Muße zur Buße

‚Ich habe mich doch entschuldigt‘, sagt ein Erwachsener allen Ernstes und man erwartet schon, dass er mit dem Fuß aufstampft wie ein trotziges Kind. ‚Ich habe mich doch entschuldigt‘ – damit müssen alle Vorwürfe doch erledigt sein, alles gut sein. Nichts ist gut: Kein Mensch kann sich entschuldigen. Er kann um Entschuldigung bitten. Das hingemurmelte Tschuldigung bringt es wirklich nicht.

Daran will der Buß- und Bettag eben auch erinnern: Das alte Wort Buße (mit allen negativen Assoziationen) meint zwar kein in Sack und Asche laufen, aber genauso wenig einen flapsigen Umgang mit eigener Schuld.

Das alte russische Sprichwort ‚ein unbedachtes Wort holen keine fünf Pferde mehr ein‘, erläutert, was Schuld bedeuten kann. Ich habe etwas angerichtet, wozu ich stehen muss. Es gibt keinen Ausweg: was geschehen ist, ist geschehen. Da hilft auch kein ‚shit happens‘.

In seinen Worten weist darauf auch der Apostel Paulus hin:

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Richten und Urteilen halten uns oft genug von effektiver Selbsterkenntnis ab. Lieber urteilen wir über andere Menschen, als mal uns selber zu betrachten. Vielleicht ist darum die Prozessbeobachtung ein so wesentlicher Teil des ‚Brot und Spiele‘ –Programms. Solange wir die Geschehnisse um Kachelmann betrachten und über die Bösartigkeit der Welt meditieren, egal, wen wir für Schuldig halten, müssen wir uns nicht an die eigene Nase fassen; denn so schlecht sind wir doch allemal nicht.

Solange wir richten, werden wir nicht umkehren.

Das Reden über Andere hat so etwas Befreiendes. Es befreit vom Blick in den Spiegel, vom Blick auf das Bild, das ich abgebe.

In der Arbeitswelt wird es manchmal extrem: Niemand darf sich mehr einen Fehler erlauben. Dort wird alles so weit zertifiziert, dass ‚Ich war‘s nicht‘ stehende Redewendung ist, denn wer es war, wer die Abläufe stört, muss weg, bringt nicht seine Leistung. Darum darf oft nicht mehr miteinander gearbeitet werden, sondern jeder muss im bestmöglichen Lichte stehen.

Das geht dann im Alltag weiter: Bloß nicht erwischen lassen, bei irgend etwas. Schon gar nicht bei einem Fehler. Wie vielen Menschen fehlt eigentlich die Stärke zu ihren eigenen Fehlern zu stehen, sich zu bekennen.

Paulus geht es um den ganz besonderen Mut: Mut braucht es, um Entschuldigung zu bitten. Ich muss Mut und Kraft haben, zuzugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe. Im Gottesdienst geschieht das ritualisiert und ist ganz einfach. Aber wenn ich mit Gott reden darf wie mit einem Freund, dann darf ich ihn auch um Entschuldigung bitten, wie ich einen Freund um Entschuldigung bitte – und das ist schwer, sehr schwer.

Das kann ein peinlicher Moment werden – aber auch ein schöner, wenn mir die Vergebung gewährt wird, wenn ich eine Erfahrung von Liebe und Freundschaft machen, die mir gut tut. Wer einmal wirkliche Vergebung erfahren hat, weiß wie wohltuend es seine kann, wenn eine Entschuldigung akzeptiert wird.

Davon erzählt der Apostel der Gemeinde in Rom, dass Gott wie ein Freund ist, der bereit ist, Entschuldigungen zu akzeptieren. Ja, dass Gott sogar einige Schritte weiter geht. Er lädt uns ausdrücklich ein, ihm Schuld zu bekennen und er ist bereit Vergebung zu gewähren ohne Ansehen der Person.

Gottes Zorn trifft alle – Genauso Gottes Langmut, seine Vergebung. Jeder ist gemeint. Wirklich entschuldigen mit gutem Lebenswandel, guten Werken oder guten Gedanken kann sich keiner. Aber jeder darf dankbar auf die Vergebung vertrauen, die er gewähren will.

Und aus dieser Dankbarkeit heraus auch die Kraft gewinnen, auch unangenehme Wege zu gehen, um um Entschuldigung zu bitten. Gerade dort, wo es ganz besonders weh tut. Bei den Menschen, die ich sowieso nicht so gut leiden kann, bei Menschen, denen ich weh getan habe oder die ich in Verruf gebracht habe.

Vielleicht gewinne ich ja die Muße zur Buße: den Zeitgewinn, um zu erkennen und zugeben zu können, was alles falsch läuft in meinem Leben.

Solche Muße sollte der Buß- und Bettag mal schenken, bevor er aufhörte ein Feiertag zu sein.

Solche Muße kann ich mir heute nehmen: Muße zu Buße, Zeit Kraft zu sammeln um menschlich mit Menschen umzugehen.

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