Mach alles neu!

Nichts, liebe Gemeinde, ist so gut, dass es nicht noch besser werden kann.
Das jedenfalls verkauft uns die Werbung auf Schritt und Tritt. Erstaunt höre ich, dass Ariel schon immer nicht nur sauber, sondern rein gewaschen hat. Jetzt aber gibt es das neue Ariel, dass wäscht noch reiner als rein ….
Würden um der Qualität willen Katzen schon immer Whiskas kaufen,müssten sie jetzt dem Verlangen noch mehr erliegen, denn es ist noch besser geworden, noch leckerer, so wie die Schokolade noch sahniger und zarter, die Hautpflegecreme noch hautaktiver und verträglicher und das Deodorant nicht nur 24 Stunden, sondern 48 Stunden wirksam ist.
Qualität ist Qualität und hat bekanntlich ihren Preis, den wir dann auch zu bezahlen bereit sein müssen.
„Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden kann“. Wer dem im Alltag zustimmt, kann doch zumindest fragen, ob dies nicht auch in geistlichen und gemeindlichen Zusammenhängen gilt. „Ihr wisst wie ihr leben sollt – werdet darin immer vollkommener“- schreibt der Apostel Paulus.
Das klingt doch fast genauso wie die Forderung nach mehr Qualität bei den gegenwärtig in unserer Kirche diskutierten Reformvorhaben. Ihr seid schon gut als Gemeinde, aber ihr könnt noch besser, noch attraktiver, noch missionarischer werden.
Also: (mehr) Qualität im Gottesdienst, in der Unterweisung, in der Kirchenmusik, in der Verwaltung, in der Gemeindeleitung, in den Kreisen und Gruppen und im zwischenmenschlichen Umgang untereinander.
Und es gibt auch klare Vorstellungen oder Zielvisionen wie das aussehen soll:
in allen Gemeinden regelmäßig und verlässlich Gottesdienst feiern. Miteinander verschiedene Gottesdienstformen anstreben, anlassbezogene Gottesdienste (Hubertusmesse; Dorfest; Feuerwehrjubiläum…). Jetzt zitiere ich einmal: verlässliche, religiös qualitätsvolle und seelsorgerlich einfühlsame Gestaltung der Amtshandlungen.
Dann noch Singen als Lobpreis und Gebet und jedes Konzert als Verkündigung mit Eingangs- und Entlassungswort.
„Menschen müssen am Ende eines Gottesdienstes die Kirche mit einem Gefühl verlassen, ihre Zeit wohl verbracht und einen spirituellen Impuls erhalten zu haben, der in die anderen Tage der Woche ausstrahlt.“
Soweit einmal einige wenige Beispiele, ich könnte noch ohne weiteres weitermachen und hätte immer das berechtigte Gefühl: ja, natürlich.
Wo wir nicht ernsthaft, gewissenhaft,leidenschaftlich und fröhlich unter Gottes Wort Gottesdienst feiern und in der Musik Lobpreis Gottes erklingen lassen, da wird irgendwann nichts mehr geschehen, weil nichts mehr da ist, was in den Wechselbädern des Lebens Menschen glaubensvoll tragen kann.
Und dennoch kommt mir das alles ganz ähnlich merkwürdig vor, wie die Beispiele und Qualitätskriterien des Apostels:
meidet die Unzucht, suche jeder seine eigene Frau zu gewinnen, übervorteilt nicht im Handel.
Wer will da ernsthaft widersprechen und doch geht all das am wirklichen Leben vorbei.
Beziehungen sind ein so kompliziertes Geschehen zwischen Menschen: Individuen, die sich miteinander und aneinander entwickeln, wachsen oder sich voneinander entfernen. Gefühle, die ich nicht steuern kann, setzen so schnell alle Regeln des Verstandes außer Kraft, dass auch die frömmste Ermahnung nichts nützt. Die Einstellung zur Körperlichkeit hat glücklicherweise die Prüderie verloren, die es Menschen über Jahrhunderte schwer gemacht hat, Sexualität als etwas wunderbares, gottgewolltes anzunehmen. Ich würde gerne mit Paulus darüber diskutieren, nicht nur darüber, was er damals in Thessaloniki womöglich zu Recht der Gemeinde ans Herz gelegt hat, sondern auch darüber, welche Wirkung das über die Jahrhunderte hinweg hatte und vor welchen Herausforderungen wir heute stehen. Es braucht, glaube ich, nicht den erhobenen Zeigefinger.
Diese Form von moralischer Ermahnung war mir schon immer fremd und suspekt.
Und ich denke, es würde sich schnell ein fruchtbares, zielgerichtetes Gespräch ergeben, in dem meine Bauchschmerzen beim Qualitätsmanagement kirchlicher Lebensvollzüge ebenso wie bei der moralischen Vermahnung gelindert würden.
Denn Paulus geht es, wenn ich ihn richtig verstehe, nicht um die Weiterentwicklung einer erfolgreichen Unternehmensstruktur und auch nicht um die Neuausrichtung einer irgendwie gearteten Ethik. Ihm geht es um die Heiligung, ihm geht es um Räume, in denen Gottes Geist wurzeln und Fuß fassen kann, um Wandel, wo Menschen sich dem Geist Gottes öffnen und hingeben, um Gottes verändernde Kraft inmitten menschlicher Verhältnisse. Es sind nämlich nicht wir, die wirklich etwas verändern können. Wer sich dieser Illusion hingibt, wird scheitern und sich verlieren. Es ist Gott, der uns beruft, er ist es, der seine Stimme bis in unser Herz dringen lässt und er ist es , der mit seinem Geist meine Räume ausfüllt. So sind wir Tempel, Wohnung des Heiligen Geistes.
Wir können also viel überlegen, wie wir menschlicher, liebevoller miteinander umgehen, wie wir Beziehungen stärken, Wirtschaft gerechter organisieren oder die Qualität in Gottesdienst und Verkündigung stärken.
All das wird viel Zündstoff bieten, manche Kontroverse hervorrufen, vielleicht auch Freude am Diskurs bewirken, Zeit und Kraft binden und uns das Gefühl geben, viel bewegt zu haben. Aber es wird im Sande verlaufen, wenn es nicht eigentlich im tiefsten Kern die Bitte darum ist, dass Gott seinen Geist unter uns wirken lässt. Er heilige uns, leuchte aus uns, spreche aus uns und bewege uns, er, der große Inspirator und der große Tröster und Beweger.
Wenn Paulus sagt: ihr wisst, wie ihr leben sollt vor Gott, werdet darin noch vollkommener, wenn Kirche zu neuen Perspektiven aufbrechen will, um Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, dann muss das alles mit dem Ruf zur Heiligung, mit der Bitte um den Heiligen Geist beginnen: „Mach alles neu
Durch dich, Heiliger Geist, kann alles neu werden.
Gib uns neue Gedanken und lass uns das Undenkbare denken.
Gib uns neue Gefühle und lass uns das Unbegreifbare fühlen.
Gib uns neue Taten und lass uns das Unmögliche tun.
Gib uns ein neues Herz und lass uns dem Unfassbaren Raum geben.
Mach alles neu und lass uns deine neue Welt sein.
Hier auf Erden (Anton Rotzetter)“ Amen

drucken