Wo Liebe ist, da ist Zuversicht

Unseren Predigttext haben wir bereits als Epistel gehört. Wenn wir ihn uns ins Gedächtnis rufen, dann wird wohl ein Wort ganz besonders in unserer Erinnerung haften geblieben sein: Liebe. Dieses Wort kam immer wieder vor, 6x das Wort „Liebe“ und dazu 7x das Verb „lieben“. Das heißt, in jedem Vers dieses kurzen Briefabschnittes ist zwei- oder gar dreimal von Liebe die Rede.

„Gott ist die Liebe.“ So heißt es gleich am Anfang. Das ist eine schöne, eine sympathische Aussage. So etwas hören und sagen wir gern.

Doch Vorsicht, „Liebe“ kann auch zur abgegriffenen Vokabel werden, zur leeren Floskel. Wo die Liebe so nachdrücklich beschworen wird, dann könnte in Wirklichkeit auch ein Zustand der Langeweile von „Friede, Freude, Eierkuchen“ oder auch Schlimmeres im Blick sein.

Es ist manchmal gar nicht so einfach, die Liebe zu entdecken, die menschliche Liebe genauso wie die göttliche. Und noch schwerer ist es, Liebe zu gestalten und zu leben. Und darum ist es – genau genommen – auch nicht einfach, von Liebe zu reden.

Das Bild, das wir jetzt sehen, zeigt ein wenig von dieser Problematik auf. Es kann uns nicht nur zum Schmunzeln bringen. Es regt vor allem zum Nachdenken an, vielleicht sogar zum Protest.

Da sehen wir Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies. Umschwirrt von lauter Mücken sagt Adam: „Wir sind zwar aus Eden vertrieben worden, aber Gott muss uns nach wie vor lieben, denn er schickt uns diese neuen Freunde, die uns zärtliche Küsschen geben.“

Scheußlich juckende Mückenstiche als Küsschen zu bezeichnen, dazu gehört schon einiges. Entweder hat Adam noch keine Ahnung, was da wirklich passiert und redet demzufolge dummes Zeug. – Oder will er eine üble Sache schönreden? – Vielleicht will er ironisch oder auch nur besonders witzig sein und meint das Gegenteil von dem, was er sagt? – Oder zeigt sich bei ihm eine Erkenntnis, zu der andere meistens ein ganzes langes Glaubensleben brauchen, nämlich in allem, was geschieht, Gottes segnende und ordnende und also liebende Hand zu erkennen? – Wir wissen es nicht. Aber ganz sicher wollte der Zeichner erreichen, dass wir uns genau diese Fragen stellen, dass wir fragen: Was heißt das, wenn wir sagen, dass Gott uns liebt? Was bedeutet Liebe in Bezug auf Gott und den Menschen?

Der heutige Textabschnitt aus dem 1. Johannesbrief will uns in unserem Nachdenken helfen. Dazu müssen wir ihn uns ansehen. Das ist wörtlich gemeint. Wir könnten auch sagen: Wir wollen den Text betrachten. Solches Betrachten ist mehr als einfach nur lesen. Da wird ja auch schnell ‚mal ‚was überlesen. Und es geht auch nicht nur um das, was dasteht, sondern auch wie es dasteht. Die Form eines Textes, seine innere und die äußere Struktur, sie drücken oft sehr viel aus. Dabei stehen Form und Inhalt in einem engen Verhältnis.

Betrachten wir also unseren Text:

(Am schönsten wäre es, wir könnten uns jetzt gemeinsam auf Entdeckungsreise machen. Da uns aber während einer Predigt so viel Zeit nicht zur Verfügung steht, habe ich schon ein wenig vorgearbeitet.)

[TEXT]

Da fällt uns beim Betrachten zunächst ganz viel Rot ins Auge. Alles, was mit „Liebe“ zu tun hat, ist rot geschrieben – in der Farbe der Liebe. Und damit bestätigt auch der Blick auf den Text, was uns beim Hören schon klar war: Es geht um die Liebe.

