Ich habe Gottes Stimme gehört

Wie reagieren Sie, wenn ihnen jemand sagt: "Ich habe Gottes Stimme gehört"? Ich muss gestehen, ich bin selbst durch das AWO-Psychatrie-Zentrum vor Ort erst mal ein wenig voreingenommen, besonders, wenn es sich um Leute handelt, die ich noch nie vorher gesehen habe. Es gibt ja Krankheiten, bei denen der Patient Stimmen hört, und mancher meint dann, auch Gott oder Jesus reden zu hören. Und dann gibt es da die ganzen religiösen Eiferer über Jahrhunderte hinweg, seien sie nun christlich, muslimisch oder jüdisch. Auch von ihnen sagen und sagten viele, sie hätten die Stimme Gottes gehört. Und je nachdem, was ihnen diese Stimme sagte, haben sie ihr Handeln ausgerichtet. Was allein im Umfeld des 11. Septembers deshalb an Leid geschehen ist, kann keiner wirklich mehr erfassen. Das kann doch nicht im Ernst die Stimme Gottes gewesen sein, die von Menschen verlangt, brutale Gewalt zu üben, gegeneinander so menschenverachtend vorzugehen! Handelt es sich also um Sinnestäuschungen religiöser Fanatiker oder Krankheit, wenn jemand sagt: Ich habe die Stimme Gottes gehört?

Saulus, um den es in der Epistellesung ging, war ganz sicher ein religiöser Fanatiker, bevor er der Christ wurde, den wir als Paulus kennen. Haben Sie das noch im Ohr? Saulus schnaubte mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. Saulus war hinter den Anhängern des Neuen Weges her, so nannten sich die ersten Christen noch innerhalb der jüdischen Gemeinden. Er ging dabei nicht gerade zimperlich vor. Er war ganz und gar überzeugt von dem, was er tat. Er dachte ganz sicher, er täte es, weil Gott es so wollte. Und dann überfällt ihn diese Stimme mitten im Licht auf dem Weg nach Damaskus. Sie bestätigt ihm nicht das, was er vorhat. Das Gegenteil ist der Fall. Diese gänzlich unerwartete Stimme fragt ihn: "Saul, Saul, was verfolgst Du mich?" Und er muss erst einmal nachfragen: "Wer bist Du eigentlich, der da mit mir spricht?"

Ich erinnere mich an eine Kleingruppe vor zwei, drei Jahren im Konfirmandenunterricht. Es ging ums Beten, um das Reden mit Gott. Ob Reden mit Gott nicht eine ziemlich einseitige Geschichte ist, weil er ja doch nicht antwortet. Die Konfis guckten ziemlich ungläubig als Bibi, die Teamerin, und ich sagten, dass wir durchaus schon erlebt haben, das Gott antwortet. Dass es nicht immer ganz einfach ist, Gott zu hören und seine Antwort zu verstehen, aber dass wir auch schon erlebt haben, dass sie manchmal ganz klar und deutlich kommt.

Als Saulus ins Licht hinein fragt, wer mit ihm spricht, bekommt er eine klare Antwort: "Ich bin Jesus, den Du verfolgst." Und dann eine Anweisung hinterher: "Steh auf und geh in die Stadt; da wird man Dir sagen, was Du tun sollst."

Ich gebe zu, es passiert mir nicht oft, dass Gott wirklich SO deutlich zu mir spricht. Meistens geht er subtiler vor, wählt verschlungene Wege. Ich habe von ihm schon häufig Antworten auf meine Gebete und Fragen bekommen, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Die Antworten kamen lange nicht so klar und direkt wie für Saulus, sie sind mir eher in Gesprächen mit Freunden begegnet, manchmal auch mit Unbekannten, da waren kleine Bemerkungen, die mich aufgerichtet haben. So ein bisschen wie in der Redensart: Wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Manchmal habe ich auch Fehler gemacht, die mich in richtig unangenehme Situationen brachten. Das Ganze hat mich zum Nachdenken gebracht, nach einiger Zeit zu einer neuen Sicht geführt, die ich ohne das unangenehme Erlebnis nicht gehabt hätte. Ich bin mir sicher, dass Gott seine Antworten ganz oft auf diese Weise gibt, dass er mich so mit meinem Weg auf seinen Weg führt.

