Gottesdienstboykott!

Stellen sie sich vor, liebe Gemeinde, sie wären heute Morgen wie üblich zur Kirche gegangen und hätten dann vor verschlossenen Türen gestanden. Am Portal wäre ein großes Bettlaken zu sehen gewesen, so eines, wie man es von Hausbesetzungen und Demos kennt, und auf dem hätte in großen bunten Buchstaben gestanden: Gottesdienstboykott! Irgendjemand wäre vor der Kirche hin- und hergelaufen und hätte ihnen einen Zettel in die Hand gedrückt, auf dem folgendes zu lesen gewesen wäre:

"Ich habe eure Gottesdienste und Andachten endgültig satt! Was ihr in den Klingelbeutel und in die Ausgangskollekte tut, das stinkt bis zum Himmel! Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder und lasst bloß die Orgel aus! Bevor ihr hier wieder reinkommt, kehrt erst einmal vor euren eigenen Türen und sorgt dafür, dass niemand in eurer Umgebung benachteiligt wird, sondern alle zu ihrem Recht kommen."

Wie hätten sie da wohl reagiert? Was hätten sie gemacht?

Was mich betrifft, so bin ich mir meiner Reaktion nicht sicher. Wahrscheinlich hätte mir der Herr Murschall bei meiner Ankunft erklärt, dass der Typ schon seit dem frühen Morgen da stehen würde und auch ihn partout nicht hereinlassen wollte. Ich wäre wohl zu ihm gegangen, hätte ihn freundlich gebeten, uns doch in Ruhe den Gottesdienst feiern zu lassen, hätte ihm natürlich ein Gespräch nachher angeboten und ihn auch eingeladen, uns kennen zulernen und mitzufeiern. Und dann hätte er auch mir diesen Zettel in die Hand gedrückt und ich hätte ihn gelesen und wäre dann wohl ziemlich ratlos gewesen.

Klar, dass der durchgeknallt ist. Schon wieder irgend so ein Möchtegernprophet, der nichts besseres zu tun hat, als uns den Sonntag Morgen zu verderben. Was also tun? Die Polizei rufen? Den Gottesdienst in das Stift verlegen, so tun, als ob nichts passiert wäre und darauf hoffen, dass er irgendwann die Lust verliert und von alleine geht?

Vielleicht wäre der eine oder die andere unter uns nach den ersten Unmutsanfällen ja doch ins Grübeln geraten. Klar, so frech-dreist sollte keiner daherkommen. Aber es ärgert ja wohl nicht nur mich das ein oder andere Mal, dass Anspruch und Wirklichkeit in unserer Kirche häufig nicht miteinander vereinbar sind. Wie oft tritt sie viel zu leise auf, lenkt zu kompromissbereit ein, geht zu mutlos dazwischen, klopft sich zu selbstzufrieden auf die Schulter, macht ihre Positionen zu undeutlich klar, verleugnet ihre christliche Ethik zu häufig im Alltag, handelt zu selbstverständlich aus politischem Kalkül als nach Mitgefühl, kümmert sich zu wenig um diejenigen, die sie wirklich brauchen, denkt zu oft mehr ans Sparen als ans Verschenken, verzettelt sich zu sehr in Kleinigkeiten, verurteilt lieber als freizusprechen, redet zuviel über andere und nicht mit ihnen, verschließt zu ängstlich Kirchentüren anstatt sie für alle offen zu halten, vergisst zu leicht die Liebe vor lauter Verhaltensregeln, schiebt hinter jedes kleine Ja ein großes Aber, spielt Glauben und Leben gegeneinander aus und unterwirft Gottes Willen zu stur einzelnen Buchstaben, weil sie Veränderung mehr fürchtet als seiner Lebendigkeit zu vertrauen.

Ja, unsere Kirche macht Fehler! Kein Wunder, denn sie besteht aus Menschen, die – leider – nicht besser, aber – Gott sei Dank – auch nicht schlechter sind als die anderen auch. Ich bin nicht besonders heilig, weil ich eine schwarze Robe trage und hier oben auf der Kanzel stehen darf, sie sind es nicht, weil sie sonntags in den Gottesdienst gehen und in der Bibel lesen, die anderen sind es nicht, weil sie immerhin noch nicht aus der Kirche ausgetreten sind und noch Kirchensteuern zahlen und die Übrigen sind es auch nicht, weil sie überhaupt noch an irgendetwas glauben, wenn sie auch nicht immer wissen, an was.

