Seufzen und aktiv werden

Am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, liebe Gemeinde, lade ich Sie ein, mit Zuversicht an die Zukunft zu denken, obwohl außerhalb der Gottesdienste heute in unserem Land der Volkstrauertag begangen wird. Wir haben zu trauern über die Millionen in den Weltkriegen getöteten Soldaten und Zivilpersonen, über aus Rassenhass ermordete Menschen und über die, die in den Kriegen nach 1945 in vielen Ländern auf der Welt umgebracht wurden. In unserer Bundeswehr sind seit ihrer Gründung 1955 schon wieder mehr als 3100 Soldaten im Dienst ums Leben gekommen.

Ein Zitat vom italienischen Dichter und Gelehrten Francesco Petrarca aus bereits dem 14. Jh. begründet treffend die menschliche Friedlosigkeit so: „Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten, würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen.“ (http://www.business-best-practice.de/reden/volkstrauertag.php) Aber diese negativen Eigenschaften lassen sich aus dem Menschen nicht vertreiben. So hatte denn auch die schwedische Schriftstellerin von vornehmlich Jugendliteratur, Astrid Lindgren, im 20. Jh. mit bedauerlicher Berechtigung festzustellen: „Über den Frieden sprechen heißt, über etwas sprechen, das es nicht gibt.“ ((http://www.business-best-practice.de/reden/volkstrauertag.php)

Leider ist nicht anzunehmen, dass die beiden sich irren. Da ist Alfred Nobels ehrenwerte Bemühung, aus seiner Stiftung alljährlich einen Friedenspreis verleihen zu lassen, wenigstens ein Symbol guten Willens und hoffentlich ein Ansporn für zahlreiche Menschen, sich um Frieden zu mühen.

Kein Mensch kann in seinem Leben dem Leiden völlig entrinnen. Wenn darum viele meinen: Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber dann stirbt auch sie, so ist diese Haltung verständlich. Dagegen macht der Apostel Paulus den Christen in Rom so Mut: Röm 8, 17 – 25 …

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Mit der allgegenwärtigen Vergänglichkeit im Leben, liebe Gemeinde, habe man sich abzufinden, heißt es. Toleranz, Mitmenschlichkeit und Zuneigung geraten bereits in zu vielen Familien und sonst in der Gesellschaft zu schnell und zu oft unter die Räder. In unterschiedlicher Weise und an den verschiedensten Lebensstationen durchkreuzt der Tod die Lebensplanung des Menschen. Krankheiten erschöpfen seine Lebenskraft. Er verhungert. Kriege und planmäßigen Völkermord erwähnte ich schon. Die Fragen, warum das Zusammenleben überschaubarer Gemeinschaften und über Völkergrenzen hinaus immer wieder scheitert, geht für Viele angesichts der Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts ins Leere.

Brutal haben die Namen Auschwitz/Judenvernichtung, Hiroshima /Atombombenabwurf und Tschernobyl/Kernkraftwerkexplosion dem Bösen fassbare Namen gegeben. Sie haben den Glauben an die Güte Gottes und seinen entsprechenden Einfluss auf die Menschheit entstellt und scheinen ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs 1945 wurden Hoffnungen ebenso immer wieder zerstört wie bis dahin, Existenzgrundlagen und Menschenleben vernichtet, die Natur vergiftet. Menschen zettelten erneut Kriege an, wüteten in Bürgerkriegen gegeneinander in afrikanischen Völkern, im aufgelösten Jugoslawien, in Russland in Tschetschenien, in Afghanistan. Die Menschen erweisen sich als unfähig, alle an den von Gott geschenkten Gütern der Erde gerecht zu beteiligen. Damit verursachen sie Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Hunger, Heimatlosigkeit, Bildungsmangel, Frühsterblichkeit und, wenn das Fass für sie überläuft, Kriege.

Die menschliche Zukunft und Gott gleich mit in Frage zu stellen, liebe Gemeinde, ist nicht neu und wird in der biblischen Überlieferung als Erfahrung der Beziehung Mensch / Gott bewahrt und deutlich ausgesprochen: „Wird Gott denn ewiglich verstoßen und keine Gnade mehr erzeigen? Hat seine Güte für immer ein Ende, ist es aus mit seiner Treue für alle Zeiten?“ (Ps. 77, 8-9) „Warum starb ich nicht bei meiner Geburt, verschied nicht, als ich aus dem Mutterschoß kam?“ (Hiob 3, 11) Nach 1945 schrieb der todkranke Dichter Wolfgang Borchert das Stück „Draußen vor der Tür.“ Darin klagte er an, dass von Gottes Liebe nichts zu spüren war als sein einjähriger Sohn von einer Bombe zerrissen worden war und von dem Spähtrupp, den der Dichter hatte führen müssen, elf Mann umkamen. „… du bist ein Märchenbuchonkel, lieber Gott. Heute brauchen wir einen neuen, weißt du, einen ganz neuen, für unsere Angst und Not“.

Solch bittere Sätze richten heute nur wenige Menschen an Gott. Vor ihm leidet die Mehrzahl eher still in sich hinein. Als ewiges Einerlei stellt sich ihnen das Leben dar. Immer neue Anläufe. Glück- oder erfolglos können sie die Lebenszukunft nicht sichern. Oft bringen selbst hunderte Bewerbungen über mehr als ein Jahr einem Bewerber keinen Arbeitsplatz. Es scheint aussichtslos.

Viele Zeitgenossen hoffen ihr Leben nicht über den physischen Tod des Körpers hinaus und rechnen nicht mehr damit, glaubwürdige Antworten zu einer Zukunft mit Gott zu hören. Nur unterhalb der Schwelle eines weltbegrenzten Bewusstseins lebt die Frage nach Zukunft und Lebenssinn weiter. Etwa als Angst und krankhafte Niedergeschlagenheit meldet sie sich zu Wort, wenn Menschen in unmittelbare Existenznot geraten.

