Glaubst Du das?

Lazarus war krank geworden. Da ließen die Schwestern Jesus mitteilen: »Herr, dein Freund ist krank.« Jesus liebte Marta und ihre Schwester und Lazarus. Aber als er die Nachricht erhielt, dass Lazarus krank sei, blieb er noch zwei Tage an demselben Ort. Als Jesus schließlich nach Betanien kam, lag Lazarus schon vier Tage im Grab. Viele Leute aus der Stadt hatten Marta und Maria aufgesucht, um sie zu trösten. Als Marta nun hörte, dass Jesus kam, ging sie ihm entgegen.
„Herr, wenn du hier gewesen wärst, hätte mein Bruder nicht sterben müssen. Aber ich weiß, dass Gott dir auch jetzt keine Bitte abschlägt.“
„Dein Bruder wird auferstehen“, antwortet Jesus
„Ich weiß“, erwidert sie, „er wird auferstehen, wenn alle Toten lebendig werden, am letzten Tag.“
Aber Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mich annimmt, wird leben, auch wenn er stirbt, und wer lebt und sich auf mich verlässt, wird niemals sterben, in Ewigkeit nicht. Glaubst du das?“

„Glaubst Du das?“ Noch ehe er seine Worte beenden konnte, hatte sie schon mit dieser Frage gerechnet. Hastig überlegte sie und kramte nach einer Antwort. Glaubst Du das? Die Worte hallten nach und so recht wollte ihr keine passenden Antworten einfallen. „Ich glaube schon…“, sagte sie schließlich zögerlich.
Er war immer noch verwirrt, nachdem was passiert war. Wie hätte man auch damit rechnen können? Wie um alles in der Welt hätte er das voraussehen können? Niemand hätte das kommen sehen, versuchte er sich zu beruhigen.
Seitdem sie vor ein paar Tagen die Tür hinter sich zugezogen hatte, gab es keinen Kontakt, kein Lebenszeichen. Diese Trennung war wohl endgültig. Er wußte nicht so recht, wohin mit sich, als der Boden unter seinen Füßen schon wieder nachgab.

„Ahh! Da sind Sie ja!“ Ein frohgelaunter Chefarzt betrat das Klinikzimmer und begann seine morgendliche Visite mit dem immer gleichen fahlen Spruch. „Wo sollte ich auch sonst sein!“, dachte er! Sicher, beim ersten mal war das noch lustig und bei der ganzen Tristesse hier konnte man am ehesten noch über diesen Clown in weiß lachen. Der Rest war nicht so erheiternd. Den Mann neben ihn hatte man erst vorgestern entlassen. Es war sein Wunsch, seine letzten Tage zu Hause zu verbringen. Voller Krebs hatte er sich auf den Weg gemacht, die Metastasen schon überall.
Er wußte, dass auch ihm ein ähnliches Schicksal bevorstand, wenn diese verdammte Chemotherapie nicht anschlagen würde.
„Glaubst Du das?“, fragte er sich manchmal. „Glaubst Du das, du sterben kannst?“ Er traute sich nicht, sich seiner Frau zu offenbaren. Aber der Tod war eine Option, mit der er in naher Zukunft rechnen musste. „Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt…“, hatte das nicht dieser Krankenhausseelsorger gesagt? „Glaubst Du das?“

Heute Abend würde er sich trauen. Er hatte alles vorbereitet: In seiner Tasche fühlte er das eckige Kästchen und obwohl es im Laden so massiv ausgesehen hatte, war es viel leichter in der Hand als er es auf den ersten Blick geschätzt hatte. Heute Abend würde er es wagen. Die Zutaten für das Essen, der Wein, die Lieblingsmusik, er hatte an alles gedacht. Als er die Haustür aufschloss war er in Hochstimmung. Die Haustürklingel ging und sie stand in der Tür. Geübt bat er sie hinein, wies ihr einen Platz am Tisch zu und verabschiedete sich in die Küche. Als er wiederkam, stellte er sich vor sie hin und fragte, ob sie seine Frau werden wollte. Ohne zu zögern und ohne die kleine Schachtel bewußt wahr zu nehmen sagte sie „Ja!“ Nach einer heftigen, innigen Umarmung und einem Kuss, der es in sich hatte, sagte er: „Ein Leben lang zusammen!“ „Das ist ein schöner Gedanke, aber kannst Du dir das vorstellen?“, fragt sie leise zurück. „Glaubst Du das?“

