Spielen wir doch Kinder Gottes zu sein

Liebe Gemeinde!
Was uns zum Menschen macht und uns vermutlich von fast allen Tieren unterscheidet, ist nicht unser Erbgut. Mit einem Schwein decken wir uns zu etwa 90%, mit einem Schimpansen – man sieht´s schon äußerlich – zu etwa 98%, also so viel wie ganz. Und so kommt es, vermutlich, dass sich mir am Schimpansengehege der Gedanke aufdrängt, ob wir uns nicht die gleiche Frage stellen: Der etwas behaartere Herr hinter der Scheibe und ich, der etwas weniger behaartere Herr vor der Scheibe. Nämlich die Frage, die uns zu Menschen macht. Fragt sich der Schimpanse auch: Wer bin ich?
Sagen Sie jetzt nicht: Der Schimpanse kann ja nicht sprechen und deshalb nicht denken, weil ihm die Worte fehlen! Nein. Das kann er wohl nicht. Aber wie oft haben Sie sich schon in Worten die Frage gestellt: Wer bin ich? Diese außergewöhnliche Frage, die doch gar nicht nötig wäre, wenn wir einfach leben würden nach Instinkt und den täglichen Anforderungen entsprechend. Nur selten, vermutlich in den Krisenzeiten unseres Lebens stellen wir uns die Frage wirklich in Worten. Und doch beruht jede Entscheidung, die wir täglich treffen darauf, welche Antwort wir uns geben auf die Frage: Wer bin ich?
Welche Kleider ich morgens aus dem Schrank nehme, wie ich mich anderen gegenüber verhalte, selbst was ich denke hängt davon ab, was ich tief innen glaube, wer ich bin und sein darf.

Ganz selten wohl ist das, was uns regiert eine formulierbare, bewusste Antwort auf die Frage „wer bin ich?“. Meist ist es wohl eine Art Empfindung oder eine Überlagerung von Empfindungen, die eine gefühlte Antwort ergibt. An dieser gefühlten Überzeugung, wer wir sind, entscheidet sich unser Verhalten, unsere Sicht auf die Welt. An ihr entscheidet sich unser Denken. Es scheint: letztlich entscheiden wir selbst uns an ihr. Ich bin das, was ich mir als Antwort auf die Frage gebe, wer ich bin. Ich kann ja nicht anders denken als von dieser Antwort her. Ich kann ja nur so denken, fühlen und handeln, wie ich mich eben wahrnehme.
Menschen können so unheimlich gefangen sein in sich selbst. Nur im Unterschied zu weniger bewussten Tieren wissen sie, dass sie in sich gefangen sind. Und leiden oft darunter.

Ist das alles über uns Menschen?: Ein Leben lang sammeln sich Empfindungen und Selbsturteile in uns an. Manche verdichten und verfestigen sich, andere verflüchtigen sich vielleicht wieder. Und am Ende steht ein Knoten oder ein Muster von Erfahrungen, das bestimmt, wer wir sind. Ein Knoten, ein Muster geknüpft von mehr oder weniger zufälligen Lebensumständen. Ist das der Mensch? Der Mensch: Ein lebendiger Versuch, Zufälle, denen er ausgesetzt ist, so zu ordnen, dass sie eine Art Sinn ergeben. Ist das alles über uns Menschen?

Faszinierend finde ich, dass wir Menschen etwas ganz Interessantes können: Nämlich Spielen. Wir können so tun, als wären wir jemand anderes, als würden wir uns eine andere Antwort auf die Frage geben: Wir bin ich? Kinder können sich im Spiel in Mama und Papa verwandeln, oder in einen Cowboy oder einen Piraten oder einen Dinosaurier. Und irgendwie wird der Dinosaurier dann Teil ihrer selbst. Denn sie haben ja etwas erlebt als Dinosaurier, etwas, das von jetzt an mit zu ihrer Erfahrungssammlung gehört.

Meist können wir uns nicht aussuchen, welche Lebensumstände uns prägen. Wir können uns meist noch nicht einmal aussuchen, wie wir sie bearbeiten. Zu gefangen sind wir in unseren Vorerfahrungen, vielleicht auch durch unser Erbgut. Aber im SPIEL können wir unsere Erfahrungen ERGÄNZEN.

