Keine Quälerei

Liebe Gemeinde,

viele von uns kennen den Vers: „Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ Dieser Vers ist das dritte Glied in einer Kette. Das erste ist die Aufforderung, sich unter Gottes Hand zu beugen, das zweite ist die Zusage, dass Gott uns erheben will. Und die dritte ist wieder eine Aufforderung, nämlich die, alle Sorgen auf ihn zu werfen.

Wenn wir uns den Urtext anschauen, bekommt er allerdings eine – wenn auch nur kleine, so doch wichtige – Richtungsänderung. Da steht nicht „alle eure Sorgen werft auf ihn“, sondern „alle eure Sorge auf ihn geworfen habend“ (επιριψαντες). Und damit ist die Reihenfolge umgedreht. Jetzt ist das erste Glied der Kette, dass wir all unsere Sorgen schon abgeworfen haben. Und weil wir unsere Sorgen schon abgelegt haben, können wir Gott als aufrechte, freie Menschen begegnen. Wir können uns unter seine Hand beugen, nicht weil wir uns so wie so als elend und minderwertig ansehen, sondern weil wir ihm mit klarem Blick und voller Liebe die Ehre entgegenbringen, die ihm zusteht. Gott will selbstbestimmte, selbstbewusste Menschen, die ihn als den anerkennen, der er ist.

Warum sonst werden uns in der Bibel immer wieder die Geschichten erzählt, dass Jesus Menschen heilte? Warum glich er immer und immer wieder dort aus, wo Menschen das Leben in Fülle versagt wurde?
Alles, was uns bedrückt, was uns niederdrückt, dürfen wir vor Gott benennen. Ich glaube daran, dass er uns zuhört. Ich glaube an die reinigende Kraft des Gebetes. Ich glaube daran, dass das Gespräch mit Gott mich heil werden lässt.

Ablegen, was bedrückt – dazu ist jetzt für die, die es wollen, Gelegenheit. Lassen Sie sich einladen, im stillen Gebet eine Kerze anzuzünden und das, was Sie sorgt, vor Gott zu bringen.

[Die Gemeinde zündet die am Eingang verteilten Kerzen an und stellt sie auf den Kerzenleuchter im Altarraum.]

Liebe Gemeinde, mit dem ersten Teil unseres Predigttextes haben wir uns nun schon auseinandergesetzt. Wir sitzen hier als Menschen, die ihre Sorgen abgelegt haben. Die, die das getan haben, haben es getan, weil sie darauf vertrauen, dass Gottes lebensspendende Kraft grösser ist als das, was drückt, niederhält, quält.

Nun gab es damals wie heute Widerspruch gegen solche Haltungen. „Was denn, du rennst in die Kirche?“ werden die einen gefragt. „Glaubst du denn, was die da erzählen?“ fragen die anderen. Ja, es scheint die Meinung unausrottbar, dass die, die glauben, alle mehr oder weniger ein bisschen spinnert, ein bisschen durchgeknallt sind – im besten Fall. Im schlimmsten Fall gelten Gläubige als nicht gesellschaftsfähig, weil sie unter Realitätsverlust leiden.

Dabei wird in unserem Bibeltext ganz wunderbar die Spannung zwischen dem ganz-auf-Gott-vertrauen und dem gleichzeitigen ganz-in-der-Welt-leben gehalten.

Auf den Absatz, alle Sorgen auf Gott zu legen, folgt eine Ermahnung, die es in sich hat. „Lebt ohne Illusion, haltet die Augen offen!“ Luther hat diese Stelle übersetzt mit „seid nüchtern, wacht.“ Das ist doch ein wichtiger Hinweis, wie gläubige Männer und Frauen, Jungen und Mädchen leben, leben sollen. Da ist keine Rede von Wirklichkeitsferne oder von Utopien, keine Aufforderung, sich aus der Welt zurückzuziehen. Vielmehr können wir lesen, wie wir mit unseren Sorgen umgehen sollen. Das heißt – und jetzt mache ich einen ganz kleinen Schlenker – nirgendwo steht, dass wir keine Sorgen haben. Die Menschen damals, der Verfasser des Briefes, wir heute haben Sorgen. Und die werden auch nicht mit Verniedlichungen kleingeredet oder nicht ernstgenommen. Im Gegenteil, sie werden mit einem brüllenden Löwen verglichen.

Ich weiß nicht, wer von Ihnen schon einmal auf einer Safari einen brüllenden Löwen erlebt hat. Es genügt aber auch ein Erlebnis im Raubtierhaus, um zu erschrecken. Und als ob damit die Spirale nicht weit genug nach oben gedreht sei, setzt der Verfasser des Briefes noch einen drauf: Es ist der Teufel, der euch da entgegenbrüllt. Sorge, Löwe, Teufel – was für eine Gleichung.

Aber hat der Briefschreiber nicht recht? Sind unsere Sorgen nicht manchmal wirklich des Teufels? Wenn sie uns den Schlaf rauben, dunkle Augenringe in unser Gesicht malen, uns unleidlich und scharf mit unseren Lieben werden lassen? Und manchmal erlangen sie solch eine Macht, dass wir uns von Gott abwenden.

Dabei sind Sorgen an sich nichts Schlechtes oder gar Böses. Genauso wenig wie ein Löwe, der brüllt, böse ist. Er ist halt ein Löwe, der brüllt. Wer aufmerksam und nachdenklich lebt, macht sich Sorgen. Um sich selber, um andere, um die Zukunft der Gesellschaft und um die Erde, auf der wir leben. Sich-Sorgen kann auch ein Zeichen der Anteilnahme, der Fürsorge sein. Schwierig wird es erst, wenn die, die sich sorgen, den Sorgen eine Eigendynamik zugestehen. Wenn sie es den Sorgen gestatten, allen Raum auszufüllen. Wie damit umgehen? Der Petrusbriefschreiber sagt: „Passt von Anfang an auf, denn nur dann könnt ihr den Sorgen-Selbstläufer stoppen. Seid nüchtern und wacht.“ Und er sagt auch gleich, wie es gelingen kann, das Stoppen: „Setzt ihm ohne Wanken den Glauben entgegen.“

Und damit, liebe Gemeinde, ist der Kreis geschlossen zu dem, was wir am Anfang getan haben. Wenn ich darauf vertraue, dass ich bei Gott meine Sorgen ablegen kann und dass er mich aufrichtet, dann kann ich auch meine Sorgen in meinem Leben da einordnen, wo sie hingehören. Nämlich nicht zu lebensvernichtender und kräftezehrender Quälerei, und schon gar nicht zu Gottesferne. Sondern zu einem verantwortungsvollen und zukunftsbewusstem Leben.

Und ein letztes: Wenn wir heute nach Hause gehen, dann werden wir unsere Sorgen wieder mitnehmen. Und wir werden uns, auch nach dieser Predigt, weiterhin sorgen.

Aber wenn wir daran festhalten, was wir heute begonnen haben oder wieder aufgenommen haben oder fortgesetzt und vertieft haben: das Gespräch mit Gott, das Vertrauen darauf, dass er es gut mit uns meint, dann wird er die Macht über unser Leben haben. Und lassen wir uns nicht irre machen, wenn die Sorgen uns doch wieder überwältigen. Halten wir fest daran, dass unser Vertrauen zu Gott größer ist als alle Sorgen zusammen. Denn dann werden immer wieder Gottes Freude und Liebe und Lebenskraft unsere Herzen und unser Denken füllen.

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