Unser Kirchengebäude predigt Demut

Liebe Gemeinde!

Heute ist der Tag des Offenen Denkmals. In ganz Deutschland wird er begangen. Überall sind heute bedeutende Gebäude geöffnet: Burgen, Schlösser, denkmalgeschützte Gebäude und Anlagen und eben auch viele Kirchen. Unsere alte Kirche ist ja sowieso jeden Tag geöffnet, aber heute gibt es noch besondere Aktionen wie eine Kirchenführung gleich um 11 Uhr und eine Orgelführung heute nachmittag.

Als Pastorin und Kirchenpädagogik-Frau ist es mir dabei wichtig, dass die Leute unsere Kirche nicht nur als ein Museum ansehen, sondern dass die Kirche in ihnen auch Glauben eröffnet und verständlich macht. Vieles, was Ihr in dieser Kirche seht/was Sie in dieser Kirche sehen, hat einen tieferen Sinn und macht uns aufmerksam für Gott. Ich meine sogar, dass die Kirche uns heute helfen kann, unseren Predigttext besser zu verstehen. Es war schon immer so, dass die Kirche auch mit gepredigt hat. Man sagt ja sogar: Die Bilder auf dem Altar und an den Kirchenwänden waren die Bibel für die Leute, die nicht lesen konnten. Die Kirche erzählt uns von Gott.

Bevor ich den Predigttext mit unserer Kirche in Verbindung setze, will ich ihn erst einmal ins Gedächtnis rufen In unserem Predigttext steht: Alle miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Demut ist ja heutzutage eher ein verrufenes Wort geworden. Das mag keiner gerne hören. Demütig verbindet man mit Brav-Sein, Unterordnung, Gehorsam. Wer will das schon? Manche verbinden es leider auch mit Kirche. Das Kindergebet „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ ist noch manchen Älteren bekannt, und es behält einen merkwürdigen Beigeschmack. Ebenso geht es manchen mit unserer Eingangsliturgie und dem Sündenbekenntnis. Das ist ja etwas typisch Lutherisches. Als meine Freundin aus der reformierten Kirche in Lippe einmal bei uns zu Besuch war und einen Gottesdienst mit machte, sagte sie: Das ist ja schrecklich bei Euch im Gottesdienst. Gleich zu Beginn sagt ihr: Wir bekennen Gott, dass wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Werken. Warum drückt ihr die Menschen erstmal so runter, um sie hinterher wieder aufzurichten? Das passt nicht in mein Gottesbild, sagte sie. Und so geht es wohl vielen.

Ich glaube allerdings, dass uns Christinnen und Christen eine bestimmte Form der Demut gut tut und dass sie uns auch ansteht. Und zwar deswegen, weil sie uns ins rechte Verhältnis zu Gott setzt. Selbstbewusstsein zu haben ist gut und wichtig. Vielen fehlt es. Aber Gott gegenüber dürfen wir uns nicht aufspielen, als wären wir die Herrschenden über diese Welt. Gott gebührt alle Ehre! Wenn wir danach leben und das als Ziel sehen, dann leben wir in der Weise, wie er, Gott, uns gedacht hat, als Geschöpfe, als Gegenüber zu Gott. Und nur so, in der Achtung vor Gott, behalten wir auch die Achtung vor unseren Mitmenschen, die Anerkennung, dass Gott auch sie geschaffen hat. Diese Art der Demut ist keine niederdrückende Demütigung, sondern eine heilsame Ehrerbietung gegenüber Gott und Menschen, heilsam auch für uns selber.

