deshalb leuchteten auch die Lichter auf den Gräbern – zum Trotz gegen den Tod und zur Hoffnung auf’s Leben.

drucken