Werbung

Liebe Gemeinde,

wenn ich der Werbung glauben würde, dann sähe mein Leben anders aus! Ich hätte mein altes Auto längst gegen eines eingetauscht, dass bei jedem Wetter fast von allein fährt. Ich würde mich von Nutella, Kindermilchschnitte und Müllermilchmilchreis ernähren, weil das so gesund ist und mich immer mit ganz viel gutem versorgt. Mein Gesicht wäre faltenfrei und glatt wie ein Kinderpopo, denn ich würde es eincremen mit Produkten von oil of olaz, Hormocenta und L’oreal. Ich wäre begehrenswert wie die Frau in dem schwingenden Abendkleid oder die, die in einem sexy Bikini aus dem Meer steigt, denn ich würde das Parfum benutzen, das auch sie trägt. Und vergessen wir nicht meine Wohnungseinrichtung. Neue Küche, neues Sofa, neues Schlafzimmer – kein Problem mit den Markenmöbeln, die ich so günstig kaufen kann. So könnten wir noch sehr lange weitermachen.

Was ist der Sinn der Werbung? Teils durch emotionale, teils durch informierende Werbebotschaften werden mit der Werbung bewusste und unbewusste Bedürfnisse angesprochen oder neue erzeugt. In unserem Zusammenhang ist wichtig, dass Werbung auch immer Information ist. Mir wird auf vielerlei Art erzählt, was es Neues auf dem Markt gibt.

Es gibt viele Formen, etwas zu bewerben. Das sind nicht nur die nur sekundenlangen Werbeblöcke in Funk und Fernsehen und die Spots im Kino, das sind nicht nur die Anzeigen in den Zeitungen und Plakate, die nur im Telegrammstil arbeiten können. Genauso wichtig ist es, dass darüber ausführlich berichtet wird: Neuestes von der Funkausstellung, Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung, Artikel aus aller Welt über Entdeckungen und neue Projekte.

Es muss uns davon erzählt werden, damit wir es wissen. Und damit sind wir bei dem Predigttext von heute: Paulus schreibt an die Römer: „Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?“

Wann haben Sie das erste mal etwas von Gott gehört? Wer hat Ihnen das erste mal etwas von Gott erzählt? Einige von uns können sicher ganz klare Antworten geben und sich an Orte und Menschen erinnern. Andere können das nicht. So wie ich. Meine Eltern waren keine Kirchgänger, aber irgendwie gehörte Gott zu unserem Leben dazu. Ich kenne mein Leben gar nicht ohne ihn. So geht es übrigens auch denen, die nicht an Gott glauben. Um das sagen zu können: „Ich glaube nicht an Gott“, muss ich auch um ihn wissen. Von denen, die noch nie etwas von Gott und Jesus gehört haben, von denen kommt die Frage: „Wer ist der Mann, der da hängt?“

„Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?“

Heute, nachdem ich so vieles gelernt, so vieles verstanden, so vieles erlebt habe, weiß ich, was für ein Geschenk ich mit meinem Glauben bekommen habe. Ein Geschenk durch zwei Instanzen. Ein Geschenk, von dem Gott wollte, dass ich es bekomme und gleichzeitig ein Geschenk von denen, die den Geschenkwunsch Gottes ausgeführt haben.

Von dem Kirchenvater Johannes Chrysostomos, er lebte im 4. Jahrhundert n. Chr., stammt der Satz: „Das wahre Glück besteht nicht in dem, was man empfängt, sondern in dem, was man gibt.“ (Er bezieht sich dabei auf einen Satz aus der Apostelgeschichte.) Bezogen auf unseren Text bedeutet das nicht, materielle Güter weiterzugeben, Hab und Gut zu teilen oder vom eigenen Besitz abzugeben. Sondern es bedeutet, anderen von dem, was ich glaube, von dem, was mein Leben trägt, zwar nicht abzugeben, aber zu erzählen.

Und das ist der Unterschied zur kommerziellen Werbung. Die in der Werbung Agierenden sind Schauspielerinnen und Schauspieler. Sie werden dafür bezahlt, überzeugend und motivierend für das Produkt einzutreten.

Wenn wir für Gott eintreten, dann schauspielern wir nicht, sondern wir stehen mit unserem Leben ein. Würden wir Werbespots drehen, niemals würden zwei ganz gleich sein können. Denn wir alle haben unsere je eigene Geschichte mit Gott. Ich kann wirklich überzeugend nur von mir erzählen.

Wie war es für mich, als mein Sohn starb? Er, den ich liebte, mit dem ich so gern zusammen war. Da ist diese riesengrosse und auch gar nicht enden wollende Trauer in mir, dass er nicht mehr bei uns sein kann. Und da ist gleichzeitig meine Gewissheit, dass er bei Gott ist. Ich muss ihn nicht im dunklen Aus denken, im kalten Nichts. Sondern ich darf mir vorstellen, dass Gott ihn, so wie ich es getan habe, als er noch klein war, in die Arme genommen hat und ihn freundlich anblickt. So kann ich getrost, getröstet weiterleben. Davon kann ich anderen, die namenlosen Kummer tragen, erzählen.

Ich kann davon erzählen, wie es war, als ich das Gefühl hatte, zu versagen. Als mich Prüfungen so an den Rand meiner Kräfte gebracht hatten, dass ich zu erschöpft und zu verzweifelt war, um zu beten. Ich sprach damals mit einem guten Freund darüber und der sagte: „Wenn du keine eigenen Worte hast, dann nimm die alten Worte derer, die vor uns geglaubt haben.“ Und er sagte: „Wenn du keine eigenen Worte hast, will ich für dich beten.“

Beides, die Gebete des Freundes und das Lesen der Psalmen haben mich durch diese Zeit getragen. Sie haben mir die Kraft gegeben, meinen Weg weiterzugehen, sie haben mich durchhalten lassen. Und sie haben mir geholfen, Gott nicht loslassen zu müssen.

Aber ich kann auch davon erzählen, wie es war, als ich etwas erlebte, was wunderschön war. Als ich das Gefühl hatte, die Welt wäre gerade groß genug, um meiner Freude Platz zu geben. Als ich mir wünschte, ich könne die Wärme und Fröhlichkeit, die in mir waren, an alle Menschen, die mir begegneten, weitergeben. Und mein offenes Herz für Gott. Die ungetrübte Liebe zu ihm und die helle Dankbarkeit.

Und ich könnte davon erzählen, wie ich mit Gott mein ganz alltägliches Leben lebe. Wie ich meine Aufgaben meistere; wie ich mit dem umgehe, was mir nicht gelingt; wie ich meine Lebenszeit aufs schönste gestalte und wie mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.

Liebe Gemeinde, es ist wie bei der Werbung im Fernsehen oder im Kino oder in der Zeitung. Wie will ich sagen können, ob mir Nutella schmeckt oder nicht, wenn ich zum ersten nicht weiß, dass es sie gibt und sie zum zweiten noch nie gekostet habe.

Ich muss von Gott wissen, um mich überhaupt damit auseinander setzen zu können, ob ich mein Leben mit ihm leben will oder nicht.

Lassen wir es nicht dazu kommen, dass irgendwann irgendjemand zu uns sagen muss „wie sollte ich aber an den glauben, von dem ich nichts gehört habe?“

Wer, wenn nicht wir, soll denn von Gott erzählen? Wer, wenn nicht wir, soll denn erzählen, wie es ist, zu leben getragen von Gottes Kraft und geborgen in seiner Liebe? Wir sind es, die sagen: „Ich erzähle dir etwas von mir und damit erzähle ich dir auch etwas von Gott.“

drucken