Ich sehe dich!

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben…

Liebe Gemeinde,
wenn ich die Jahre in Wittlohe in diesem Ton gepredigt hätte, wären die meisten Gottesdienstbesucher wahrscheinlich eher befremdet gewesen. Was soll eine Gemeinde mit solch einem blumigen Appell anfangen?
Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben…

Als ich im Mai 1994 mit einem Kleinlaster in Wittlohe ankam, da erwarteten mich frischbepflanzte Blumenkästen vor der Pfarrhaustür, ein Begrüßungsplakat, Blumensträuße und Kartengrüße, jemand kam mit Brot und Salz für die neue Pastorin. Und abends gab’s als Überraschung ein Ständchen vom Posaunenchor.
Ist das schon Liebe?
Auf jeden Fall war es ein herzliches, ein warmes Willkommen. Und das hat mir gut getan in all der Unsicherheit, was mich hier in dieser Kirchengemeinde mit ihren sieben Dörfern wohl erwarten mag.
Der Anfang war schwer für mich: Das Leben im großen Pfarrhaus war sehr einsam. Ich habe ja vorher in Hamburg und Hannover gelebt, hatte Freundinnen und Freunde in direkter Nähe. Und hier war ich fremd, allein, stand vor einer großen Aufgabe, sollte so viele Menschen kennen lernen und begleiten.
All die Erwartungen, die an mich herangetragen wurden: die Leitung übernehmen, die vielen Dinge, die ich zum ersten Mal gemacht habe… Lange hatte ich das Gefühl, das mich die vielen Aufgaben erdrücken und dass ich ihnen nicht gerecht werden kann.
Trotzdem habe ich von Anfang an gespürt:
Du bist hier willkommen! Bei aller Neugier, bei allem Tratsch, den es auch gab, war da ein riesiger Vorschuss an Vertrauen. Das hat mich bestärkt und mir geholfen, in meine Rolle als Ihre und Eure Pastorin hineinzuwachsen über die Jahre.
Im Rückblick verstehe ich, dass genau dieser Vorschuss an Vertrauen den Nährboden der Liebe bildet. Dieses Quäntchen, das mir zugestanden wurde und wird, bevor ich noch irgend etwas richtig oder gut gemacht habe.

Am Anfang steht das Angenommensein.
Oder wie es der Johannesbrief sagt.
Darin besteht die Liebe: Nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat.
Wir leben alle vom Vorschuss Liebe, vom Moment unserer Zeugung an. Ein bemitleidenswertes Kind, das ohne die Liebe seiner Eltern geboren wird und aufwachsen muss!
Und umgekehrt: Ein Leben lang zehren wir von dieser Zuwendung und Liebe des Anfangs. Sie wurde uns geschenkt, wir konnten sie uns nicht erwerben. Dem Täufling – klein oder groß – wird diese Liebe als Kraft zugesagt. Der Jugendliche spürt sie, wenn seine Eltern zu ihm halten, auch wenn er etwas angestellt hat. Verliebte Paare erleben es als Wunder, vom anderen, von der anderen wiedergeliebt zu werden. Und ja, wenn ein wichtiger Mensch geht, dann ist es genau das, was durch Unverständnis, Schmerz und alle Trauer hindurch schließlich bleibt.
Dieser Überschuss an Liebe und Vertrauen bringt in uns die besten Seiten zum Vorschein.
„Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen.“

