Sonne im Herzen

In seinem Roman „Berlin Alexanderplatz“ schildert Alfred Döblin einen fliegenden Buchhändler, der mit seinem Bücherkarren im Regen steht, kaum etwas einnimmt und darüber verzweifelt ist. Ein Passant tröstet ihn und sagt schließlich: „Lass das Gewettere, hab Sonne im Herzen.“ Damit setzte Döblin einem heute kaum noch bekannten Berliner aus Schwaben ein Denkmal, Cäsar Flaischlen und seinem Lied, dessen erste Strophe lautet:

Hab Sonne im Herzen,
ob’s stürmt oder schneit,
ob der Himmel voll Wolken,
die Erde voll Streit!
Hab Sonne im Herzen,
dann komme, was mag!
Das leuchtet voll Licht dir
den dunkelsten Tag!

Als ich 14 war, wurde so etwas noch ins Poesiealbum geschrieben. Spätestens als ich 18 war, fand ich diese Zeilen grässlich kleinbürgerlich, spießig, weltfremd und hinderlich für allen revolutionären Elan, den die Welt braucht. Nun, wo ich 60 gewesen bin, weiß ich längst, dass ohne eine irgendwie geartete Sonne im Herzen kein Engagement in dieser Welt auf die Dauer durchzuhalten ist. Es fragt sich nur, was da die Sonne ist und wer da wärmt und den Menschen von innen her zum Strahlen bringt.

Und damit sind wir bei unserem Predigttext. Nicht, dass er mit diesem Gedicht erklärt wäre, aber mit dem innerem Leuchten und der Frage, woher das kommt und wozu das dient, treffen wir zumindest einen der vielschichtigen Gedanken des Apostels Paulus und dabei sicher nicht den unwichtigsten. Ich lese einen kurzen Abschnitt aus dem 4. Kapitel des 2 Briefes des Paulus an die Gemeinde in Korinth. Da heißt es V 5+6):

[TEXT]

Paulus setzt sich im weiteren Zusammenhang dieser beiden Verse mit Gegnern in Korinth auseinander, die sowohl ihn als Person als auch seine Verkündigung angreifen. Das mag aber jetzt auf sich beruhen.

Etwas anderes fällt auf: Paulus sagt in seiner Argumentation „wir“. Damit meint er zunächst sich selber und seine Mitarbeiter. Er denkt jedoch offensichtlich zugleich auch allgemeiner. Dann meint das „Wir“ die Christen generell, also auch uns! Wir alle sind gemeint, wenn hier von Predigern gesprochen wird. Wir alle sind gemeint als Leute, denen ein heller Schein in die Herzen gegeben ist. Wir alle sind gemeint als Menschen, an denen man etwas von Gott erkennen kann. Das ist schon erstaunlich.

Es geht Paulus hier wie auch sonst um Christus, und das lässt ihn grundsätzlich werden. „Wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus.“ Er ist der Herr, sagt Paulus, der wahre Herrscher im großen Weltzusammenhang, der Kyrios. – In der Eingangsliturgie singen wir deshalb Kyrie eleison, Herr, erbarme dich. – Mögen andere sich als die Herren ausgeben oder als solche angesehen werden, der Kaiser oder andere Götter zur Zeit des Paulus, die Leute mit den Millionen und Milliarden bei uns, Jesus ist der eigentliche Herr, der frei macht von allen anderen Herren. Das macht froh, das lässt strahlen.

Paulus bleibt aber grundsätzlich. Deswegen setzt er in der weiteren Erklärung beim Urbeginn an, beim Urbeginn der Welt und beim Urbeginn des Christseins, und er setzt beides in Beziehung. Urbeginn der Welt ist die Schöpfung: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten.“ Das Licht steht am Beginn der Schöpfung. Es ist das erst der Schöpfungswerke. Mit der Trennung von Licht und Finsternis beginnt alles. Der Urbeginn des Christseins aber ist die Taufe. Dort hat Gott wie bei der Schöpfung „einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“ Mit der Taufe werden wir in geistlicher Sicht neu geschaffen. Ihr Christen habt es gut, meint Paulus, Gott hat mit Euch die neue Welt, auf die alle warten, schon begonnen. Das, womit Schöpfung immer beginnt, das Licht, das hat er unauslöschlich in eure Herzen gelegt. Auch wenn andere dieses Licht ignorieren, auch wenn ihr selber es vielleicht verdunkelt, dieses Licht ist da und kann überall, wo man es nur lässt, seinen Glanz entfalten.