Weihnachten 1914, ein Schützengraben nahe Ypern in Belgien: Mit Herannahen der Weihnachtsnacht ebbt das Feuer der Kanonen der britischen und deutschen Stellungen ab. Die Offiziere im Schützengraben sind noch Gentlemen, halten es offenbar für unangemessen, in der Heiligen Nacht den Krieg unvermindert fortzusetzen und befehlen eine Waffenruhe. Deutsche Soldaten haben zuvor von ihrer Obersten Heeresleitung zehntausende Tisch-Weihnachtsbäume erhalten, mit denen die Einheiten nun ihre Stellungen dekorieren. Einige der Bäume finden ihren Weg auf den Rand des Schützengrabens damit auch der Feind etwas davon habe. Dazu werden Weihnachtslieder gesungen, die aufgrund der nah beieinander liegenden Schützengräben auch von der englischen Seite vernommen werden. Doch insbesondere „Stille Nacht, heilige Nacht“ ist längst auch ins Englische übersetzt. Irgendwann stimmen die britischen Soldaten in den Gesang ihres Feindes ein. Es folgt das gegenseitige Zurufen von Weihnachtsgrüßen. Aus der Hölle des Schlachtfelds vom Vortag ist ein Festplatz geworden. Aus dem Schlachtenszenario wird eine „Stille Nacht“.
Im Krieg ist Frieden, Feinde wünschen einander „Fröhliche Weihnachten!“ Der Zerstörungsmechanismus hört auf zu arbeiten. Die Kriegsmaschinerie steht still – wenigstens für ein paar Stunden. „Glaubst Du das?“ (nach Helge Marek, Stille Nacht im Krieg. Der Weihnachts-Waffenstillstand von 1914, 2007. Vollständigen Artikel auf Suite101.de lesen: http://www.suite101.de/content/stille-nacht-im-krieg-a39257#ixzz1068Zi7xf)

Die Tür knallte und er war alleine. Worte hatten getroffen. Seine Worte hatten getroffen. Wie Pfeile waren sie durch die Luft gesirrt und hatten ihr Ziel erreicht: Verletzung. Nun saß er da, leer und auf eine unangenehme Art hilflos. An einen Streit wie diesen konnte er sich nicht erinnern. Was war passiert? Wie konnte es soweit kommen? Sein Zorn, seine Wut waren lange verebbt, aber er verharrte in dieser Position. Irgendwann gingen draußen die Straßenlaternen an und sie steckte den Schlüssel in das Schloß der Wohnungstür. „Es tut mir leid!“, sagte er noch bevor sie das Licht anmachen konnte. „Ich habe es nicht so gemeint! Ich war wütend und sauer und durch deine Worte verletzt!“ Sie sagte nichts. „Bitte entschuldige! Ich habe es nicht so gemeint! Wirklich nicht! Glaubst Du das?“

Paulus legte den Stift beiseite und rieb sich die Augen. Er hatte schon viel zu lange wach gesessen und nachgedacht. Wann hatte er eigentlich zuletzt gegessen? Sein Kopf schmerzte, sein Rücken auch, aber er begann trotzdem noch einmal von vorne und las was er geschrieben hatte:
Wenn ihr also mit dem Mund bekennt: „Jesus ist der Herr“, und im Herzen glaubt, dass Gott ihn vom Tod auferweckt hat, werdet ihr gerettet. Wer mit dem Herzen glaubt, wird von Gott als gerecht anerkannt; und wer mit dem Mund bekennt, wird im letzten Gericht gerettet. So steht es ja in den Heiligen Schriften: „Wer ihm glaubt und auf ihn vertraut, wird nicht zugrunde gehen.“

Paulus lehnte sich zurück. Seine Kopfschmerzen wurden immer stärker. „Das gilt ohne Unterschied für Juden und Nichtjuden. Sie alle haben ein und denselben Herrn: Jesus Christus. Aus seinem Reichtum schenkt er allen, die sich zu ihm als ihrem Herrn bekennen, ewiges Leben. Es heißt ja auch: „Alle, die sich zum Herrn bekennen und seinen Namen anrufen, werden gerettet.“

Er hob den Kopf. Konnte er das so sagen? War das nicht hoffnungslos und ein bisschen zu stark? Er war zu müde, einen weiteren Gedanken zu fassen. Er las weiter:
Sie können sich aber nur zu ihm bekennen, wenn sie vorher zum Glauben gekommen sind. Und sie können nur zum Glauben kommen, wenn sie die Botschaft gehört haben. Die Botschaft aber können sie nur hören, wenn sie ihnen verkündet worden ist. Und sie kann ihnen nur verkündet werden, wenn Boten mit der Botschaft ausgesandt worden sind. Aber genau das ist geschehen! Es ist eingetroffen, was vorausgesagt war: „Welche Freude ist es, wenn die Boten kommen und die Gute Nachricht bringen!“
War das hoffnungsvoll? Hatte er es geschafft, ein Licht in der Finsternis anzuzünden? Seine Augen suchten den nächsten Absatz:
„Doch nicht alle sind dem Ruf der Guten Nachricht gefolgt.“, dachte Paulus. Schon der Prophet Jesaja sagte: „Herr, wer hat schon unserer Botschaft Glauben geschenkt?“
Paulus versuchte sich zu konzentrieren. Er wollte seine Aufgabe zu Ende bringen. Wie in ein Koordinatensystem trug er einen weiteren Punkt ein:
„Der Glaube kommt also aus dem Hören der Botschaft; die Botschaft aber gründet in dem Auftrag, den Christus gegeben hat. Haben sie vielleicht die Botschaft nicht gehört?“

„Glaubst Du das?“

Amen.

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