Sarrazin, Jones, Westergaard und wir

Das wäre ein Text so richtig gegen sein Verhalten und Auftreten, liebe Gemeinde. Vor allem der Anfang aus dem 1. Petrusbrief. Seine Worte würden dem Herrn Thilo Sarrazin für die Art, in der er seine Gedanken formuliert hat, eine Zurechtweisung erteilen. Hier ist der 5. Vers: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Wenn es der Hauptantrieb des Nicht-mehr-Vorstandsmitgliedes-der-Bundesbank gewesen ist, den Verkauf seines Buches anzukurbeln, dann hat er sein Ziel erreicht. Auf eine Verfilmung warten ja wohl die wenigsten …

Wenn Thilo Sarrazin allerdings einen Denkanstoß für eine sachliche Debatte über die Lern- und Lebensbedingungen ausländischer Familien in Deutschland liefern wollte, dann war das nix. Zu plakativ, zu hochmütig kam er daher. Und hat provoziert, dass ihm jetzt aus der falschen Ecke unserer Gesellschaft zugejubelt wird.

Die falsche Ecke der Gesellschaft, das ist die Überleitung zu meinem nächsten Beispiel. Denn das wäre ein Text so richtig nach seinem Geschmack, liebe Gemeinde. Vor allem im Mittelteil. Diese Worte würden dem Pastor Terry Jones aus Florida gut gefallen.

Hier sind die beiden Verse 8 und 9: 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

Dass Mister Jones den Islam als vom Widersacher und Teufel geschickt hält, das erzählt er schon seit Jahren. Aber durch sein Vorhaben, die Heilige Schrift der Muslime, den Koran, zu verbrennen, hat er es geschafft, weltweit bekannt zu werden. Als ich meine Predigt am Donnerstagvormittag schrieb, da wusste ich noch nicht, ob er es tatsächlich tun würde, am 11. September. Heute, einen Tag später, sind wir schlauer.

Das wäre ein Text, der diesem verfolgten und geschmähten Mann im Nachhinein Recht gibt. Und Anerkennung, liebe Gemeinde. Hier ist der vorletzte Vers: 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

Seit Kurt Westergaard vor fünf Jahren eine Karikatur des Propheten Mohammed für die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ anfertigte, ist sein Leben gehörig durcheinander geraten. Es ist seitdem nämlich bestimmt von einem permanenten Auf-der-Hut-sein, häufigem Umzug und einem allgemeinem Versteckspiel. Und jetzt – genauer gesagt am vergangenen Mittwoch – ist er geehrt und ausgezeichnet worden mit einem Preis für seine Verdienste um die Pressefreiheit in Europa.

Das ist ein Text, der ihm wichtig gewesen ist, liebe Gemeinde, denn sonst hätte er ihn gar nicht erst verfasst. Der uns unbekannte Autor des 1. Petrusbriefes schrieb gegen Ende des ersten Jahrhunderts, vermutlich von Kleinasien aus. Da seine Gedanken mehr allgemein theologisch gehalten sind und nicht auf bestimmte Ereignisse einer Adressatengemeinde reagieren, haben wir es hier mehr mit einer theologischen Abhandlung als einem richtigen Brief zu tun.

Ja, und dann schrieb er seine Gedanken nieder, aus denen wir heute diese sieben Verse besonders intensiv betrachten.

[TEXT]

Vielleicht geht es Ihnen beim erneuten Zuhören so, wie mir jetzt beim zweiten Lesen, liebe Gemeinde. Ich habe nämlich immer noch die Beispiele Sarrazin, Jones und Westergaard im Ohr. Sie klingen einfach mit. Und das ist auch gut so.

Aber vielleicht können Sie und Ihr mit dem zweiten Ohr – vielleicht hört man mit dem ja auch besser – noch einige Informationen über die Situation aufnehmen, in die hinein der 1. Petrusbrief vor 1.900 Jahren gerichtet gewesen ist.

Es geht dem Schreiber um einen „heiligen Wandel“. Und in diesem Zustand wandeln die erlösten Christinnen und Christen. Und wenn sie das tun, dann soll das gefälligst auch nach außen hin sichtbar werden. Besonders in Situationen, in denen diese Menschen leiden. Ihr Umgang mit dem, was ihnen zu schaffen macht, worüber sie sich sorgen – der sollte sich von Menschen, die mit Gott nichts anfangen können, unterscheiden.

Weil dieser veränderte Umgang dem Autor des 1. Petrusbriefes so sehr am Herzen liegt, darum hat er solche Spitzensätze wie diesen hier aufgeschrieben: 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Liebe Gemeinde, das ist ein Text nach meinem Geschmack.
Und ganz besonders dieser Satz, dass ich meine Sorge Gott anvertrauen darf.

Meine Sorge darüber, dass ein fanatischer Pastor aus den USA so viel von dem zerstören kann, was mittlerweile an Dialog und Miteinander unterschiedlicher religiöser Gruppen aufgebaut worden ist.

Meine Sorge darüber, dass sich mit dem Thema Migration und Förderung von sowie Forderung an ausländische Familien nur noch unsachlich und plakativ beschäftigt wird.

Und meine Sorge auch darüber, dass die Betonung der Pressefreiheit durch diesen Preis überdeckt wird von erneuter Gefährdung und Unruhe.

Und dann schließlich meine privaten Sorgen und Gedanken und Grübeleien, die kleinen und die großen. Ich denke, dass es dem einen oder der anderen heute Morgen ähnlich gehen könnte.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch., heißt es Mut machend im 1. Petrusbrief.

Was bedeutet das?

Mir fällt zuerst ein, wie es nicht gemeint ist: Ich soll nämlich nicht so tun, als hätte ich keine Sorgen mehr.

Aber vielleicht gelingt es mir ja, meine Sorgen ein bisschen aufzuteilen. Den Sorgenberg sozusagen etwas zu verkleinern, indem ich voneinander unterscheide, was ich lösen kann und was meine Kräfte übersteigt. Ich kann mir Unterstützung holen, denn ich muss wirklich nicht immer alles alleine machen.

Und eine wesentliche Hilfe ist es dabei wirklich, die Sorge auf Gott zu werfen. Und zwar im Gebet Gott mitteilen, was mich belastet. Für meine Sorgen im Gespräch mit Gott Worte zu finden, das kann schon der erste Schritt in Richtung Sortierung und Gewichtung meiner Lasten werden. Und still werden. Und neue Kraft bekommen.
Für wen das jetzt neu ist, der möge es einfach mal ausprobieren, denn es funktioniert wirklich.

Ich komme zum Schluss. Was ich mir aus den vergangenen zehn Minuten besonders merken will, sind diese vier Punkte:

1.: Biblische Texte, die viele Jahrhunderte alt sind, sind nicht automatisch veraltet.
2.: Wenn ich in der Bibel Kommentar zum Tagesgeschehen suche, werde ich mit Sicherheit fündig.
3.: Gott bietet mir an, ihn an meinen Sorgen zu beteiligen. Und mir helfen zu lassen.
Und 4.: Wenn ich will, dann ist dieser Text genau passend für mich.
Amen.

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