Oben und Unten

Oben sein. Im Rampenlicht auf der großen Bühne stehen. Vorturner, Vortänzer, Vorsänger sein. Macht haben und ausüben. Mitbestimmen, mitregieren, sagen wo es langgeht. Chef sein, verantwortlich sein. Gewinn machen und den Ton angeben. In der Welt zuhause sein. Superstar. Topmanager. Model. Prinzessin und König. Alles intakt. Gesundheit, Glück und Geld. Ruhm und Ehre. Lorbeeren und Hymnen.

Unten sein. Sich ausgeliefert fühlen. Zuweilen hilflos. Angewiesen sein. Keine Bühne, kein Publikum, kein Applaus. Hochhaus-Tristesse, Vorort-Melancholie. Folgen müssen oder draußen bleiben. Abgehängt. Leer oder voll – je nachdem. Verluste auf der ganzen Linie. Krankheit, Not und Elend. Übergewicht und Diäten. Trauer und Tränen.

Im 1. Petrusbrief, im 5. Kapitel heißt es:
Desgleichen, ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Oben und Unten. Der Brief des Petrus klingt spröde und so altmodisch. Oben und Unten. Also doch! Kirche ist konservativ und allen Neuerungen gegenüber in ihrer Struktur verhärtet und verschlossen. Teilhabe und echte Mitsprache ausgeschlossen. Oben und Unten eben!

Bevor die Kirche komplett seziert wird ist eine Frage erlaubt: Ordnet euch den Ältesten unter. Alle anderen haltet fest an der Demut. Was ist das rechte, das echte Oben? Ist das Oben, wie das Unten, echt legitimiert oder steht jemand oben, der dort eigentlich nicht hin gehört? Und weiter: Warum fiel es, warum fällt es so schwer ein Oben und ein Unten zu akzeptieren?

Als 16jähriger hätte man mir diese Frage nicht stellen brauchen. Ich hätte dagegen rebelliert und randaliert. Im besten Wissen und Gewissen um und gegenüber meiner Rechte – weniger meiner Pflichten.
Wer Oben und Unten sagt, meint doch „Macht ausüben!“ So hätte ich das verstanden.

Aber wäre ich als 16jähriger heute glücklicher?
Oben sein. In unseren Zeiten reicht es bisweilen, um oben zu sein aus, viele Telefonanrufe zu bekommen. Es reicht auch, abstruse Ideen in die Welt zu posaunen und all dies medienwirksam und zur besten Sendezeit unter das Volk zu bringen. Dieses Prinzip wird nicht nur in diversen Shows vertreten und mitunter als demokratisches Prinzip deklariert. Vielmehr und leider ist solches Vorgehen beinahe überall zu finden – und es ist weder echt noch demokratisch, sonder nur billiger Abklatsch dessen, was einmal seinen guten Grund in einem erteilten Auftrag hatte. Oben war der Lehrer, der Meister, der Vater, die Mutter. Oben sein stand nicht im Zusammenhang mit fragwürdigen Umfragewerten. Oben sein entsprach einem göttlichen Mandat. Einer Ordnung, die die Welt geordnet hat. Entscheidend ist an dieser Stelle nicht das gängige Bild von Oben und Unten. Gemeint ist aber wohl ein Gefüge von Verantwortung und in dieses Gefüge fühlt sich alles politische, alles ethische Handeln eingebunden.

Liebe Gemeinde!
In allem, was wir als Christenmenschen tun geht es um Redlichkeit. Oder um Sittlichkeit. Unser Handeln kennt eine Ethik. Wenn Kirche und ihre Mitglieder dieser Redlichkeit ein Leid antun, dann verlieren wir. Auf der ganzen Linie in jeder Hinsicht. Und auch wenn anderes und andere diese Redlichkeit vermissen lassen, kann die Folgerung nicht lauten, dann mache ich das auch so. Auf keinen Fall! Eine fort schleichende Beliebigkeit ist der Tod unserer Sache. Die Beliebigkeit und der Gedanke, nichts sei unmöglich und in irgendeiner Form machbar oder am Ende heiligt der Zweck die Mittel ist ein Irrglaube – ist wohl der Teufel im Detail.

