Christus für Sami?

Liebe Gemeinde,

letztes Wochenende. Wir hatten Besuch. Eine alte Freundin meiner Frau war da. Sie lebt zusammen mit Sami. Sami ist Moslem…und er ist in Bosnien geboren. Srebrenica. Serbische und z.T. auch kroatische Milizen wüteten, mordeten, jagten Bosnier, Moslems. Töteten. Sami redet da nicht viel drüber. Geflohen, jetzt hier, integriert, neue Heimat, verdient sein Geld mit Fischhandel auf Wochenmärkten. Frühstückstisch. Sami fragt vorsichtig, was das für Christen seien, die Katholiken in Kroatien und die Orthodoxen in Serbien. Was da passiert ist…der Hass auf einmal, warum…man hat doch vorher zusammen gelebt, Haus an Haus, der eine ging zur Kirche, der andere zur Moschee, war kein Problem. Jetzt war er nach Jahren wieder mal da, schönes Land, Berge, die Adria, wieder alles friedlich, noch unter den Augen von US-Truppen, aber eigentlich wie früher. Er hat es anders erlebt, Christen, aufgeputscht und voller Hass jagten Moslems, Serben Bosnier … Sarajewo war ein Ort des Schreckens, und Srebrenica … nicht drüber reden.

Paulus versteht nicht so recht im Römerbrief, warum die Juden Christus nicht annehmen. Wo er doch aller Menschen Gott ist. Paulus legt es sich zurecht: Glauben entsteht durch Predigt. Und wer von Christus nichts hört, kann ihn wohl auch nicht annehmen. Kann wohl auch nicht glauben. So denkt es sich Paulus. Und predigt und reist und schreibt und verkündigt Christus, rastlos in Galatien, Thessaloniki, Korinth, in Athen, in Rom. Hätte Paulus auch Sami Christus gepredigt? Versucht, in ihm Glauben zu wecken? Sicher hätte er das versucht. Paulus vergisst da aber etwas. Religion und Glaube ist nicht Überzeugung des Kopfes, sondern Sache von Herz und Seele. Das weiß er eigentlich auch. Er weiß aber nicht, das Herz und Seele auch gefüllt sind mit Tradition, mit Kulturwurzeln, mit dem, was schon vorher war, was Halt gibt. Wer von uns, liebe Gemeinde ist denn Christ, gar evangelischer Christ auf Grund einer Entscheidung? Wir sind es auf Grund unserer Wurzeln, unserer Seele, unseren Kindheitserfahrungen mit Krippe und Baum, unserer Vertrautheit mit Bildern und Psalmversen. In Köln oder Paderborn oder Polen geboren wären wir katholisch. Als Bosnier geboren wären wir Moslems. Wie Sami.

Sami, sag ich. Ich weiß es auch nicht, wie das bei Dir in der alten Heimat passieren konnte. Was da aufbrach an Hass und an alten Hassgeschichten…ich weiß es auch nicht, was hier bei uns los war von 1933-1945, im christlichen Deutschland, als aus Juden und Schwulen und Behinderten Auszumerzende, Auszurottende, Schädlinge wurden. Ich weiß es nicht, Sami.

Paulus, Du sagst, Glauben kommt aus der Predigt. Was ist denn unsere Predigt als Christen? Christus auf den Lippen?

Jesus Christus predigt so: Willst Du gesund werden, fragt er den Gelähmten. Willst Du? Ja, ich will Herr. Nimm Deine Matte und geh und steh auf. Und er stand auf und war geheilt. Dein Glaube hat Dir geholfen, sagt der Heiland am Ende. Das sagt er oft und gern, der Heiland. Er predigt mit Wort und Tat und beides mischt sich so, dass es kaum noch zu unterscheiden ist voneinander. Wort und Tat werden eins, und das hält er durch bis Golgotha. Nicht Srebrenica, Golgotha ist seine Predigt. Und Ostermorgen: Nimm Deine Matte, steh auf und geh. Dein Glaube hat Dir geholfen.

Sami hat andere Christen und andere Predigen erlebt, als er noch Bosnier in Bosnien war. Srebrenica wurde sein Golgotha. Aus Sarajewo wurde das Karfreitag der Moslems. Ja, ich weiß, woanders ist es anders, leiden Christen, sind Moslems die Verfolger. Aber bei Sami war es eben so herum, da waren die Unsrigen nicht die Guten.

Paulus, ist es nicht egal, wer predigt? Wer Gott mit Hass predigt und Hass sät, der macht Gott zum Teufel. Wer sagt und tut: Willst Du gesund werden…nimm Deine Matte und steh auf und geh und Dein Glaube hat dir geholfen und liebet einander … der predigt nicht bloß, sondern tut Gott in die Welt.

Und dann lächelt Sami. Da zu Hause, wo er herkommt, sind zwar immer noch US-Soldaten und halten Wacht, aber es ist wieder Zuversicht und Gemeinsamkeit und Nachbarschaft da und der Eine geht wieder zur Kirche, der Andere wieder zur Moschee. Und der Glaube an das Leben wächst wieder. Christus, die Liebe, gewinnt an Boden. Vielleicht gehen ja auch mal die Soldaten und es bleibt trotzdem Frieden. In Sarajewo und vielleicht auch in Srebrenica.

Sami, glaubst Du das? Carsten, glaubst Du das auch? Dann haben wir Gott bei uns. Du in der Moschee. Und Du in Deiner Kirche. Wie wir eben groß geworden sind.

Paulus, wie findest Du das? Könnte das auch so aussehen, dass Gott alles in allem wird? Paulus sagt: Gnade und Frieden sei mit Euch.

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