Niemand weiß oder kann auch nur erahnen, was das Leben in seinem Innersten ist und wie es entstand – sowohl weltgeschichtlich als auch ganz persönlich. Natürlich: Wir wissen um Molekülketten, um Eiweißstoffe, die sich zu genetischen Erbinformationen aneinander reihen. Aber dass wir tatsächlich künstlich Leben erzeugen könnten oder noch viel wichtiger, bewusst die eigene Entstehung erleben könnten, können wir, glaube ich ausschließen. (Sollte es einmal möglich sein, können wir ja neu darüber nachdenken.)
Bis dahin können wir unser Werden nur in soweit beobachten, dass wir plötzlich feststellen: Oh, hier ist ja etwas, das ich ist! In der Pubertät passiert so etwas recht häufig. Wir lernen da an uns selbst einen Menschen kennen, der uns weitgehend unbekannt ist und sich offensichtlich erst formt – körperlich wie geistig. Eine ziemlich verstörende Situation, die eigentlich ein Leben lang anhält nur dass man sich langsam daran gewöhnt.
Wir können uns nicht bei unserer Entstehung – oder sollte ich sagen Erschaffung? – beobachten. Wir können nur die Ergebnisse feststellen: Oh, das ist ja etwas, das ich bin.
Unsere eigentliche Entstehung liegt zumindest in unbewusstem Dunkel. Da sie aber für die Frage, wer wir sind, doch recht entscheidend ist, darf und muss sich jeder eine selbst erfundene oder übernommene Vorstellung davon machen, wo er eigentlich ursprünglich herkommt, und was er folge dessen ursprünglich war oder noch ist.

Eines scheint mir in der Bibel sicher zu sein: In ihr geht es nicht im die Welt an sich, sondern immer um uns Menschen, um unser Leben, um dein und mein Leben. Die Bibel ist so etwas wie eine aufgeschriebene Erfahrungssammlung auf die Frage: Wer bin ich? Was wir sonst nur als wages aber starkes Gefühl in uns tragen, den Teppich geknotet aus vielerlei Erfahrungen, ist hier schriftlich aufgezeichnet. Aber es ist eine ganze Teppichsammlung, geordnet zu einem großen Teppich. Der Versuch von vielen Menschen über Tausende von Jahren nicht nur eine Antwort zu geben auf die Frage „Wer bin ich?“, sondern gemeinsam eine Antwort zu finden auf die Frage „Wer sind wir? Wer oder was ist der Mensch?“ Die Bibel: Ein Tagebuch des Menschen allgemein – wie es einzelne Menschen nur als Gefühl in sich tragen.

Es muss also erlaubt sein und liegt nahe, die Schöpfungsgeschichte und die nachfolgenden Kapitel als eine Geburts-, Kindheits- und Pubertätsgeschichte des Menschen allgemein und somit auch als meine persönliche Geburts- bis Pubertätsgeschichte als Mensch zu lesen.
Adam, lesen wir, erwacht irgendwann zum Leben, schlägt die Augen auf und sieht: Gottes Gesicht über ihm. Adam steht auf, spielt mit den Tieren, macht sie zu seinen Freunden, gibt ihnen Namen. Er läuft mit Gott nackt durch den Garten. Irgendwie aber fühlt er sich trotzdem einsam – das haben die Anhänger des Zölibats überlesen. Adam ist auf du und du mit Gott, aber fühlt sich einsam. Bis er eines morgens jemand neben sich entdeckt, der, besser DIE, ihm sehr ähnlich ist und trotzdem unheimlich anziehend anders: SIE ist das, was ihm bisher gefehlt hatte: Eva – die Frau. Jetzt zu zweit distanzieren sie sich etwas von Gott. Er kommt ihnen fragwürdig vor. Sie hintergehen ihn ein bisschen und dadurch bekommt er auch etwas Bedrohliches. Es wird ihnen peinlich nackt zu sein, und die Welt verändert sich. Es ist als wären sie vertrieben aus dem Garten der Kindheit hinein in die raue Welt.