Das ist der Punkt: Man muss das Licht auch leuchten lassen. Jesus sagt, man soll das Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern auf den Leuchter, damit es seinen Zweck erfüllen kann. Paulus meint dasselbe, wenn er fortfährt und schreibt, „dass durch uns entstünde die Erleuchtung“. Anders gesagt, dass durch uns andern etwas einleuchtet, dass ein Licht in sie hineindringt und sie erstaunt und erfreut sagen: „Ah! Ja, das ist es!“

Und was soll den anderen einleuchten? Sie sollen etwas von Gott erkennen. Und wo? An uns etwa? An uns mit unseren Ecken und Kanten? Mit all’ unseren Unzulänglichkeiten? An uns Sündern? Nein, damit wären wir überfordert. Das ginge nur indirekt. „Wir verkündigen nicht uns selbst“, sagt Paulus nicht ohne Grund, „sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist.“ Aber genau damit wird die Antwort auf die Frage nach Gott gegeben, wer Gott ist, wie Gott ist, wo er zu finden sei.

Sicher, Gott ist groß, er ist unfassbar und unnahbar und nicht zu berechnen, allumfassender Urgrund alles Seins, Herrlichkeit, Macht und Ehre werden ihm zugeordnet, unendlich viele Namen ihm gegeben. Alles richtig, aber alles viel zu kompliziert: Es gibt eine ganz einfache Antwort, sagt Paulus: Jesus, weil er der Christus ist, weil er der ist, in dem Gott begegnet, oder, wie er es hier im 2. Kor. sagt, weil die „Herrlichkeit Gottes“ im „Angesicht Jesu Christi“ gegenwärtig ist.

Dort erscheint Gott. Das ist die Epiphanie, die Erscheinung Gottes, die göttliche Erscheinung Christi. Epiphanias – das Wort für den heutigen Festtag. Die Gott offenbart sich in der Person, im Angesicht Jesu. Da ist wirklich Gott. Und zugleich bleibt es doch das Gesicht eines neugeborenen Kindes in einer Krippe, das Gesicht eines heimatlosen Wanderpredigers in Galiläa, das Gesicht eines von Schmerzen geplagten und schließlich am Kreuz sterbenden Mannes. Geburt und Tod und alles Menschliche dazwischen – da ist Gott. Jesus ist ganz Mensch und doch ganz Gott.

Geburt und Tod und dazwischen das, was unser Leben ausmacht, das sind wir, und – da ist Gott! Das bewirkt letztlich den hellen Schein in unseren Herzen. Daher das Vertrauen, mit dem wir unseren Weg gehen können. Das göttliche Licht, das wir in Jesus erkennen, ist wohl ein strahlendes, aber kein blendendes Licht. Es ist ein warmes, Heimat und Geborgenheit gebendes Licht. Es ist ein Licht, das nicht verlischt und das uns geschenkt wird. Es ist – eine „Sonne im Herzen“.

Wenn wir jedoch meinen, die „Sonne im Herzen“ sei so ein Lichtlein, das wir einfach mal anzünden könnten, positiv denken, nur eben mal so, dann wird uns dieses Lichtlein von den Realitäten des Lebens schnell mal ausgepustet.

Wenn dagegen die unbesiegbare Sonne Jesus Christus in unseren Herzen Platz gefunden hat, dann werden die Realitäten des Lebens nicht plötzlich ganz andere, aber dann leuchtet sie wirklich „voll Licht uns den dunkelsten Tag“. Vielleicht hat’s Cäsar Flaischlen ja so gemeint. Wir können’s auf jeden Fall so lesen. Und es ist sicher nicht die schlechteste Kunst, Gedanken der Dogmatik in einfache, sogar poesiealbum-gemäße Verse fassen zu können. Wenn Sie mögen, können Sie sich am Ausgang das ganze Gedicht mit nach Hause nehmen.

Wir aber wollen jetzt zwei andere Liedstrophen singen, in denen wir darum bitten, das Licht Christi in uns zu erneuern, in denen wir aber auch davon sprechen, wie schön es ist, dieses Licht zu spüren: als wärmende Sonne auf dem Gesicht, als das gute, auferbauende Wort Gottes, das wir hören, als Brot und Wein am Altar, die wir schmecken.

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