Nicht ganz in der Mitte, aber irgendwie doch zentral entdecken wir das Wort „Zuversicht“, Zweifellos ein sehr wichtiges Wort. Deshalb ist es so groß geschrieben. Und wir können vorläufig sagen: Wo Liebe ist, da ist auch Zuversicht. Liebe fördert die Zuversicht. Oder umgekehrt: Ein zuversichtlicher Mensch wird es leichter haben, zu lieben.

Und so beginnt unser Textabschnitt mit einer ganz harmonischen Melodie: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Darin ist die Liebe bei uns vollkommen, dass wir Zuversicht haben.“

Plötzlich aber kommt etwas ins Spiel, das die Harmonie unterbricht und die Liebe und auch die Zuversicht kaputtmachen will: die Furcht – schwarz geschrieben.

Liebe bedeutet Hingabe, sich einlassen auf einen Menschen, vielleicht auch auf eine Sache. Furcht, Ängstlichkeit, Zaudern – das alles steht solcher Hingabe entgegen. Die Furcht will mit vielem Wenn und Aber verhindern, dass ich mich auf die Liebe einlasse. Furcht stellt Bedingungen. Liebe dagegen ist bedingungslos.

Sehen Sie, wie hier die rote Liebe und die schwarze Furcht miteinander ringen? Der harmonische Anfang unseres Textabschnittes wird von Misstönen unterbrochen. Furcht und Liebe ringen miteinander.

Aber – der Apostel schreibt gegen die Furcht an: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“

Furcht gibt es nur, wo es Strafe gibt, meint der Apostel, und Liebe und Strafe passen nicht zusammen. – Gut, darüber kann man vielleicht diskutieren, ob das so einfach ist.

Viel wichtiger ist der Durchbruch: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ – Das ist wie eine strahlende Fanfare. Nun gibt es im ganzen folgenden Text kein fettes Schwarz der Furcht mehr, nun gibt es nur noch das dicke Rot der Liebe.

Warum das so sein kann? weil Gott uns immer schon zuerst geliebt hat! Davon hat der Apostel in den Versen vor unserem Abschnitt geschrieben und damit einen biblischen Grundton angeschlagen: Gottes Liebe kommt uns Menschen immer zuvor. Dafür gibt es zwei Grunddaten: Zunächst hat Gott sein Volk aus Ägypten befreit, dann erst hat er ihm die Gebote gegeben. – Christus ist gestorben für alle Menschen und hat sie frei gemacht für Gott, noch ehe diese an ihn denken konnten, ja noch ehe sie geboren waren.

Und nun wird der Apostel aber konkret: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“

Und er fasst das noch einmal zusammen: „Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

Ist Ihnen an dieser zweiten Hälfte des Predigttextes etwas aufgefallen? – Jetzt, wo es konkret wird, da ist nicht mehr von „Liebe“ die Rede, sondern von „lieben“. Das abstrakte Substantiv „Liebe“ wird ersetzt durch das konkrete Verb „lieben“. Denn: Liebe ist eben kein leerer Begriff. Liebe will gelebt werden. Liebe ist Beziehung. Da geschieht etwas. Und deshalb steht neben „Gott“ nun auch der „Bruder“, weil – so will es Gott – die Liebe zu Gott in der Hinwendung zu den Menschen neben uns konkret wird. So soll verhindert werden, dass Gott zur leeren Formel verkommt.

Und deshalb müssen wir das eingangs Gesagte auch noch ein wenig verbessern: Ich hatte gesagt: Wo Liebe ist, da ist Zuversicht. Natürlich stimmt das. Aber auch das ist zu statisch formuliert. Liebe ist ein Geschehen. Da passiert etwas zwischen konkreten Menschen. Und diese konkreten Menschen gewinnen Zuversicht. Zuversicht, Hoffnung oder wie wir noch sagen wollen. Liebe soll kein allgemeines Gefühl sein, sondern unsern Alltag bestimmen. Also: Wo Liebe gelebt wird, da wächst und verbreitet sich Zuversicht.

Wenn wir abschließend nochmals auf unseren ins Bild gesetzten Text schauen, können wir zusammenfassend sagen: Wo wir Gott und den Bruder ganz groß schreiben, da wird die Liebe gelebt und da wächst die Zuversicht. Nichts brauchen wir selber und die Menschen an unserer Seite, nichts braucht die Welt nötiger als das.

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