Kein Vergleich!

Ein unangenehmes Wetter war das die letzten Tage. So richtig schmuddelig novembrig. Den drei Herren schien das nichts auszumachen, die ich vorgestern auf dem kirchlichen Friedhof harken sah. An einem großen Gräberfeld waren sie zu gange. Ich ging hin, sie zu grüßen. „Schön, dass sie das hier in Ordnung bringen“ Hätte ja sein können, dass sie sagen: „Und das bei diesem Wetter. Diesmal sind wir an der Reihe. Der Stadtrat hat uns verdonnert. Damit das ordentlich aussieht zur Gedenkfeier.“ Aber nein. Die Antwort des Mannes, der altersmäßig nicht weit entfernt war von den dort Begrabenen, lautete: „Das tun wir gern. Da liegen doch unsere Soldaten. Die den Kopf hingehalten haben statt unser.“

So kommen einem die Zusammenhänge nahe, um die es geht am heutigen Feiertag. Früher war das anders. Da konnte ich mit dem Volkstrauertag nichts anfangen. Kriegsopfer unter den nahen Verwandten gab es keine. Ernste Reden mit Beschwörungen von Geschichte und guter Tradition haben mich noch nie interessiert. Ein Tag für Funktionäre, Schützenvereine, Senioren. Vielleicht denkt mancher von uns ähnlich. Beim Frühstück hat man womöglich schon getragene Musik aus dem Radio gehört. Meinetwegen: Ein Tag, der eben sein muß. Einer dieser dunklen, trüben Tage, der Bußtag, ist ja inzwischen aus dem staatlichen Feiertagskalender gestrichen worden. Und dieser wird auch vorübergehen.
Und mancher denkt auch: Irgendwann muß einmal Schluß sein mit dem ewigen Konfrontiertwerden mit den dunklen Kapiteln unserer Geschichte. Das ist doch inzwischen verjährt! Wozu nach so langer Zeit noch in alten Wunden rühren? Wir wollen als Deutsche wieder aufrecht gehen können!

Gespräche mit älteren Menschen bestätigen jedoch das Gegenteil. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Viele tragen vergangene Lasten, die sie nicht loswerden. Manchmal in Träumen oder wiederkehrenden Gedanken meldet sich lange Zurück-liegendes. Situationen, wo man andere verletzt hat oder selber geschädigt wurde. Unversöhnte Beziehungen. Tief sitzende Demütigungen.
Ein Tag wie heute gibt Raum, das aufarbeiten zu dürfen. Trauern ist wichtig. Und Trauern ist nicht nur Privatsache. Gerade das ist mir inzwischen so kostbar am heutigen Datum Volkstrauertag: Hier wird öffentlich getrauert. Ich will damit nicht staatlich verordnete Trauer empfehlen. Das wichtige und leider inzwischen so selten gewordene ist vielmehr dies: Tod und Trauer werden aus der Unzugänglichkeit des Privaten herausgenommen. Es geht nämlich beim Tod nicht bloß um einzelne Familienschicksale. Sondern um unser Volk. Um Europa. Um die Welt. Das ist so wichtig. Hier kann niemand kann dem Nachbarn den Zugang zum Mittrauern versperren. Nach dem Motto: Meine Privatsachen gehn andere nichts an: Ich will selber bestimmen, wen ich zur Trauerfeier einlade.

Sonst ist die Privatisierung ja vorgedrungen in alle Lebensbereiche. Das Öffentliche wird gemieden oder kritisiert: Öffentliche Verkehrsmittel, ein ständiger Anlaß zu Beschwerden. Öffentliche Klos, wird auch weniger. Wenns unvorhergesehen pressiert, kann sogar ein Prinz beim Expobummel in Bedrängnis kommen. Öffentlicher Dienst, das ist zu kostenträchtig, da muß privatisiert werden und gespart mit allen Mitteln.

In den Städten wird zunehmend auch der Tod privatisiert. Wir werden im engsten Kreis Abschied nehmen. In aller Stille. Gehören Sie etwa zum engsten Kreis? Na also. Aber der Tod läßt sich nicht privatisieren und in den Griff kriegen. Diese Macht ist uns über. Da ist es höchstnötig, daß öffentlich, und nicht nur im Winkel, hinausgerufen wird: Es gibt noch einen Mächtigeren als Gevatter Tod: Jesus Christus, den kein Grab halten konnte!