„Ich sehe dich“ – das ist die Grußformel der Na’vi.
Viele – zumindest von den Jüngeren – haben vielleicht auch den Kinofilm gesehen: Avatar, Aufbruch nach Pandora. Ein Film mit großartigen Effekten, große Teile des Films wurden in einem virtuellen Studio mit neu entwickelten digitalen 3D-Kameras gedreht.
Die Geschichte ist eigentlich ziemlich banal.
Man schreibt das Jahr 2154. Die Na’vi leben auf dem Planeten Pandora in Harmonie mit ihrer Umgebung und der Natur. Bis die Menschen in dieses Paradies einbrechen, gierig nach einem dort vorhandenen Rohstoff, der alle Energieprobleme auf der Erde lösen soll. Damit ist das Volk der Na’vi aber gar nicht einverstanden. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, konstruieren die Menschen künstliche Na’vis, Avatare, die per Computer über das Hirn einzelner Menschen gesteuert werden. So hofft man, Zugang zu den Rohstoffen zu gewinnen. Doch die Menschen, die mit den Na’vis Kontakt aufnehmen, die können sich deren Lebensart nicht entziehen und wechseln schließlich auf ihre Seite.
Die Filmhandlung an sich und auch der ganze technische Aufwand haben mich nicht so sehr beeindruckt.
Aber die Grußformel der Na’vi ist bei mir hängen geblieben:
„Ich sehe dich.“
Das heißt: „Ich bin dir wohlgesonnen, ich will dir nichts Böses. Du interessierst mich. Dein Schicksal ist mir nicht gleichgültig.“
Genau das hat Jesus im Gleichnis über den barmherzigen Samariter doch gesagt. Derjenige ist dem Himmelreich am Nächsten, der nicht wegsieht. Der den Verwundeten am Wegrand wahrnimmt und ihm dann auch hilft.

Wenn ich mich heute hier umgucke, dann sehe ich viele Menschen, deren Lebensbewegungen ich als Pastorin begleitet habe. Schöne und traurige Momente und Wegstrecken.
Ich sehe Menschen, die mich wahrgenommen und bestärkt haben, mir vielleicht auch widersprochen haben, wenn nötig. Menschen, von denen ich etwas erfahren habe. Menschen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben.
Ich sehe, und weiß gleichzeitig, dass ich vieles über-sehen habe und bestimmt nicht allen gerecht geworden bin.
Aber damit beginnt die Liebe: Den Anderen zu sehen, so wie er ist oder sein kann. Ihn nicht auf ein Bild festzulegen, sondern immer wieder neu zu gucken.
Wie Jesus, der den kleinen Zöllner Zachäus oben auf dem Baum entdeckt und sagt: „Ich sehe dich! Komm runter.“ Der die verkrümmte Frau ganz hinten in der Synagoge sieht. Er erkennt ihre Not und sagt: „Ich sehe dich! Komm hierher, Frau, ganz nach vorne, wo alle dich sehen können. Richte dich auf.“
Immer und immer wieder erteilt Jesus uns diese Lektion: Guckt doch genau hin Habt offene Augen für die offene Zukunft von jedem von uns. Legt die Menschen nicht auf ihr Gestern fest. Da steckt soviel mehr in jedem und jeder Einzelnen.

Manchmal öffnen wir unsere Augen füreinander.
Manche dieser Momente habe ich miterlebt, haben wir geteilt:
Wie viele Brautpaare haben hier vorne gestanden und sich ihre Liebe und Treue versprochen. Aber ebenso ist es passiert: irgendwann war keine Neugier mehr aufeinander da, kein Austausch. Man kennt sich in und auswendig – so meint man.
Und die Liebe stirbt.
Wie schön war es dagegen, mit Menschen hier den 50. Jahrestag ihrer Hochzeit in einer Andacht zu feiern. Momente, die mein Herz berührt haben.
Wie viele Kinder wurden hier getauft. So viele Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenwerden eingesegnet. Und wie oft haben wir hier oder in unseren Kapellen für Verstorbene gebetet.
Wenn wir die Augen füreinander öffnen, einander sehen, dann schauen wir nicht mehr nur auf das Tägliche und auf die Oberfläche. In solchen Momenten sehen wir den anderen als wunderbaren einmaligen Menschen. Als jemanden, der durch nichts und niemand zu ersetzen ist. Der uns als Geliebter mit Glück erfüllt, uns als Baby zu neuer Hoffnung anrührt, uns als Gestorbener so unendlich fehlt.
Ich sehe ein Bild Gottes.

