Der neue Mensch: ein Bild, um sich nicht aufzugeben

Vorbemerkung: Der Gottesdienst,für den diese Predigt geschrieben wurde, ist gleichzeitig Sonntagsgottesdienst und Trauerfeier. In den Sonntagsgottesdienst wurde nämlich die Trauerfeier für N.N. eingebettet, der an Alkoholismus mit 45 Jahren starb. Die Ehefrau wünschte die Einbettung in den Hauptgottesdienst, da zur Trauerfeier sonst nur sie selbst erschienen wäre.
Die Predigt ist aber auch losgelöst vom Trauerfall als reine Auslegung des Predigttextes geeignet.

PredigtTEXT

Liebe Gemeinde!
Was Paulus hier in Anlehnung an die 10 Gebote formuliert, kann man als nervige Ermahnung sehen, der man ohnehin nicht gerecht werden kann. Das wäre allerdings schade. Denn man kann die Verse auch ganz anders lesen: Als ein Ideal wie wir wohl alle sein möchten:
Eben nicht der alte Mensch, der alte Idiot und Versager, der wir manchmal sind. Eben nicht der alte Mensch, der seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann. Nicht der alte Mensch, der sich täglich von Sorgen niederdrücken lässt, obwohl er weiß, dass es ihm und anderen besser täte, wenn er manches gelassener sehen könnte. Nicht der alte Mensch, dessen Wut über sich, andere und das Leben manchmal mit ihm durchgeht, obwohl mehr Gelassenheit viel weiter bringen würde. Nicht der alte Mensch, der zuviel isst, zuviel trinkt, zu viel arbeitet, obwohl er weiß, dass er sich und andere damit kaputt macht. Nicht der alte Mensch, der sich gehen lässt, weil er nicht die Kraft oder den Willen hat, das Leben zu führen, das er für richtig halten würde. Nicht der alte Mensch, der sich sein Leben zusammenträumen, zusammenlügen muss, weil er das Leben, in dem er steckt sonst nicht aushält.

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Eph 4, 22-23)

Wisst ihr: Wir müssen kein anderer werden, um ein guter Mensch zu werden, von dem wir sagen können: Ja, so ist es richtig. Paulus sagt es schön: Wir dürfen vor allem etwas los werden. Wir dürfen die schmutzigen Sachen ausziehen, die Lumpen der Depression, die Fetzen der Wut, das Zeug, das uns schon lange stinkt, ablegen.

So etwas haben wir vorhin getan und tun es in jedem Gottesdienst. Wir bekennen vor Gott, dass wir schon wieder anfangen zu stinken, dass wir schon wieder nicht so waren, wie wir eigentlich wollten, dass unser Leben einfach nicht so läuft, wie es sollte. Wir kennen es ja von den Kleidern, die wir am Leib tragen, und so ist es auch mit uns: Kleider werden immer wieder dreckig. Wir müssen sie immer wieder wechseln.

Deshalb werden wir am Anfang jedes Gottesdienstes daran erinnert. Und in jedem Gottesdienst wird uns zugesagt, dass Gott uns wieder sauber macht, dass wir wieder neu anfangen können- in anderen Worten: dass Gott uns vergibt. Die Taufe ist das Symbol dafür. Da werden wir symbolisch gewaschen als Zeichen dafür, was Gott uns täglich anbietet: Das dreckige Zeug abzulegen und uns von ihm neu einkleiden zu lassen für das Leben wie es sein sollte.

Wir spüren es täglich, dass wir es alleine nicht hinbekommen. Wenn man Paulus liest, spürt man, dass man das nicht muss. Überall wirkt es bei Paulus so, als würden wir die neuen Kleider hingehalten bekommen und müssten nur hineinschlüpfen ins gute Leben.

Aber wie soll das gehen? Mancher Dreck scheint sich doch richtiggehend einzubrennen in die Seele. Manche Fehlentscheidung, manche Gewohnheit frisst sich doch tief ein in uns. Und manche Scheiße, wenn ich das mal so sagen darf, steht uns bis zum Hals. Wie soll man die ausziehen? In dem man sich ein Leben erfindet, das es gar nicht gibt? Indem ich mir alle möglichen Geschichten über mich ausdenke, um ja nicht der Geschichte ins Auge sehen zu müssen, die mein Leben im Würgegriff hat?

Natürlich: Wenn wir die Augen aufmachen, wissen wir alle, dass wir scheitern, der eine mehr die andere weniger. Aber je mehr wir scheitern, desto wichtiger wird dieses Bild eines guten Menschen, den Paulus uns zutraut. Denn uns wird durch so ein Bild ja der Himmel vorgemalt, selbst während wir der Hölle in uns mehr und mehr entgegensinken. Der Himmel geht uns nach. Er hält sichtbar, was wir sind, auch wenn es unter all dem Dreck kaum mehr zu erkennen ist.