Er kann Menschen aber auch heute noch genauso direkt anreden, wie Saulus damals auf dem Weg nach Damaskus. Ich kann verstehen, dass Saulus erst einmal total verstört war, nichts mehr sehen konnte und sich drei Tage lang berappeln musste, bevor er irgendetwas anderes machen konnte. Wenn eine Stimme, die zunächst nicht zuzuordnen ist, einem zwar knapp, aber deutlich etwas sagt, fragt man sich erst einmal, was oder wer das jetzt ist. Man sucht nach einer ganz natürlichen Erklärung. Der Prophet Samuel hält die Stimme Gottes auch erst einmal für die Stimme seines Mentors Eli. Nachzulesen im dritten Kapitel des Buches Samuel im Alten Testament. Wenn Gott klar und deutlich in Worten zu mir redet, frage ich mich heute ganz sicher erst einmal: Werde ich jetzt verrückt?! Eine Stimme zu hören, eine Botschaft von Gott zu bekommen, die ich vielleicht gar nicht erwartet habe, ist verstörend. Nicht umsonst sagen die Engel, die Boten Gottes, bevor sie ihre Botschaft an den Mann oder die Frau bringen, in der Bibel oft erst einmal: "Fürchte Dich nicht!"

Kann ich erkennen, dass ich nicht verrückt bin, sondern dass es tatsächlich Gott ist, der da gesprochen hat? Ich bin keine Psychologin und keine Psychiaterin, ich kann Ihnen keine Abgrenzung zu irgendwelchen klinischen Krankheitsbildern geben. Ich denke aber, es geht hier um das, was schon Paulus im Brief an die Gemeinde in Korinth als Unterscheidung der Geister bezeichnet hat. Ignatius von Loyola hat das später in den Exerzitien als die zentrale Übung erkannt. Ich muss bei Gedanken, Gefühlsregungen und eben auch bei Offenbarungen, die ich habe, unterscheiden lernen. Manches kommt aus mir selbst und meiner eigenen Gefühlswelt, aus den guten und schlechten Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe, und aus dem, was ich für mich erreichen will. Das andere kommt von außen, das eine vom guten, das andere vom bösen Geist, wie Ignatius das nennt. Anfällig für Manipulationen sind wir sowohl bei dem, was von außen, wie bei dem, was von innen kommt. Man kann sich selbst ja auch ganz gut manipulieren, sich Dinge schön- oder schlecht reden. Wenn ich mir die Frage stelle: Was führt mich zu mehr Liebe zu Gott, was dient Gott und meinen Mitmenschen, setzt mich das auf die richtige Spur.

Wenn ich mir ansehe, wie es mit Saulus weitergegangen ist, dann denke ich — das war keine Stimme, die er aus sich selbst heraus hörte. Dazu kam sie für ihn zu überraschend und unerwartet. Sie hat ihm auch nicht gesagt, was er zu tun hätte, sie hat ihm erst einmal eine Frage gestellt. Und das alles hat Saulus zum Nachdenken angeregt. Danach hat er einen ganz anderen Weg eingeschlagen als vorher. Die Stimme kam also nicht aus ihm selbst sondern von außen. War sie gut oder böse? Nun, als Paulus hat er zwar weiterhin ganz ordentlich geschnaubt, wie wir in seinen Briefen nachlesen können — aber er hat nicht mehr gemordet. Er hat niemanden mehr aufgrund seiner Überzeugung verfolgt und gefangen genommen. Sein Leben war ein ganz anderes, er hat zwar immer noch versucht, Menschen von seinem Glauben zu überzeugen — aber mit gewaltlosen Mitteln, mit Predigten und Briefen. Ich meine, es war also eine gute Stimme. Sie ernst zu nehmen und nicht abzutun, hat es für Saulus nicht leichter gemacht. Er ist selbst in Gefangenschaft geraten. Trotzdem hat er seine Entscheidung nicht infrage gestellt. Sie diente dem Leben und dem Segen, Hass und Vernichtung hatten keinen Platz mehr.

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