Erntedank und Unwetter – Gott und das Unberechenbare in uns

Liebe Gemeinde!
Der Predigttext, den wir heute hören, ist ein Werbeschreiben des Apostels Paulus. Er will in allen Gemeinden, die er von der heutigen Türkei bis nach Griechenland gegründet hat, eine Kollekte sammeln für die christliche Urgemeinde in Jerusalem. Paulus hatte ja gegen den Widerstand der Jünger Jesu, die die Gemeinde in Jerusalem leiteten, einen Sonderweg durchgesetzt: Er nahm Menschen in die christlichen Gemeinden auf, die keine Juden waren. Sie waren sowohl unbeschnitten noch hielten sie sich an die jüdischen Reinheitsgebote: Menschen wie wir. Für die Jünger war das zunächst undenkbar. Wie konnte man zum Volk Gottes gehören, wenn man sich nicht einmal an die grundlegensten Regeln hielt? Paulus hielt dagegen: Hauptsache man glaubt an Christus. Für Paulus wäre es ein Graus gewesen, wenn die junge Kirche an den Differenzen zerbrochen wäre. Deshalb wollte er ein Zeichen setzen, dass alle Christen zusammen gehören. Alle sollten für die Gemeinde in Jerusalem spenden. An theologischen Unterschieden sollte die Gemeinschaft nicht zerbrechen:

TEXT

Liebe Gemeinde!
Wir feiern heute Erntedankfest. Paulus dankt hier für eine besondere Ernte: Dass Gott die Früchte der Gerechtigkeit hat wachsen lassen in den Menschen seiner Gemeinden. Er dankt für den Glauben an Jesus Christus, der sich ausbreitet, und für die Einheit der Gemeinschaft, die die Gemeinden untereinander halten, kurz: die Einheit der Kirche. Er dankt für das, was menschlich geglückt ist. Erntedank in geistlicher Hinsicht.

Und wir dekorieren unsere Kirchen mit Erzeugnissen der Landwirtschaft. Erntedank ganz wörtlich: Ist das nicht recht weit hergeholt für Menschen, die mit Landwirtschaft gerade so viel zu tun haben, dass sie sich unbändig freuen, wenn das Orangenbäumchen auf dem Balkon ein oder zwei Früchte trägt, sie sich Zeit lassen, tatsächlich orange zu werden, bevor sie walnussgroß vom Bäumchen fallen?
So einer ist mein Vater, obwohl er mit Landwirtschaft deutlich mehr zu tun hat – immerhin ist er Winzer und Imker und ein kleiner Gemüsegarten gehört zum festen Programm für ihn.

Aber sein Stolz auf die walnussgroße verkrüppelte Vorform einer Orange zeigt: Man kann wirklich von Herzen dankbar und hoch erfreut sein über winzige Gaben. Erntedankfest ist also auch was für Nichtgärtner. Es ist ein Dankfest für das, was uns wirklich glücklich macht. Und das geschieht oftmals mehr im Kleinen als im Großen.
Denn sollte ich dann tatsächlich neugierig geworden sein, ob das verhutzelte Früchtchen vom Orangenbäumchen meines Vaters tatsächlich nach Orange schmeckt, wäre das Glück meines Vaters beinahe vollkommen – beim Teilen seiner Ernte.
Unbedeutend sind so winzige Geschenke offensichtlich nicht – gemessen an der Lebensfreude, die sie meinem Vater bescheren können.

Dankbarkeit, die wirklich von Herzen kommt, scheint mir viel mit Stolz zu tun zu haben, dass uns etwas geglückt ist, was uns tatsächlich Spaß macht. Das Glück scheint oft tatsächlich im Kleinen zu liegen.
Und wie das Wort Glück schon sagt: Es darf nicht einfach mechanisch, berechenbar geschehen. Es muss etwas dabei sein, was wir selbst nicht in der Hand haben.

Dass das Erntedankfest mit Gütern der Landwirtschaft gefeiert wird, hat historisch traditionelle Wurzeln. Aber es macht bis heute Sinn. Denn was wir da feiern, wird im Wesen der Landwirtschaft besonders deutlich – auch in der Landwirtschaft im Kleinen, beim Gärtnern.
– Man legt viel von sich selbst hinein: Die eigene Erfahrung, Arbeit. Man beobachtet, berührt auch viel und wird berührt vom Dreck an den Händen, der Kraft die man braucht, bis zur runden, rauen Form der Kartoffel.
– Und trotzdem liegt vieles nicht in der eigenen Hand: Selbst im Treibhaus sind Klima, Schädlinge und Saatgut Größen, die immer eine Eigendynamik entwickeln. Es geht eben um Leben. Und das ist immer ziemlich unberechenbar.

Ich glaube, diesen Mischung des Eigenen mit dem Unbekannten macht uns glücklich – mit allem Bangen, Rückschlägen und Risiken.
Ich glaube, diese Mischung aus Eigenem und Unbekannten macht uns glücklich, weil sie ist wie wir: Bekannt und geheimnisvoll unberechenbar zugleich. Es ist die Mischung, aus der das Leben besteht. Und wenn daraus etwas wächst, wenn auch nur wenig, dann empfinden wir es als gelungen. Dann macht es uns glücklich. Glücklichsein ist die Verbindung von eigener Anstrengung und Dankbarkeit, dass das Unberechenbare der eigenen Anstrengung Erfolg beschert hat.
Aus dieser Mischung aus Regeln und Unberechenbarkeit entsteht Leben, entsteht Glück.