Unsere Sätze aus dem Römerbrief machen klar, beim Tod geht es nicht um Privates und Familiäres. Da geht es ums Ganze. Die ganze Schöpfung. „Die Schöpfung seufzt und ängstet sich…“ Wie so oft ist auch dieser Abschnitt des Neuen Testa-ments von beklemmender Aktualität. Schwarz verschmierte Vögel kommen nicht mehr vom Fleck, wenn eine Bohrinsel im Sturm kentert. In dieser Welt müssen Tiere Angst haben. Und Menschen auch. Es ist keineswegs Schwarzmalerei, was der Apostel Paulus hier beklagt. Was die Schöpfung durchmachen muss. Der alte Vorwurf gegen die Kirche, wir würden das Diesseits schlecht reden, um die Ewig-keit besser anpreisen zu können, ist leiser geworden. Zu offensichtlich liegen die Defizite unserer Welt zutage, verschuldet größtenteils von unfähigen oder schlampigen auf das schnelle Geld schielenden Leuten. Wobei es nach der Moral der Bibel keinen großen Unterschied macht, ob ein Reeder eine Rostlaube aufs Meer schickt, weil der Export wieder boomt. Oder ob ein biederer Familienvati seinen Underberg austrinkt und in hohem Bogen ins Gebüsch schmeißt.

Die Schöpfung ächzt, nicht weil Gott was vergessen hat in seinem Siebentagewerk. Sondern weil seit dem Verlustiggehen jener Paradiesharmonie die Sünde in die Welt eingebrochen ist. Und mit ihr die Vergänglichkeit. Und das einer gegen den andern.
Es ist gut, wenn man sich an diese Dinge nicht einfach stumpfsinnig gewöhnt, sondern noch darüber trauern kann. Volkstrauertag, ein wichtiges Datum. Es ist gut, wenn wir trauern um die Opfer der großen Kriege. Es ist gut, wenn wir die Pflege der Gräber und Erinnerungsstätten fördern mit Gaben für die Kriegsgräberfürsorge. Aber unsere Trauer muß weiter gehen. Nicht nur ein Volk sollte trauern um seine Toten. Es gibt auch umgekehrt reichlich Grund zu trauern über unser Volk. Das zwar lebt, aber nicht recht weiß wofür und worauf hin.

Vor drei Tagen war St. Martin. Die Geschichte von St. Martin passt gut zum Volkstrauertag. Martin war Soldat. Er musste die Grenzen Roms verteidigen.
Die Tat, die ihn berühmt machte, als er den Mantel teilte mit dem Bettler. Sie wird bewundert von der Nachwelt. Als leuchtendes Beispiel. Aber seine Kollegen haben ihn ausgelacht. Auf Christen hat man damals herabgesehen. Sie waren verrufen. Sie wurden verfolgt. Und Paulus schreibt hier an die Christen in Rom. Denen ging es auch so.

Wenn wir am Volkstrauertag gedenken an die Opfer von Kriegen, Gewalt, Verfol-gung. Dann denken manche, es geht um Geschichten von anno dazumal. Die über ein halbes Jahrhundert her sind. Und die letzten Zeugen dieser Gewalttaten sterben aus.
Da täuschen wir uns. Im Losungskalender steht über dem heutigen Datum: „Gebetstag für verfolgte Christen“. Christenverfolgung, das gabs nicht bloß zur Zeit vom Apostel Paulus. Das gabs nicht bloß zur Zeit vom heiligen Martin. Das ist in vielen Ländern heute Alltag. Und nicht nur in Indien oder Irak.

Diesen Sommer lernte ich Ertan Cevik kennen. Ein Pastor aus der Türkei. Seine Kirche steht in Izmir. Das biblische Smyrna, eine Gemeinde aus den 7 Sendschreiben der Offenbarung. Die Gottesdienste seiner Gemeinde finden unter Polizeischutz statt. Er braucht einen Bodyguard. Ein Mitglied seiner Gemeinde gehört zu den Opfern, die vor drei Jahren erstochen wurden bei einem Überfall. Die Männer hatten Bibeln gedruckt. Pastor Cevik kam mit seiner Familie zu einer Tagung in die Rhön. Dort habe ich Referate gehalten im Pluscamp, für Leute über 50. Er saß an unserem Tisch. Neben ihm seine Tochter, 18. Ich dachte: Wie muss das sein. Zu einer Familie gehören, die Polizeischutz braucht. In einer Stadt, wo man als Christin beargwöhnt wird.

