Bilder, Bilder, Bilder – zum Volkstrauertag

Liebe Gemeinde;

Letzten Sonnabend war Gildeversammlung. Da hat der Öllermann drum gebeten, dass eine doch bitte stattliche Abordnung der Gilde zum Volkstrauertag erscheinen möge. Und dabei auch die jüngeren Gildebrüder angeschaut. Jedenfalls: Er fühlte sich angeschaut. Wegen Gildegeist und so. Und dem Zusammenhalt … so, sagte er sich, dieses Jahr geh ich da mal mit, und wenn es nur ist, um den Öllermann zu unterstützen. Treff viertelvorzehn vor der Kirche, dann geschlossen zum Gottesdienst, dann zum Ehrenmal mit Kranzniederlegung.

Und nun sitzt er hier in der Bank, zwischen den Anderen, da noch welche von der Feuerwehr, von den Kyffhäusern, da die von der Stadt, na und so weiter. Und die Orgel spielt. Und er hängt seinen Gedanken nach. Um 10.00 Uhr in der Kirche, das ist lange her, dass er das mal gemacht hat. Und der Anlass: Volkstrauertag. Irgendwie geht es um Krieg und um das Gedenken und Ehren der vielen Opfer, der Soldaten, Flüchtlinge, Zivilisten, Gefangenen usw. Ja, darum geht es, das ist ihm klar. Was hab ich damit zu tun, fragt er sich. Ich bin Jahrgang 1968, schon Vater war nicht mehr im Krieg, als der aus war, war Vater noch ein Kleinkind. Aber Opa. Und Oma. Geflohen hierher, Opa Russland überlebt, hat nie gern davon erzählt, so als ob das zu viel war, was er da erlebt hat. Er hat immer nur gesagt: „Jung, lass man, das war alles großer Mist, und meine Jugend war nicht schön. Genieß man, dass Du das besser hast und Frieden ist.“ Und Oma redete gerne mal über Ostpreußen, aber wenig über die Flucht. Frag nicht, Junge.

Und nun ist das alles schon 65 Jahre vorbei, ein Menschenleben vorbei fast. Und immer noch feiern sie diesen Tag, Volkstrauertag. Jahrgang 1968. Er ist gerade 42 geworden, warum gehen wir da als Gilde eigentlich hin?

Die Orgel hört auf. Der Pastor liest was vor, dazu stehen alle auf. Er steht auch auf. Irgendwas über das große Weltgericht. „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

„Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Irgendwie bohrt sich dieser Satz in ihm fest. Ihm fallen Bilder ein, die er gesehen hat. Bilder vom Krieg. Bilder von Kindersoldaten im Kongo: „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Bilder aus dem Irak, wo Soldaten nackte Gefangene an Hundeleinen fest halten. „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Bilder von irgendwelchen heiligen Kriegern, die ins Internet zu heroischer Musik Filmchen stellen, in denen sie ihre Gefangenen köpfen. „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Bilder, Bilder, Bilder.

Und dann unterbricht ihn die Stimme des Pastors: „Sünde, liebe Gemeinde, Sünde ist kein moralischer Begriff, auch kein sexueller Begriff, sondern Sünde kann man in unserer modernen Welt am Besten als „Gefühlskälte“ begreifen. Als Unfähigkeit, zu lieben, mitzufühlen, Mitleid zu empfinden. Das ist Sünde, den Gekreuzigten, den am Bodenliegenden noch anzuspucken und drauf zu treten.“

Das sitzt, das fühlt er. Gefühlskälte ist Sünde. Krieg tötet zuerst all unser Gefühl, tötet zuerst die Seele, macht stumpf und roh. Und lässt nur noch kalten Hass zu. Er ahnt jetzt, warum Opa stumm war, wenn es um den Krieg ging. Was mag der alte Mann damals erlebt haben, gesehen haben, vielleicht auch getan haben, dass er immer sagte:

„Jung, lass man, das war alles großer Mist, und meine Jugend war nicht schön. Genieß man, dass Du das besser hast und Frieden ist.“

Was mag Oma erlebt haben auf der Flucht, dass sie stumm drüber bleibt. Es gibt Gefühle, die kann man nur einfrieren, sonst zerreißt es einem das Herz. Sünde, wenn Sünde Gefühlskälte ist, gehören Sünde und Krieg zusammen. So denkt er es sich, das leuchtet ihm ein.

Und nun, nun fällt ihm ein: sein Sohn, der Ältere, der ist bald 17. Was, wenn der zur Bundeswehr will, Soldat werden will, nach Afghanistan gehen soll? Was dann? Soll er sagen: Nein. Nicht. Soll er Pazifist werden, so heißen die doch, die gegen alle Gewalt sind. Und dem Jungen ins Gewissen reden. Und dann fallen ihm wieder Bilder ein. Von der jungen Frau, der Taliban die Nase abgeschnitten haben, weil sie mit einem Mann erwischt wurde vor der Ehe.

„Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Von der Frau, die sie steinigen wollten, weil sie angebliche Ehebrecherin ist.

„Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Bilder von den Schleiern, den Burkas, den brennenden Schulen, Bilder von ermordeten Mädchen in Hamburg, weil sie nicht in die Zwangsheirat einwilligen wollte. Bilder von hungernden Zivilisten im Kongo, von gequälten Seeleuten in Somalia, von ermordeten Bosniern.

„Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Muss der Pazifist nicht auch ein wenig gefühlskalt werden, über das alles hinweg sehen, mit seinem Credo: Nie mit Gewalt. Muss es nicht auch erlaubt sein, Zorn und Wut über Unrecht zu fühlen? Ist das nicht die andere Seite der Liebe und des Mitleids? Also doch…manchmal doch mit Soldaten? Mit einer Waffe? „Was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Aber was dann. Sauberen Krieg, gerechten Krieg, Krieg ohne Sünde, ohne Gefühlskälte, gibt’s den? Und gibt es auch einen gefühlskalten Frieden, sozusagen einen „Lass mich in Frieden, Dein Elend geht mich nichts an … Frieden.“

Er ist ganz durcheinander. Ausweg. Lösung. Pastor, weißt Du nichts? Oder ist das die Lösung. Der da am Kreuz. Der Jesus mit den ausgebreiteten Armen ans Holz genagelt. Gott nicht in der Höhe, sondern in der Tiefe? Kein Leben ohne Bürde und Kreuz. Und keine Bürde und kein Kreuz ohne die Stimme aus der Tiefe, die zu Opa sagte: „Auch wenn Du stumm bist über das alles, ich weiß bescheid, ich will, das Du weiterlebst. Die Liebe hört nicht auf.“

Volkstrauertag. Gedenktag. Nachdenktag. Jahrgang 1968. Was geht es mich an? Ich hab nachgedacht und wurde ganz nachdenklich. Gut, das der Öllermann uns hierher haben wollte.

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