Monolog mit Paulus

Lieber Paulus,
seit ich Theologe bin, habe ich meine Mühe mit dir. So wie hier in dem 8. Kapitel Deines Briefes an die Römer. Du erzählst von Gottes Geist, aber wo ist Deine Begeisterung. Du erzählst von Leben, aber Deine Sprache ist gestelzt und geschraubt und so gar nicht lebendig. Ja nun blickst du mich mit großen Augen an. Du konntest es nur so, sagst du. Ich solls doch besser machen, sagst du. Na, ob ichs besser kann? Weiß ich nicht. Ich will versuchen Dich zu verstehen. Es ist ja wichtig, was du sagen willst. Durch den Geist werden wir leben, werden wir zu Kindern Gottes. Ich erinnere noch wie es war, damals im Kreißsaal im Krankenhaus Brunsbüttel, als unsere Erste zur Welt kam. Herausgepresst. Abgenabelt. In die Welt geworfen, stumm, wie tot. Und die Hebamme nahm sich das Bündel Menschlein, das bißchen Fleisch und klappste auf den Po. Batsch. Und es schrie. Und es lebte. Auf einmal. Ist das der Geist, der lebendig macht? Untrennbar vom Fleisch, aber doch etwas Eigenes? Das was uns schreien lässt? Die Urerfahrung, die jeder von uns hatte und die wir alle nicht erinnern und doch alle in uns tragen, das aus Tod Leben, aus Stummsein Schreien, aus Glotzen Strahlen, aus Grinsen Lächeln, aus Gucken Staunen, aus Pflichtgefühl Liebe, aus stummer Bitterkeit Tränen, aus versteinerter Mine Entschlossenheit werden. Macht das der Geist? Gottes Geist in unserem Innersten, verwoben mit unserem Fleisch und Blut, es durchdringend wie Feuer das Eisen durchdringt und glühend macht. Meinst Du das Paulus, wenn du sagst: Durch den Geist werden wir leben, werden wir zu Kindern Gottes? Denn das ist doch erst leben, wenn es aus uns lebt, wenn es aus uns strahlt oder lacht oder weint oder auch schreit? Paulus, hörst Du mich? Du nickst, aha. Und nun sagst du "Aber"? Halt Paulus, warte noch ein wenig mit deinem Aber. Bitte. Wenn das Erste schon nicht so verkehrt war, dann will ich das doch noch ein wenig genießen. Es noch ein wenig klingen lassen, es noch fühlen. Paulus. Gönn mir die Zeit. Ich habe hier eine Musikerin, weißt du. Die spielt jetzt das Lied 130 aus unserem Gesangbuch, und das Lied fühlt es, was ich von dir verstanden habe. Sing es mal mit mir, Paulus. Und mit den Anderen hier auch. Nur die ersten beiden Strofen. Das mag genügen.

(Zwischengesang 130,1+2)

Ja, was ist nun mit deinem Aber?
So alleine wäre das missverständlich, meinst du? Zum Leben, das Gottes Geist gibt gehöre wohl auch Gebot und Gehorsam. so hättest du es als Rabbiner gelernt. Und ansonsten würde ja jeder sich ausleben wie er will, und in Rom bei den Gladiatorenspielen, Orgien und der nackten Gewalt in den Gassen könne man ja sehn, wohin das führt. Man kann nämlich Gottes Geist wohl auch vergessen, und dann ist man wie tot.

Okay, Paulus. Ich protestiere nicht. Nur sagst du mir das zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger.

Da sitzt Igor an der Bushaltestelle. In Kasachstan, als er noch klein war, schimpften sie ihn "Deutscher, Nazi". Wo er jetzt ist, schimpfen sie ihn Russe, was willst du hier. Habt wohl unter den Vorfahren nen Deutschen Schäferhund entdeckt. Sein Vater mochte in Kasachstan schon Wodka, hier ist er nur noch besoffen. Mutter säuft mit, wenn sie nicht gerade Prügel bezieht vom Alten. Igor sollte jetzt in der Schule sein, aber das ist ihm egal. Es kümmert eh keinen und Frau Brockmüller, die Lehrerin ist eh froh, wenn er nicht da ist. Weniger Stress. Igor blickt finster. Augen leer. Kein Geist sichtbar. Starr stiert er auf den Boden. Käme jetzt einer und würde nur ein falsches Wort sagen, Igor schlüge zu. Er schlägt oft zu. Er vergisst sich dann. Und vom besoffenen Vater lässt er sich auch nicht mehr verprügeln, dem hat er letztens die Nase gebrochen, der hats noch nicht mal gemerkt, so blau war er. Igor vergisst sich. Er vergisst den Geist, von Gott weiß er gar nichts, Igor lebt und ist doch tot. Gefühlte Temperatur unter Null. Wo ist die Hebamme? Mit dem Klaps. Damit Igor schreit und nicht stumm dahin starrt. Damit er weint und nicht schlägt, damit er fühlt und nicht tritt. Wo ist sie?

Paulus, Dein Satz: wenn ihr eurer Selbstsucht folgt, werdet ihr sterben, ist ja so richtig und erreicht doch keinen Igor.

Igor hat Hunger. Und kein Geld. Samis Dönerbude ist da drüben. Sami sagt nie Russe. Jedenfalls nie abfällig. Sami sagt: Igor, Russkopf, hast Hunger? Keine Geld? Nix in Tasche? Na, nimm und iss, zahlst in nächste Leben. Sami lächelt, Igor lächelt- und beißt in den Döner. Seit Tagen lächelt er wieder mal. Hebamme Sami. Danke, Sami.

Sind wir also Gottes Kinder, so sind wir auch seine Erben und Miterben Christi. So wie wir mit ihm leiden, werden wir auch seine Herrlichkeit erleben. Sami, Igor, Paulus, und wir auch.

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