Verse wie die des Paulus zeigen: Unser Scheitern im Kampf gegen das Böse ist der Verzweiflung nicht wert. Die kleinen Erfolge an Gutem aber, die wir erringen, weil sie uns jemand zutraut, sind alles wert. Sie sind Fenster zum Himmel, Fenster zu dem Menschen, der wir sind unter der Kruste, die das Leben über uns gezogen hat. Die kleinen Erfolge sind wie winzigste Löcher in einem dunklen Raum. Wir kennen das alle: wie das winzige Licht durch ein Schlüsselloch einen stockdunklen Raum verändert. Wo vorher nur Schwarz war, wird plötzlich ein Raum sichtbar und eine gewaltige Erkenntnis: draußen ist Licht: Viel Licht! So ein kleines Loch in der Dunkelkammer unseres Lebens macht zur Kamera für das, was da draußen ist: eine Welt voller Licht, in die wir hineingehören.
Ein winziges Löchlein bringt mehr Helligkeit als Quadratmeter dunkler Mauer verschlucken können. Unser Scheitern im Kampf gegen das Böse ist der Verzweiflung nicht wert. Die kleinen Erfolge aber, die wir erringen, weil sie uns jemand zutraut, sind alles wert. Sie sind Fenster, kleine Löcher zum Himmel.

Betrachten wir unser Leben im Licht dessen, was gelungen ist! Überlassen wir den Dreck und die Dunkelheit dem Licht Gottes. Dann sehen wir klarer, was von uns bleibt, wenn unser Leben hier sein Ende gefunden hat. Diese Schlussbilanz über unser Leben nennt die Bibel das Gericht Gottes. Diesem Gericht wollen wir heute auch N.N. anbefehlen.

„Gericht Gottes“ ist oft missverstanden worden. Im Mittelalter pflegte man die Angst vor Fegefeuer und Hölle. Dabei ist das Gericht Gottes etwas ganz anderes. Nämlich das, was Paulus in unserem Predigttext beschreibt: Wir werden befreit vom Schmutz, der sich ein Leben an uns angelagert hat. Der alte, gescheiterte Mensch wird abgelegt. Und uns wird ein neuer Mensch hingehalten wie ein Kleid: Wir dürfen den neuen Menschen anziehen: den Menschen, wie wir hätten sein sollen, den Menschen, der wir für Gott immer waren.

Die Bibel kennt die unterschiedlichsten Bilder dafür, wie Gott Bilanz zieht an unserem Leben:
– Einmal vergleicht sie uns mit Gold, das Gott aus dreckiger Schlacke herausschmilzt.
– Einmal vergleicht sie unser Leben mit einem Feld, auf dem Weizen und Unkraut ineinander verschlungen wachsen. Gott als Bauer reißt das Unkraut nicht aus. Sonst würde er den Weizen mit ausreißen. Bei der Ernte werden die Weizenkörner vom Unkraut getrennt. Es bleibt das Gelungene an uns.
– An anderer Stelle vergleicht sie uns mit einer Herde aus Schafen und Böcken, als Bild dafür, wie viele Seelen oft in unserer Brust wohnen: stinkende Böcke und gute Schafe. Das Gericht trennt Schafe und Böcke. Zurück bleibt das Gute in uns.
Das schönste und sprechenste Bild davon, was bleibt, wenn unser Leben hier ein Ende findet, ist für mich das Bild vom Fegefeuer. Gewöhnlich wird es so dargestellt, dass der Dreck, der sich in uns angesammelt hat, ausgebrannt wird – ein eher schmerzhaftes, erschreckendes Bild, auch wenn man bedenkt, dass wir am Ende geläutert dastehen. Es gibt aber eine wunderbare Darstellung des Fegefeuers, die genau auf den Punkt bringt, was damit gemeint ist, wenn Gott uns in sein Gericht nimmt. Er richtet nicht uns, sondern er richtet´s für uns. Ich zeige Ihnen dieses Bild. Es zeigt, dass man auch im Mittelalter nicht verlernt hatte, Gottes Gericht als Wohltat zu verstehen, die uns zu einem neuen Menschen macht: einem Menschen, wie wir sein sollten und von Gott gemeint sind: Der Mensch, der wir wünschen zu sein:

(falls möglich: Bildbetrachtung Votivbild „Reinwaschung der armen Seelen“ im Gotikmuseum Gerolzhofen, unbekannter Meister, Oberitalien um 1480, im Besitz der Diözese Würzburg. Bild kann auf Wunsch per Email zugesandt werden: Anfragen an maintal@gmx.de)

Das Fegefeuer schmerzt nicht. Es wärmt vielmehr das Badewasser, mit dem Gott uns sauer wäscht, Stufe für Stufe.
Abgebürstet, abgewaschen in der Badwanne Gottes werden uns dann auch die alten Lügen, die wir über uns selbst erfunden haben, um noch einigermaßen gerade stehen zu können vor uns und der Welt. Abgebürstet wird alles, der ganze Dreck, aus dem uns Gott gezogen hat: Abgewaschen bis nur noch wir selbst bleiben mit zarter Haut, frisch, weich, sauber, neugeboren – wie Säuglinge – wie wir zur Welt kamen: Kinder an Gottes Brust. Neu eingekleidet in einer Welt, in der Mist unseres Lebens keine Rolle mehr spielt.
Das gebe Gott N.N. und uns allen.

Aus dieser Hoffnung können wir leben – schon jetzt. Darum:
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit …. Zürnt ihr, so … lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen…
Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr. … Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. … Alle Bitterkeit und Wut und Lästerei seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Amen.

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