Niemand hat Gott je gesehen.
Auch Gott will sich nicht festlegen lassen auf ein Bild. Sei es des strengen Richters oder des gutmütigen alten Herrn mit langem weißen Bart. Auf männlich oder weiblich.
Gott lässt sich nicht festnageln.
Gott ist mehr.
Aber wir erkennen ihn bruchstückhaft, wenn wir uns gegenseitig ansehen.

Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Ich glaube, dass wir da am meisten Gemeinde Jesu Christi sind, wo wir einander so wahrnehmen. Das gelingt nicht immer, aber wenn es gelingt, dann sind wir reich. Weil wir uns wirklich begegnen. Am Krankenbett und beim Gemeindefest, beim Ehejubiläum oder im Familiengottesdienst. Beim gemeinsamen Musizieren zum Lob Gottes und zur Freude der Menschen. In einer Auseinandersetzung, die hitzig sein kann, aber trotzdem nicht beleidigend wird. Beim Ringen um Versöhnung.
Für mich ist es wichtig, dass wir den Blick auch über unsere kleine Welt hier hinausrichten. Jahrelang hat die Partnerschaft nach Klin viel Aufmerksamkeit und Tatkraft verlangt. Jetzt sind unsere südafrikanischen Schwestern und Brüder mehr im Blick. Da gibt es Austausch und manchmal sogar Begegnung – ich habe Ich lasse mich von Gottes Blick leiten – und unsere irdischen Medien helfen mir ja dabei: So viele Bilder von Menschen an anderen Enden der Welt kommen mir nahe, gehen vielleicht sogar unter die Haut. Ich sehe und höre von der Not der Menschen in Pakistan: Ihnen bringt der Regen nicht nur einige Unannehmlichkeiten, sondern zieht ihnen im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen weg. In den Minen im Kongo, auf den Plantagen in Kolumbien schuften Menschen unter unmenschlichen Bedingungen für meinen Wohlstand– ich zappe schnell zu einem anderem Fernsehsender.
Wir alle erleben uns als ohnmächtig , versuchen immer wieder die Augen zu verschließen vor den Problemen unserer Welt. Aber die Aufforderung, sich mit Augen der Liebe anzusehen, gilt nicht nur für das eigene Haus, die eigene Nachbarschaft. das als große Bereicherung und Horizonterweiterung erlebt.
Darum müssen wir uns als Gemeinde Jesu Christi immer wieder neu fragen: Nehmen wir als Kirchengemeinde auch unsere soziale Verantwortung wahr? Handeln und sprechen wir auch für die, die an den Rand gedrängt und unsichtbar gemacht werden? Hungern wir hier in Wittlohe, Otersen, Stemmen, Nedden, Armsen, Hohen, Luttum noch nach Gerechtigkeit?

Auch wenn es immer nicht genug ist:
Ich habe in 16 Jahren so viel Hinwendung zum Nächsten erlebt, Spendenbereitschaft, Hilfsbereitschaft, die Bereitschaft nachzudenken und mit anzupacken für andere – hier durch Menschen unserer Kirchengemeinde.

Und darum: In all unserer Unvollkommenheit lasst uns weiter nach der vollkommenen Liebe streben.
Gott ist die Liebe.
Er ist der Urgrund. Er macht uns Mut, die Augen aufzumachen und der Liebe etwas zuzutrauen. Hier und jetzt.
In der Liebe erfahren Gott selbst.
Selbst in unserer manchmal verbeulten, sprachlosen oder müden Liebe. Also gebt ihr eine Chance! In Eurer Partnerschaft und Euren Familien, in Euren Freundschaften, im Dorf, in der Kirchengemeinde und über die eigene Kirchturmspitze hinaus.

Die Predigt des Johannes im Neuen Testament kann man in einem Satz zusammenfassen: „Geliebte, liebt einander!“
Ich weiß, ich habe einen Hang zum Sentimentalen. Aber es ist schön, dass ich zu meinem Abschied heute das Vermächtnis des Johannes zitieren darf: „Geliebte, liebt einander!“
So kann ich es sagen, in der Verbundenheit unseres Glaubens:
Auf Wiedersehen, Ihr Lieben!
Amen.

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