In unserem Predigttext, liebe Gemeinde, stellt der Apostel Paulus den Christen und seine ganze Mitwelt in den Horizont der Hoffnung. Mensch und Welt bleiben unauflösbar einander zugeordnet. Durch die Sünde, mit der der Mensch sich von Gott abwendet, sind beide, Mensch und weitere Schöpfung miteinander verstrickt. Sie müssen erlöst werden, wenn sie Gott nicht verloren gehen sollen. Über der Welt liegt gleichsam der riesige Schatten des schuldigen Menschen. Er ist beauftragt, seine Mitwelt im guten Zustand der Schöpfung zu erhalten. Seines Versagens wegen ist sie der Vergeblichkeit, dem Leerlauf von Werden und Vergehen, der „Knechtschaft des Vergehens“ mit unterworfen. Darum wartet die Schöpfung insgesamt unter Seufzen, dass Menschen in der Nähe Gottes aus dieser Verknechtung unter die Vergänglichkeit frei werden. Frei geworden würden sie mit der übrigen Schöpfung die Herrlichkeit Gottes erfahren.

Der Mensch legte gern den biblischen Satz „Machet euch die Erde untertan“ so aus, er sei die Krone der Schöpfung und Herr der Natur. Auch die Christenheit sah die Natur als Steinbruch an, den man nach Belieben ausbeuten kann. Für viele war und ist sie kein vorrangiges Thema. Viele Christen meinen, Gott habe als Ziel seiner Erlösungstat so gut wie ausschließlich den Menschen, genauer dessen Seele. Die habe mit den äußerlich-kreatürlichen Dingen der Welt wenig oder nichts zu tun. Unser heutiger Predigttext lädt ein, eine solche Überschätzung des Menschen gegenüber der übrigen Schöpfung Gottes zu überdenken. Nicht nur die Kreatur liegt in schmerzhaften Wehen und seufzt, davon frei zu werden. Mit ihr sehnen sich gerade auch die Christen nach Erlösung aus der Vergänglichkeit. Denn sie haben Gottes Geist als Vorschuss erhalten und mit ihm die starke Hoffnung, nahe bei Gott Anteil zu bekommen an herrlich freien und friedvollen Lebensverhältnissen.

Heute, liebe Gemeinde, lassen Wissenschaftler es mit Hochrechnungen der Rohstoffvorräte wahrscheinlich erscheinen, dass der Mensch und mit ihm die übrige Schöpfung keine Zukunft mehr haben dürfte, wenn er sich weiterhin als Krone der Schöpfung über sie stellt und die Welt und ihre Rohstoffe und die Mitgeschöpfe als bloßes Material für seine eigensüchtigen Pläne sieht und nutzt.

In dieser Lage höre ich interessiert auf den Apostel Paulus. Er kann im Christenmenschen wie in der Natur das Seufzen, sich Ängstigen und Sehnen jetzt als Einstieg wahrnehmen in die Herrlichkeit, die Gott für den Menschen und seine Mitschöpfung vorgesehen hat. Paulus vertraut auf Befreiung, weil er an Jesus aus Nazareth glaubt. Als Leidender, Gestorbener und doch Lebendiger vergegenwärtigt Jesus Gott inmitten seiner Schöpfung. An ihm erkennt Paulus, dass selbst Gott mit dem Menschen und seiner Mitschöpfung mitleidet, wo ihnen Böses widerfährt. An Jesus nimmt Paulus wahr, dass Gott nicht in der Weise herrschen will, wie Menschen wohl mächtig sein wollen. In Jesus riskiert der Geber aller guten Gabe zu scheitern. Er lässt Jesu Sterben am Kreuz zu und gibt damit doch dem Leben recht und nicht dem Tod. Denn er ruft ihn wieder ins Leben. Jesus ist damit der Christus Gottes, der Retter für Mensch und Mitschöpfung geworden. In ihm ist abgebildet, was einmal mit der ganzen Schöpfung sein wird. Mit Jesu Auferweckung hat das Ende ihrer Vergänglichkeit und Vergeblichkeit und zugleich die Herrlichkeit begonnen für Christenmenschen und die ganze Schöpfung.

Unsere Befreiung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit wird sichtbar, offenbar und enthüllt werden. Darauf können wir in Geduld hoffen. Bis dahin brauchen wir leidvolle Schicksalsschläge nicht passiv hinzunehmen, als seien sie Bagatellen. Im Gegenteil, was Paulus uns mitteilt, macht Mut, sich dem Leiden dieser Welt entgegenzustellen. Mit Gottes Geist als Vorschuss auf unsere einmal erkennbar werdende Herrlichkeit dürfen wir uns für unsere Mitmenschen und die Mitwelt empören gegen menschliches Unrecht, gegen Ausbeutung, Ausgrenzung und zumindest Angriffskriege. Wir sind doch Miterben Christi, der sein Leben für alle Menschen und Gottes übrige Schöpfung eingesetzt hat. Soweit er uns Kraft dazu schenkt, dürfen wir an Mitmenschen Anteil nehmen und ihnen zu hilfreichen Nächsten werden. Ihnen und uns hilft es, mit unserer Mitwelt schonend umzugehen. Nicht nur Jesu Leiden erben wir, der darin an unserer Seite bleibt. Wir dürfen auch gespannt sein, wie herrlich für uns als seine Geschwister das Leben ohne Seufzen mit ihm in unserem Elternhaus bei Gott sein wird.

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