Also genau so war die Lage der Christen, an die der Apostel hier schreibt. Wenn er sagt, die Leiden dieser Zeit fallen kaum ins Gewicht angesichts der kommenden Herrlichkeit. Dann meint er nicht dein Rheuma. Oder deine Geldsorgen.

Aber die beiden wirkten überhaupt nicht unglücklich. Vielmehr selbstbewusst. Getragen von Gewißheiten, die der Apostel hier als das Heilsgut der Christenheit aufzählt. Hast du auch Anteil an diesen Gewißheiten? Paulus weiß um eine Hoffnung. Er freut sich auf die kommende Herrlichkeit. Er sehnt sich nach Erlösung und ist sicher, daß sie bald kommt. Was könnten Christen doch ausstrahlen, wenn sie erfüllt wären von diesem Wissen. Von dieser Aussicht auf eine Welt nach diesen Vorläufigkeiten, von dieser Aussicht auf eine Ewigkeit ohne jeden Makel. Vielleicht sind wir sogar erfüllt von dieser Hoffnung, aber wir finden das weithin so privat, da wollen wir uns den anderen nicht aufdrängen, wer spricht auch schon über den Tod, außer wenn es um den persönlichen letzten Willen geht. Wir möchten andere damit nicht behelligen. Und leisten damit der himmelschreienden Dummheit und Dreistigkeit Vorschub, mit der um uns herum spekuliert wird darüber, was nach dem Tod kommt, wenn denn überhaupt so weit gedacht wird. Lügen, esoterischer Unfug, sich wissenschaftlich gebender Unsinn, religiöser Mischmasch und bestenfalls Halbwahrheiten schießen geradezu ins Kraut.

Manche Sekten versprechen bis heute ihren Mitgliedern, dass eines Tages ein Ufo kommt. Und sie endlich abholt aus dieser schrecklichen Welt. Meistens müssen sie für die Fahrkarte ordentlich an den Guru bezahlen. Was ist das für ein hoffnungsloses Denkschema. Bloß schnell weg von hier, bevor es noch schlimmer wird!

Die Christenhaben stattdessen immer standgehalten mitten in den Leiden, unter denen diese Welt ächzt und schreit. Wenn die Heiden vor eine Seuche aus der Stadt geflohen sind. Dann sind die Christen hingegangen und haben die Kranken gepflegt. Denn sie hatten Hoffnung.

Von dieser Hoffnung schreibt Paulus hier. Es wartet eine ganz neue Welt auf uns. Da ist Freiheit! Da ist Herrlichkeit! Da ist Erlösung, nicht nur für die Seele, nein für den ganzen Menschen! Dies klare Ziel hat Paulus vor Augen. Und das macht ihn so glücklich.

Wie einzig ist doch der christliche Glaube! Nur hier scheint es, wird der Tod ernst genommen. Er ist schlimm. Er ist nicht nur Durchgangsstation. Jesus hat am eigenen Leibe erfahren, wie schlimm das ist. Schrecklich ist er gestorben. Aber Gott hat ihn nicht im Stich gelassen. Er hat ihn auferweckt. Jesus hat den Tod überwunden. Er ist schon da, wo Freiheit ist, Herrlichkeit, totale Erlösung. Mit ihm verbunden, atmen wir schon den frischen Geruch des Lebens. Wir sehnen uns danach, dort zu sein, wo er schon ist. Das ist eigentlich das Seufzen, von dem Paulus hier spricht.

Nicht das Seufzen der ewig Unzufriedenen, die immer was zu meckern haben. Vielmehr ein seliges Seufzen: „Ach, wenn es doch schon soweit wäre!“ Eine ansteckende Sehnsucht ist das.
Ob der Himmel wohl sehr viel anders als unser Leben hier? Diese Frage haben die röm. Christen an Paulus gestellt. Ihnen und uns ruft er zu:: Kein Vergleich! Kein Vergleich! Ich bin überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die noch kommt.

Darauf wartet die Christenheit. Das Schönste kommt noch. Und wir dürfen es schauen. Darum wollen wir hier nach Jesus fragen und unser Leben von ihm ordnen lassen. Vorbereiten lassen. Bis das kommt, worauf wir uns noch gedulden müssen.
So dürfen wir an einem Tag wie heute trauern mit den Trauernden. Aber dann nicht heimkehren gesenkten Hauptes. Denn wir haben eine Hoffnung. Und ihre Erfüllung wird alles, was wir hier haben oder was uns fehlt, in den Schatten stellen. Kein Vergleich! Amen.

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