Aus diesen genannten Gründen kann es nicht darum gehen, dieses Oben sein von Unten her legitimieren zu lassen und das bedeutet, Popularität spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Wohl aber Kontinuität. Es gibt ein Oben und ein Unten. Beides ist nicht erbbar, nicht verkäuflich, nicht zu gewinnen. Das echte Oben und das echte Unten sind mandatiert. Aufgegeben im Sinne einer Beauftragung. Ein Auftrag Gottes, schon in der Schöpfung angelegt. Wer oben ist liegt dabei nicht am Schicksal. Das bedeutet: Nicht erfundene Zahlen, unseriöse Daten und zurecht gebogene Fakten bilden die Verkündigungsplattform.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass heutzutage jeder glaubt, er könne zu allem etwas sagen. Ganz egal wie komplex das Themenfeld ist. Von Atomausstieg bis hin zur Gesundheitsreform. Die Meinungsmache ist oftmals hetzerisch und gesteuert. Je nachdem, wer die größere Lobby besitzt, ob von links oder rechts. Aber jeder fühlt sich ausreichend informiert und berufen zu einem Statement. Sachlich, präzise und der Sache verpflichtet sind im Zuge solcher Diskussionen kaum noch Tugenden. Da werden Zahlen erfunden, geschönt und bewusst falsch ausgelegt – wider besseres Wissen. (Ein Kraftwerk erwirtschaftet jeden Tag einen Profit von 1 bis 2,2 Millionen Euro. Bei weiteren acht Jahren Laufzeit sind das 64 bis 80 Milliarden Euro.) Wohl wissend, dass längere Laufzeiten für Atomkraftwerke schlecht und grundfalsch sind, wird doch dem schnöden Mammon das Wort geredet.
Es gibt zahlreiche Fehlstellungen. In der Gesellschaft und in der Kirche. Auf die Ältesten hören, so wie es der Brief fordert, fällt schwer !
Und doch liegt ein echter Segen in dem Aufruf sich den Ältesten unterzuordnen. Das Oben und das Unten anzuerkennen.
Die Ältesten führen die Gemeinde! Gemeint sind damit nicht die Alten, mit weißem Bart, Stock in der Hand und reich sind an Lebenserfahrung oder Einfluss.
Die Ältesten, diese sind sind die Mitglieder im Rat. Gewählt, beauftragt, mandatiert – von der Gemeinde selbst. Vertrauen ist in diesem Zusammenhang ein gutes Stichwort.
Nicht sind Kritiklosigkeit oder gar Unterordnung im Sinne eines Meinungsverbotes gefordert. Wohl aber das Vertrauen in diese Gemeindeleitung.
Ein Mißbrauch des Obensein gegenüber dem Untensein, eine Verletzung des Auftrages in dieser Art und Weise, egal in welcher Form ist nicht zulässig, sagt Dietrich Bonhoeffer. Kann sie streng ausgelegt auch gar nicht sein, denn diese Ordnung ergibt sich aus dem Kreuz.

Warum aber vor einem solchen Mißbrauch warnen? Warum braucht es den Hinweis auf ein echtes Oben und ein echtes Unten? Warum eine anscheinend anachronistische, überholte Gesellschaftsform wieder aus der Versenkung hervorholen? Nach der Aufklärung ist das doch wohl überholt.
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

Dem widersteht, fest im Glauben, und wißt, daß eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Briefeschreiber selber steht vor dem Problem, dass in seiner Provinz immer mehr römische Verwaltungshäuser gebaut werden. Davor steht meist ein Löwe. Ein Symbol der Kraft, der Macht – und er hat meist das Maul offen, wirft sich auf sein Opfer und brüllt.

Der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe ist also keine mystische Erwähnung des Beelzebub, sondern eine verschlüsselte Botschaft gegen die römische Staatsmacht. Es war zu damaliger Zeit nicht einfach ein Christenmensch zu sein. Anders als hier, wo das Christentum Kultur ist und mitunter auch so behandelt wird.
Im alten Rom konnte man noch allein der Tatsache wegen Christ zu sein, sein Leben aushauchen. Übrigens in diesem Falle auch durch Löwen.
Der brüllende Löwe ist also die Intoleranz, der lautere Schrei, der Starke, der den Schwachen besiegt, weil er stärker ist, weil er eine größere Popularität besitzt, weil er auf dem Scheitel der Welle der Medienaufmerksamkeit reitet, weil er ein Buch veröffentlicht, dass Wahrheiten benennt, aber die falschen Schlüsse zieht. Es ist so leicht ein brüllender Löwe zu sein. Es ist so schwer einen brüllenden Löwen still zu kriegen.

Schwieriger noch ist es, dem Löwen zu widerstehen. Dabei gilt doch: Papier ist geduldig: Wer schreit hat nicht Recht! Wer viel von seinem Mist verkauft auch nicht.
Das echte Oben und das echte Unten zu kennen war und ist nötig. Denn seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben.
Desgleichen, ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.
Hochmut und Demut. Das echte Oben und das echte Unten. Der Teufel sind es viele. Die Versuchungen sind groß. Einmal ankündigen den Koran zu verbrennen. Presse, Öffentlichkeit und Dummheit sind eine brisante Mischung. Einmal stark sein, einmal oben sein. Spüren wie es ist, den Ton anzugeben.
Warum muss die Welt eigentlich sooft aus den Angeln gehoben werden? Im Kleinen wie im Großen! Warum vertraut man nicht den Ordnungen, wenn sie echt sind? Seid nüchtern und wachsam! Das heißt: Lassen Sie sich nicht blenden. Wer oben steht ist nicht auch der Oberste!
Tröstliches in diesem Zusammenhang am Schluß von Jörg Zink: „Gott widersteht denen, die ihr Licht von oben leuchten lassen.“ Das bedeutet dann im Umkehrschluss, „er ist bei denen, die von unten her zu ihm aufschauen.“ Ein Hoch auf den Kosmos.

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