Predigt zur Interkulturelle Wochen: Fremd sein – das Fremde in uns

Wer ist eigentlich fremd? Oder was bedeutet überhaupt fremd? Ist es das Gefühl, nicht dazuzugehören? Anders zu sein als die Umgebung, irgendwie nicht dazuzupassen? Und Zuhause ist dann da, wo ich verstanden werde, wo mir alles vertraut ist, wo manchmal nur eine Andeutung ausreicht (und ich gelöst schwatzen und lachen kann ohne Ende)?
Wer fremd ist, ist meistens allein. Oder in der Minderzahl. Du bist nicht wie alle anderen. Weil du nicht hier geboren bist. Weil du im Rollstuhl sitzt und dich alle angaffen. Weil du homosexuell bist und deine Eltern dich zuhause rausschmeißen würden, wenn das ‚rauskommt, von der Schule ganz zu schweigen. Oder weil du dich einfach anders fühlst, anders denkst, andere Interessen hast als alle um dich herum.
Tausend Gründe fremd zu sein. Tausendmal bekommst du einen Spiegel vorgehalten, den Spiegel der Mehrheit, und er erzählt dir: du gehörst nicht dazu. Denn du bist anders als wir.
Du und wir. Ich und die anderen. Welch ein Graben. Und wenn er sich unüberwindlich zeigt, wieder und wieder, bleibt dann nur, sich auf der einen Seite des Grabens einzunisten?

So entstehen ja die Subkulturen. Oasen. Notgemeinschaften. Rückzugsorte. Zuhause in der Fremde, in unbehaglicher Umgebung. Die Aussiedler bei der AWO. Die Behinderten im CJD und bei der Lebenshilfe. Die Schwulen müssen erst nach Halle oder Leipzig, um andere zu treffen. Oder meine eigene kleine Subkultur, mein Ich-Garten, den ich pflege und in dem wenigstens ich mich verstehe und mich immer wieder aufbauen kann. My home is my castle. Und zuletzt die Deutschland-Rufer, die ganz genau wissen, was sich für ordentliche Deutsche gehört. Ausländer, Homosexuelle und Behinderte jedenfalls nicht.
Du und wir. Ich und die anderen. Die Minderheiten und die Mehrheitsgesellschaft. Wer oder was ist eigentlich fremd? Es tut gut, wenn wir in der Interkulturellen Woche dieser Frage nachgehen.

Ich glaube, sie hat damit zu tun, wie wir mit dem Fremden in uns selbst umgehen, mit dem Gefühl, das alle Menschen irgendwann irritiert: Ich bin mir manchmal selbst fremd. In mir wohnen Seiten, die gar nicht in mein Bild von mir passen, wie ich bin, wie ich gern für andere sein möchte. Gut und vorbildlich natürlich. Tausend Dinge mehr – was mir eben wichtig ist an mir. Und dann tauchen da Gedanken, Träume, Wünsche in den Kammern meines Selbst auf, die gar nicht zu mir passen. Ich reagiere, wie ich eigentlich nicht will. Das verwirrt, beängstigt vielleicht sogar.

Das Fremde wohnt eben auch in uns selbst. Wenn wir es nicht wahrhaben wollen, werden wir es auf andere projizieren. Die anderen sind es dann, die bedrohlich sind und unsere Moralvorstellungen durcheinanderbringen. Die anderen sind das, was ich nicht sein will: behindert, eingeschränkt, unordentlich oder faul. Und nur ein kleiner Schritt ist es, sie dann auszugrenzen.
Genau das ist Jesus passiert, als er am Kreuz ermordet wurde. Er war anders, zu anders. Und er hat sich selbst immer zu den Ausgegrenzten, den Fremden gestellt. Er ließ sich nicht manipulieren. Das war so bedrohlich, dass er aus dem Weg geräumt wurde.

Was ist fremd? Die Fremdheit steckt in allen von uns. Wenn wir uns das klarmachen, verliert es seine Bedrohung. Dann wird es zur Bereicherung. Anders sein ist ja die Voraussetzung für eine eigene Persönlichkeit. Nicht nur bei Kindern ist es ein entscheidender Schritt, sich als anders zu begreifen. Wenn wir nicht wie Abziehbilder herumlaufen wollen, beliebig reproduzierbar, müssen wir uns immer wieder der Arbeit des Sich-Unterscheidens unterziehen.
Ich bin anders, und das ist ein Gewinn. Ein eigenes Profil haben, Irritationen zulassen, nicht nur mitschwimmen – das tut mir gut und bringt mich voran. Es macht mich unverwechselbar und es macht genauso unser Miteinander bunt, in unserer Stadt, in unserem Land. DAs Widersprüchliche, Fremde, Unbefriedigende ermöglicht erst Entwicklung, die wir gerade bei uns so dringend nötig haben. Ein Einheitsbrei – oder eben auch das schön kuschelige Miteinander – kann nichts Neues hervorbringen, denn er genügt sich selbst. Bewegung wächst aus dem Hunger nach Veränderung. Wir brechen erst auf, wenn das Gefühl gewachsen ist, dass etwas fehlt und wir noch nicht angekommen sind, bei uns selbst und auf einer Erde, auf der die Menschen gut zueinander sind.
Es ist normal, anders zu sein. Denn Gott hat uns so geschaffen. Wenn wir dem Fremden in uns begegnen, werden auch all die Fremden unter uns wohnen können, die es in unserem Land gibt. Ungefähr achtzig Millionen.

Weitere Predigten: www.queerpredigen.com

Predigten zur Friedensdekade und zu Erntedank: hier

drucken