Aladin

Liebe Gemeindeglieder,

Schöner wär es natürlich, wenn es wie im Märchen wäre. Wenn wir einen Zauberstab hätten, mit dem unsere Wünsche erfüllen könnten, besonders die, die uns wirklich so sehr am Herzen liegen. Oder wenn wir so eine Wunderlampe hätten wie Aladin in 1001 Nacht. Wann immer wir Angst hätten, oder einen Grund zur Sorge, oder auch nur einen Wunsch, würden wir an der Lampe reiben und ein Flaschengeist würde entweichen und würde sagen: „Ich bin dein Diener. Was verlangst du von mir?“ Und was immer wir wollten, er würde es machen. Das prunkvollste Schloss würde er uns über Nacht irgendwo hinsetzen, einfach nur so, damit wir dem Vater der tollen Prinzessin so richtig fett imponieren können.

Leider geht das ja mit dem Beten nicht so. „Ich bin dein Diener. Was verlangst du von mir?“ – So antwortet Gott nicht auf unser Gebet. Schade eigentlich. – Aber wahrscheinlich besser für die Welt.

Nein, wenn mir dieses Märchen eingefallen ist, dann nicht, weil ich Gott lieber als Flaschengeist hätte. Sondern weil auch der Bibeltext von einem Geist spricht, der uns geschenkt ist. Nur – davon haben wir schon so oft gehört und das geht hier rein und da wieder raus. Wenn ich mir den Geist aber als solch einen Flaschengeist vorstelle, dann denke ich ganz neu drüber nach und spüre, welche Kraft von so einem Geist ausgehen könnte. Nicht in dem Sinne, dass wir auch so eine olle Lampe geschenkt bekommen, an der wir rubbeln müssen, und dann kommt da ein Gespenst raus. Sondern in dem Sinne, wie wir davon reden „wes Geistes Kind“ jemand ist; mit welcher Geisteshaltung jemand sein Leben lebt.

Machen sie die Probe und stellen sie sich einige Menschen vor, mit denen Sie im Alltag zu tun haben: Sie werden sofort so ein Gefühl dafür haben, „wes Geistes Kind“ der eine oder die andere ist.

Zeige mir, wie du auftrittst, was du tust und wie du etwas tust, und ich nenne dir deinen inneren Flaschengeist: den Flaschengeist der Ängstlichkeit, der inneren Härte, der Liebe, der Aggression. – Oft eine Mischung aus mehreren.

Gewöhnlich nennen wir das „den Charakter!“ eines Menschen. Aber indem wir das tun, gießen wir da nicht diese Eigenschaften, diese Geisteshaltung in Beton? Ist eben der Charakter. Fertig, aus, Schicksal, unabänderlich.

Das Bild vom inneren Flaschengeist ist viel offener. Wenn wir in eine Stresssituation kommen, dann reibt sozusagen jeder von uns blitzschnell an seiner Wunderlampe und ruft seinen Geist. Die Aggressive wird dann sofort zum Angriff übergehen, der Ängstliche wird verschreckt dasitzen, die Humorvolle wird vielleicht ein Witzchen machen, und der souveräne Liebevolle wird sich Sorgen machen, warum der Andere nun plötzlich so fürchterlich wütend ist.

Schlimm, wenn das Schicksal wäre. Wenn mein Leben so in Beton gegossen wäre. Mit diesem Bild möchte ich nicht leben. Und ich finde es auch nicht christlich.
Die Vorstellung vom inneren Flaschengeist eröffnet mir die Möglichkeit, mich zu fragen, ob ich mit meinem Flaschengeist wirklich glücklich bin; ob ich wirklich auf ewig diesen Flaschengeist herbeirufen möchte. Beziehungsweise, ob ich den weiterhin ungefragt reinlassen möchte in mein Leben. Denn wenn ich den oft genug gerufen habe, dann kommt der schließlich automatisch und so schnell, dass ich es kaum noch steuern kann.

Natürlich ist es nicht leicht, so einen alten Flaschengeist loszuwerden. Die moderne Hirnforschung beschreibt das: Mit jedem mal, wo wir in einer bestimmten Weise handeln, oder auf eine bestimmte Weise reagieren, bilden wir im Gehirn neue Synapsen und festigen die entsprechenden Nervenbahnen. Der Vortel: Wir werden dadurch in dieser einen Richtung immer perfekter. Der Nachteil: Wir werden auch dann immer perfekter, wenn die Richtung falsch ist. Wir werden vielleicht immer perfekter ängstlich, oder perfekter aggressiv oder was auch immer.

Ich habe eine Frau erleben müssen, die sich nie darum bemüht hat, ihre liebevolle Seite zu entwickeln, die immer den anderen die Schuld gegeben hat. Sie hätte im Alter ein paradiesisches Leben haben können. Ihr Sohn hat alles dafür getan, dass sie in ihrem Haus wohnen kann. Jeden morgen ist er zum Frühstück gekommen, Rund um die Uhr wurde sie von einer lieben Krankenschwester betreut, die ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hätte. Aber keine Krankenschwester hatte es länger als einige Wochen ausgehalten, ständig in aggressiver Atmosphäre zu leben und ständig beschimpft zu werden. Schließlich war sie nicht mal mehr für ein normales Altenheim tragbar. Und ich habe mir vorgenommen: Ich will – falls Gott mir noch so viel Zeit schenkt – ein liebevoller alter Opa werden. Und ich weiß: Ob das so wird, dass ist nicht Schicksal; das entscheide ich heute. Indem ich mich heute frage: Wes Geistes Kind will ich sein?