Lese ich diese Geschichte als meine persönliche Pubertätsgeschichte, kann ich mich tatsächlich an einige dieser Dinge erinnern:
– Ich weiß, wie ich als Kind aufwachte mit dem Gesicht meines Vaters über mir. Offensichtlich hatte er mich wach geküsst: Ein schönes Gefühl.
– Ich weiß noch, wie ich später anfing, mich zu schämen, nackt in der Öffentlichkeit zu sein. Als Kind war das bisher ja kein Problem. Aber nun ja, ich schämte mich plötzlich.
– Ich erinnere mich, wie Gott fragwürdig wurde und andererseits manchmal auch etwas Bedrohliches erhielt.
– Ich erinnere mich, wie sich der Paradiesgarten der Kindheit irgendwie in eine raue Welt verwandelte, wie Wünsche hart erarbeitet werden mussten und die Welt einen gewissen Zauber verlor. Als ich z.B. den Eifelturm in Realität sah, fand ich den irgendwie popelig.
– Und natürlich erinnere ich mich, dass ich entdeckte, dass Eltern, Freunde und Tiere nicht alles sind, was ein Mensch zum Glücklichsein braucht. Ich entdeckte, dass Mädchen, später Frauen, deren Namen ich noch nicht einmal kannte – auf eine andere Art, aber immerhin – viel interessanter sein konnten, als meine Hühner, denen ich sogar allen selbst Namen gegeben hatte.
Adam, stellte ich fest: Das bin ja ich.

Nachdem ich notgedrungen passen muss, wenn ich etwas darüber sagen soll, wie ich meine Entstehung erlebt habe – bewusst, dass es mich überhaupt gab, wurde ich mir erst viel später. Nachdem ich aber wie jeder Mensch notgedrungen eine Antwort brauche, um eine Basis für meine Persönlichkeit zu bekommen, übernehme ich auch den Vorspann der Adamsgeschichte für mich, wenn diese Geschichte schon in Sachen Pubertät so gut gepasst hat:
Adam erwacht zum Leben, weil Gott ihm seinen Geist, sein Leben einhaucht. Aus einem Klumpen Erde den Gott in Menschenform brachte, steht dort, wird so ein lebendiger Mensch. Das Leben in ihm ist Gottes Atem, Gottes Geist. Das ist der Unterschied zwischen einem Molekülhaufen und einem Menschen. Gottes Geist, das Leben, ist ihm eingehaucht. Aus biologischem Material wird ein Adam, ein Mensch: Ich.
Ab da, jedenfalls ungefähr ab da, kann ich mich wieder erinnern: Ich wache auf, mache die Augen auf und sehe Gottes Gesicht über mir. (Gen 2:7; Num 6, 24-27) Den Rest habe ich Ihnen schon erzählt.

Natürlich können Sie jetzt sagen: Die Schöpfungsgeschichte der Bibel ist ja frei erfunden. Aber es soll mir mal jemand erzählen, wie er die Entstehung seines eigenen Lebens erlebt hat – ohne frei Erfundenes. Da niemand sagen kann, wie genau wir zu genau wein Mensch wurden, haben wir wie beim Spielen die Wahl, mit welchen Erfahrungen wir die Erfahrungen ergänzen, die uns später aufgedrückt werden. Nachdem ich keine bewussten Erfahrungen habe, bevor ich überhaupt Bewusstsein habe, bin ich frei, diese Erfahrungen spielerisch zu ergänzen. Spielen wir doch, von Gott ins Leben geküsst worden zu sein! Spielen wir doch, dass das Leben in uns Gottes Geist, Gottes Leben ist! Spielen wir doch, dass wir Kinder Gottes sind, wie wir Piraten, Cowboys, Dinosaurier, Chefs, Sexbomben, Divas, Kultursachverständige und Alleskönner spielen. Spielen wir doch, dass wir Kinder Gottes sind! Und irgendwie, das kennen wir von all den anderen Spielen, ist das dann auch Teil unserer selbst. Schließlich haben wir dann etwas als Kinder Gottes erlebt. Was wir in erleben, wenn wir Kinder Gottes spielen, wird Teil unseres Erfahrungsschatzes, Teil unserer Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ Es wird Teil unserer selbst. Wir erben tatsächlich Gottes Leben im Spiel wir seien Kinder Gottes, geboren aus seinem Kuss des Lebens. (Mt 18:3)

Röm 08, 12.14-17
8,12 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht dem Fleisch schuldig, daß wir nach dem Fleisch leben. … 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

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