Wo predigt uns das die Kirche? Zuerst durch den Altar, der früher ein Opfertisch war, wo Menschen Gott ein Opfer gebracht haben, um ihn gnädig zu stimmen. Der Altar, so etwas wie ein heiliger Ort, an dem die Menschen Gott nah kamen. Und weil der Altar heute auch noch Zeichen für die Nähe Gottes ist, deswegen drehen wir uns zum Beten meistens zum Altar. Das heißt: Wir sprechen zu Gott. Und weil der Altar Gottes Nähe anzeigt, rennen wir auch nicht durch die Kirche, sondern bewegen uns immer gemessenen Schrittes auf den Altar zu. Der Weg durch die Kirche zum Altar ist gleichzeitig immer Symbol für unseren Lebensweg zu und mit Gott. Das ist ja auch der Grund, weswegen wir Brautpaaren immer zuraten, bei der Trauung gemeinsam in die Kirche einzuziehen und nicht die Braut durch den Vater führen zu lassen- eben deswegen, weil dieser Weg durch die Kirche den gemeinsamen Lebensweg des Brautpaars andeutet. Sie sehen/ihr seht: Der Ort des Altars, der Weg durch die Kirche zum Altar verlangt eine bestimmte innere Haltung, die etwas mit Demut, mit Achtung gegenüber Gott und Menschen zu tun hat. An einer Stelle in der Bibel steht: Wer zum Tisch des Herrn geht, nämlich zum Abendmahl, der soll das nie tun, ohne mit seinen Mitmenschen versöhnt zu sein. Achtung vor Gott und Menschen gehört zusammen. Für mich gehört es in diesen Zusammenhang, dass wir Samstag in unserer Gemeinde ein interkulturelles Fest feiern, ein Begegnungsfest für deutsche und für ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gerade in Bezug auf die Sarazin-Äußerungen und alle Diskussionen dieser Wochen, muss man betonen: Es ist nahezu eine Folge einer guten demütigen und christlichen Einstellung, einander zu begegnen in Respekt und Offenheit.

Uns Pastorinnen und Pastoren ist in dieser Kirche noch eine besondere Ermahnung zur Demut mitgegeben. Die Kirche predigt besonders uns. Und wie? Schauen Sie sich einmal das Portal zur Kanzel an, den Aufgang mit dem Tor. Und wahrscheinlich ist es Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir Pastoren uns immer bücken müssen, wenn wir auf die Kanzel gehen. Das hat seinen Sinn. Es liegt nicht nur daran, dass die Pastoren früher kleiner waren als unsereiner, sondern die Pastoren sollten sich schon immer demütig beugen, wenn sie auf die Kanzel gehen und Gottes Wort verkündigen. Denn die Predigt fordert auch eine bestimmte Demut, eine innere Haltung gegenüber Gott und der Gemeinde. Deswegen steht ja auch über dem Aufgang: Oh Herr, lass wohl gelingen. Wenn Ihr Euch das bewusst macht, was schon der Aufbau dieser Kirche bedeutet, dann merkt Ihr: Es geht in diesem Gebäude um einen ganz besonderen Schatz, um etwas sehr Wertvolles, nämlich um den Glauben und um unsere Begegnung mit Gott.

Sie ist angreifbar. So heißt es im Predigttext: Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben. Am heutigen Sonntag, am Tag nach dem 11.September, ist es ganz präsent, wie angreifbar unser Leben ist und unser Gottvertrauen auch.

Aber wir werden im Predigttext eingeladen, unser Leben Gott anzuvertrauen: Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.
Das ist das Ziel, auf das diese Predigt hinaus läuft: dass wir uns nicht anmaßen, allmächtig zu werden und alle Probleme dieser Welt selber lösen zu wollen, dass wir uns nicht anmaßen, zu wissen, wie alle anderen leben müssten, sondern dass wir in Demut und Gottvertrauen die Macht an Gott abgeben.

Im Zentrum unserer Kirche steht der Altar mit den Bildern der Leidensgeschichte Jesu. Er sagt uns, dass Jesus uns nah ist, auch in Schwachheit und Leiden und im Tod. Über dem Altar seht Ihr das Kreuz. Es sagt uns: Jesus Christus ist unser Herr und gleichzeitig unser Bruder. Deswegen heißt es im Predigttext: Ihm sei Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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