Durch die Hintertür

Liebe Gemeinde!

„Wer reichlich sät wird reichlich ernten.“sagt Paulus im 2. Korintherbrief.

Es war einmal. So beginnen Märchen. Es war einmal zu der Zeit, als der liebe Gott noch auf der Erde wandelte. Als die Menschen mit ihm noch auf Du und du waren. Das waren paradiesische Zeiten. Oder besser: es hätten paradiesische Zeiten sein können. Wenn der liebe Gott nur nicht so eigensinnig gewesen wäre. Anstatt sich überall schön herrschaftlich und göttlich zu zeigen, nahm er immer die Hintertür, verkleidete sich als armer Mann, als Zimmermannssohn und ließ sich in einem Schafstall von Hirten verehren. Na, ja. So ist er eben. Ein wenig sonderbar manchmal.

Und so zog er durchs Land, traf überall Menschen und säte seine Botschaft aus … Ihr sucht nach Gott. Ich bin schon da. Mitten unter euch. Ich bin die Liebe, der Frieden, die Heilung. Seht und fühlt nur hin. Und so tat er es ein paar Jahre lang und seine Saat ging auf bei Zöllnern und Sündern und Huren und Fischern und Tagelöhnern und auch dem einem oder anderen Hauptmann. Allen jedoch gefiel das nicht, was der liebe Gott da so säte, und so manch einer hielt ihn auch für einen Satan oder Volksschädling und wollte ihn am Kreuz sehen, aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls: Es war einmal so. Damals. Ganz lange ist das her. Wenn er doch noch da wäre. Oder mal wieder käme. Und wieder ein bisschen aussäte. Aber heute sät das Privatfernsehen, dass der Mensch den Menschen beglotzen soll: Freue Dich am Schaden und an der Dummheit Deines Nächsten. Heute sät die Wirtschaft, dass die Welt eine Torte ist und das Leben ein Wettkampf um die dicksten Stücke, und für Mitleid haben wir ja Kirche und Rotes Kreuz. Ach – wenn es doch wieder einmal so wäre, dass der Liebe Gott über die Erde ginge …

Und es waren die Tage im September und Oktober 1989, da ging er einmal durch Leipzig und verbarg sich unter den Vielen in der Nicolaikirche und säte Mut und den Willen zum Frieden und den Ruf „Wir sind das Volk“ in die Herzen von Vielen, die vorher müde und matt und grau und mutlos waren. Und die Saat ging auf und wuchs zu einem Zug mit Kerzen um den Innenstadtring. Montags geschah das, der liebe Gott ist sonderbar, er macht so was nicht sonntags, wenn man ihm zu ehren die Glocken läutet, sondern lieber montags. Und dieses Mal säte er auch Zweifel in die Herzen von Uniformträgern und alten Parteisoldaten. Zweifel an den Dogmen, und Gefühle des Mitleids und der Liebe: „Sollen wir wirklich schießen auf das eigene Volk? Deutsche auf Deutsche, die Arbeiter und Bauernmacht auf Arbeiter und Bauern?“ So säte der liebe Gott, und die Saat ging auf. Dogma wich Mitgefühl, Angst wich Mut, Zweifel wich Hoffnung, und es blieb Frieden.

Also ist der liebe Gott doch nicht tot? Also war die andere Geschichte mit dem Kreuz doch nicht sein Ende? Muss man mit ihm rechnen? Sät er immer wieder?

Muss man wohl. Bloß rechne nie damit, dass er die Vordertür benutzt. Ein bisschen wach und aufmerksam und empfindsam musst Du schon sein.

So wie es dem Bauern erging. Dem vierschrötigen, Neuratjensdorfer, Sulsdorfer, Dazendorfer, Kembser Bauern. Ist egal, wo er her ist. Als er den Raps besah im Frühling. Und überschlug, was der wohl bringt. An Ertrag und an Euro. Und ob vielleicht noch ein wenig Düngereinsatz lohnend wäre. Kostet ja auch was, das Zeug. Und wie er so alles überschlug und gleich noch drüber nachsann, ob man den Hamburgern nicht auch die Unterstellpreise für ihr Wohnwagenwinterlager in der großen Scheune etwas erhöhen könnte… da begann der liebe Gott zu säen in die Augen und in die Seele des Mannes. Denn da sah der Bauer auf einmal die gelben Blüten, die Rapsblüten, na ja vorher hat er sie auch gesehen, aber jetzt sah er sie anders. Und er roch die Luft, die nur im Frühjahr so riecht. Und er hörte, wie etwas sang in der Luft…Lerche, ja, die Lerche singt. Und er stellte den Traktor aus, das Geräusch des Diesels störte ihn auf einmal. Und es kam in seiner Seele so ein Gefühl auf, so ein Gefühl von Schönheit und Frieden und es wurde ein bisschen feucht in seinen Augen und die Zahlen im Kopf waren wie weggepustet. So hat ihn der liebe Gott berührt und die Saat ging auf.

Mittags zu Hause fragt ihn seine Frau. „Na, hast was geschafft heut morgen aufm Feld? Haben wir schon alle Rechnungen raus für die mit den Wohnwagen? Und der aus dem Kirchenbüro hat angerufen, die Pacht fürs Kirchenland wäre noch nicht überwiesen …“ „Psst.“ Sagt er da. „Psst. Es war so schön heut Morgen auf dem Land. Weißt Du, wie schön wir das haben? Lass uns mal die Freunde und Nachbarn einladen und so ein richtig schönes Fest mit Maibowle feiern …“ Und dann umarmt er seine Frau. Die Saat geht auf.

Heute feiern wir Erntedank. Dank für alles, was wir zum Leben haben. Essen, Trinken, Frucht und Obst. Und für all das, was unsere Seele zum Leben nötig hat: Frieden, geliebt werden und lieben, fühlen und mitfühlen. Denn der liebe Gott, der einmal über die Erde wandelte, wandelt immer noch über die Erde. Und wo er vorbei kommt, da wird es ein wenig paradiesisch. Nur vergiss nicht, dass er gern die Hintertür nimmt.

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