Und wenn ich den Bibeltext lese, dann denke ich: Genau den Geist wünsche ich mir, der uns sogar schon geschenkt sein soll: Gottes Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Und den alten Geistern gegensteuern heißt für mich, zu wissen, dass ich einen anderen Flaschengeist rufen kann. Der am Ende so tolle, höfliche und gebildete Aladin wird am Beginn des Märchens ganz bewusst und in allen Farben als Nichtsnutz und Versager dargestellt. Der typische Bildungsverlierer der gerade neuen Shell-Jugendstudie. Der Beginn des Märchens könnte ein wörtliches Fallbeispiel daraus sein: „In einer großen Stadt .. lebte ein armer Schneider namens Mustafa. …dessen Sohn, Aladin mit Namen, war ein Tunichtgut. Der Vater hatte nicht viel Zeit und Geld auf seine Erziehung verwenden können, und der Sohn hatte auch nichts gelernt.“ Mit diesem Geist der Perspektivlosigkeit hängt er auf der Straße ab. Erst als sein vermeintlicher Onkel kommt und ihm eine Perspektive eröffnet, er könne mit seiner Hilfe ein angesehener Kaufmann werden, da macht es klick in ihm und er beginnt, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und dabei benutzt er den Flaschengeist nicht, um sich schwups zu einem reichen Händler zu machen, sondern nur, um satt zu werden, wobei der Geist allerdings das Mahl auf Silbertellern serviert, mit denen er dann handeln kann.

Nebenbei bemerkt. Das im muslimischen Raum überlieferte Märchen von Aladin ist damit klüger als Sarrazin. Gegen das Gerede von genetisch bedingter Dummheit kommt es darauf an, jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen. Ihnen zu helfen, den Geist der Verzagtheit und Perspektivlosigkeit zu überwinden.

Und ebenso ist es auch bei uns.

Natürlich hat es nicht jeder von uns gleich leicht mit dem Bändigen unserer ungewollten inneren Flaschengeister. Es gibt natürlich Veranlagungen und – je älter wir werden, desto verfestigter sind auch unsere Verhaltensmuster. Und irgendwann kommen wir vielleicht wirklich an den Punkt, wo wir müde sind und das nicht mehr ändern wollen. Aber solchermaßen die Segel streichen sollten wir, finde ich, frühestens, wenn wir 95 Kerzen auf dem Geburtstagskuchen haben. Frühestens!

Zumal, wo wir Christen sind. Andere mögen ja sagen. Ich sehe keine Hoffnung. Die Welt ist schlecht, es hat keinen Sinn. Woher soll ich da einen anderen Geist bekommen?

Für uns ist das anders. Wir brauchen nur unseren eigenen Glauben ernst nehmen!

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Dieser Satz steht nicht irgendwo. Sondern an diesem Anfang des zweiten. Briefes des Paulus an Timotheus. Der wurde mal als das Testament des Paulus bezeichnet, geschrieben angesichts des nahenden Märtyrertodes.

Durch die theologische Forschung wissen wir zwar, dass dieser Brief nicht wirklich von Paulus geschrieben wurde, aber das schmälert die Weisheit dieses Satzes in keiner Weise. Dieser Brief ist ein Beispiel der damals weit verbreiteten Testamentsliteratur. Da wird versucht, die Botschaft eines bedeutenden Menschen für die nachfolgenden Generationen zusammen zu fassen und lebendig zu erhalten.

Und wir haben noch das Glück, dass wir den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit nicht brauchen, weil wir als Christen in einer feindlichen Umwelt unseren Glauben mutig bekennen müssen, sondern nur, um in unserem Leben ein Beispiel zu geben, wie schön es ist, sein Leben im Vertrauen auf Gott führen zu können.

Ob das gelingt, das ist kein Schicksal. Da können wir mitmischen. Können uns überlegen, wes Geistes Kind wir sein wollen. Und ich finde das eine wunderbare Vorstellung, in der nächsten Situation, in der ich mies reagiere, inne zu halten und mir bewusst zu machen, dass ich mich entscheiden kann, welchen Geist ich jetzt zulasse oder rufe. Und ich will lernen, an dieser von Gott geschenkten inneren Wunderlampe zu reiben, und den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit mir zur Hilfe kommen zu lassen.

Ich weiß: Das geht nicht automatisch. Daran werde ich lange arbeiten müssen. Neue Verhaltens- und auch Wahrnehmungsmuster einzuüben, das wird dauern.
Diesen neuen, uns aber schon lange geschenkten Geist, den müssen wir entfachen, wie es im Bibeltext im Vers vorher heißt:

„Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du die Gabe Gottes entfachst, die in dir ist, indem ich dich gesegnet habe. Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Amen.

Während wir nun eine Orgelmeditation hören, können sie sich ausmalen, welches bei ihnen wohl die nächste Situation ist, in der es gut wäre diesen Geist bewusst zu rufen.

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