Warum die Ordnung, die eigene Anstrengung zum Glück mit dazu gehört, ist klar: Ohne bekannte Regeln, die den Erfolg wahrscheinlich machen, würde alles in Chaos stürzen. Wäre alles unberechenbar, wären wir orientierungslos. Alles Handeln würde sinnlos. Letztlich würde unser Leben sinnlos. Und so tut Gott schon in den Schöpfungsgeschichten vor allem eines: Er ordnet das Chaos zu einer Welt, in der Leben möglich ist.

Warum aber schätzen wir das Unberechenbare so sehr, dass wir ohne es nicht glücklich sein können? Ich denke, weil es uns zeigt, dass wir selbst nicht wie eine Maschine funktionieren können und sollen. Dass das Unfassbare auch in uns ein Recht hat. Dass auch wir nicht nur das sind, was verstehbar, kalkulierbar ist. Dass wir uns entwickeln dürfen, auch in Richtungen, die in bisherige Lebensplanungen nicht hineinpassen. Ja, dass unser Leben keine Formel ist. Dass wir Fehler machen dürfen oder besser gesagt: Uns nicht immer zielgerichtet verhalten müssen. Dass unser Leben eben nicht nur der direkte Weg zum Ziel ist, sondern Freiheit kennt. Dass wir nicht festgenagelt sind, sondern unfassbar sind. Das Unberechenbare des Lebens gibt uns die Freiheit, selbst nicht berechenbar sein zu müssen. Kurz: Sie ermöglicht uns, Menschen sein zu können, statt Maschinen.

Aus dieser Mischung aus Regeln, die unsere eigenen Anstrengungen sinnvoll machen und aus Unberechenbarkeit, die uns die Freiheit lässt, uns zu entfalten, entsteht Glück. Nicht immer ist es die Balance zwischen beiden. Der eine braucht mehr Unfassbarkeit und Freiheit. Die andere mehr Berechenbarkeit. Eine Mischung aber ist es in jedem Fall.

Unsere vorherige Pfarrstelle bestand aus drei sehr landwirtschaftlich geprägten Dörfern. Bitten um gutes Wetter und Schutz vor Unwetter wurden dort im Gottesdienst eingefordert, wenn wir Pfarrer den nötigen natürlichen Bezug zur Landwirtschaft vermissen ließen. Manchmal kam ich mir fast wie eine Art Wetterpriester vor, bis ich es schaffte, das Anliegen, das die Bauern aus ihrem Beruf heraus an mich herantrugen, so zu verstehen, dass es ein Anliegen war, das alle Menschen betrifft. Ich lernte das, als ich begriff, das in der Landwirtschaft nur besonders deutlich wird, was unser Leben, unser Glück als Menschen insgesamt ausmacht: Die besagte Mischung aus Ordnung und dem Unberechenbaren.
Das Wetter ist dabei ein hervorragendes Symbol für das Unberechenbare auch in uns. Das Unberechenbare, das uns die Freiheit schenkt, selbst nicht immer berechenbar sein zu müssen, aber das auch immer die Ordnung bedroht, die wir doch auch zum Leben brauchen.
Wer kennt es nicht: Schlechtes Wetter in sich selbst. Und viel mehr Menschen als wir glauben kennen ihn: Den Dauerregen der Depression, in dem nichts mehr wachsen will. Und ich vermute, dass fast jeder im Laufe seines Leben Sturmfluten oder Hurrikans der Seele erlebt, die jede Ordnung wegzuspülen und umzuwerfen scheinen: Sintfluten der Seele.

Erntedankfest, ist deshalb immer auch der Dank dafür, dass aus unserer persönlichen Mischung aus Ordnung und Unberechenbarem, die Gott uns zutraut, etwas Lebendiges gewachsen ist. Erntedankfest ist die Freude über die Buchssetzlinge, die im Dauerregen gut anwachsen, die Freude über die Rose, die trotz Raureif und Kälte noch blüht. Erntedankfest ist das Erschrecken darüber, dass die Dämme der Ordnung Sturmfluten der Seele nicht immer standhalten, und das Erstaunen darüber, dass zwar alle Sicherheiten und Gewissheiten weggespült wurden, aber man selbst gerettet wurde. Erntedank ist der verwunderte Dank dafür, dass die Welt trotz depressiven Dauerregens noch nicht untergegangen ist und zugleich der erste Sonnenstrahl nach der Sintflut.
Erntedankfest ist die Freude, die man miteinander teilt, dass es gelungen ist, eine Orange zu ernten, obwohl diese weder in Form, Größe noch Geschmack das ist, was man sich gewöhnlich darunter vorstellt. Aber die Farbe ist schon recht ähnlich.
Erntedankfest: Das ist die Freude darüber, dass nicht alles so läuft wie geplant und trotzdem, vielleicht sogar deswegen Leben glückt.
Und es ist der Dank dafür, dass Gott, der Unfassbare schlechthin, sich an das Gute gebunden hat.
Möge er das Unfassbare in uns nach seinem Ebenbild gestalten und es zum Guten gereichen lassen. Amen.

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