Und doch sind wir alle etwas Besonderes. Und zwar nur deshalb, weil wir uns unser Geliebtsein nicht erarbeiten oder erglauben müssen, sondern weil wir schlicht und einfach geliebt sind. Sie und ich und all die Menschen da draußen, die vielleicht gar nichts mit uns zu tun haben möchten und von denen wir überzeugt sind, dass sie eher eine solche heilige Standpauke verdient hätten als wir hier. Vielleicht kriegen sie die ja auch irgendwann einmal zu hören, wer weiß. Aber heute haben eben wir uns hier damit auseinander zusetzen und nicht schon wieder auf andere zu zeigen.

"Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."

Damals, zu Zeiten des Amos, gab es zwar noch keine Christinnen und Christen, aber es gab Menschen, die an denselben Gott glaubten wie wir und ebenso selbstverständlich Gottesdienst feierten, wie wir es heute tun. Und allem Anschein nach war es schon damals ein Problem, Anspruch und Wirklichkeit miteinander zu verbinden, das Gesagte und Gehörte auch über den Samstag hinaus lebendig zu halten.

In Israel war man von jeher schon immer überzeugt davon, dass Glauben und Handeln nicht zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Vielmehr wusste man: Wer sich nur einen von beiden anzieht, um sich damit auf den Weg durchs Leben zu machen, der wird unweigerlich irgendwann zu hinken anfangen und das Laufen bald ganz aufgeben müssen. Ja, manchmal wurde das Handeln sogar über den Glauben gestellt: Die Geschichte vom Barmherzigen Samariter, für fromme Juden Vertreter eines ketzerischen Volkes, weil es nur einen Teil der Heiligen Schriften anerkannte, macht das sehr deutlich: nicht derjenige, der den ‚richtigen‘ Glauben hat, tut den Willen Gottes, sondern derjenige, der aus dem Bauch heraus mitmenschlich handelt. Jesus kann das an anderer Stelle zugespitzt formulieren, wenn er sagt: wer nicht gegen mich ist, der ist für mich! Man überlege sich einmal, welch religiöse Toleranz hinter diesem Satz steckt.

Und auch später haben Menschen immer wieder erkannt, dass mit Gottesdienst nicht nur eine Stunde eines bestimmten Tages gemeint sein kann. Luther war fest davon überzeugt, dass das ganze Leben Gottesdienst sei. Womit die eine Stunde an diesem einen Tag in ihrer Bedeutung für das christliche Leben doch erheblich relativiert wird und das Bild, das wir heute von Gemeinde haben, doch in Frage stellt. Für die meisten ist der sonntägliche Gottesdienst immer noch das Zentrum, die Mitte des gemeindlichen Lebens. Luther wäre damit wohl einverstanden, allerdings mit der Einschränkung, dass er nicht die einzige Mitte, das einzige Zentrum bleiben dürfe.

Die meisten Menschen, die in den Gottesdienst gehen, tun dies – wenn nicht aus reiner Gewohnheit -, um aufzutanken, sie wollen Kraft für die kommende Woche sammeln, durch Trost, Ermutigung und Zuspruch fit für das Leben da draußen werden. Das ist gut und richtig so und soll auch so bleiben. Denn Gottesdienst meint ja nicht nur den Dienst, den wir Gott angedeihen lassen, sondern vor allem den Dienst, den Gott an uns tut.

Aber gerade den dürfen wir nicht wie unseren eigenen Besitz behandeln. Ihn vor anderen schützen, gar verstecken zu wollen, ist nicht im Sinne Gottes. Was jeder und jede Einzelne – hoffentlich – aus diesem Gottesdienst mit nach Hause nimmt, das ist zum Weitergeben da, nicht nur Gabe sondern auch Aufgabe. Wer hier Zuwendung erfährt, wende sich anderen zu, wer hier Freiheit spürt, lasse diese Freiheit auch bei anderen zu, wem hier eine Last genommen wird, der entlaste auch andere, wer ein lebendiges Wort vernommen hat, der sage es weiter und wer sich hier angenommen fühlt, der stoße andere nicht aus.

Unser Gottesdienst, liebe Gemeinde, der am Sonntag und der im Alltag, ist der Spiegel unseres Glaubens. Was wir an der einen Stelle nicht erfahren, können wir an der anderen nicht weitergeben. Gottes lebendiges Wort, das wir hier hören wollen und sich ereignen soll, stirbt, wenn wir es vor der Kirchentür nicht mit unserem Handeln am Leben erhalten.

Am Ende entscheidet sich damit auch die Überlebensfähigkeit unserer Kirche. Ich glaube, den Bruch, der zwischen Sonntag und Montag zuweilen sichtbar wird, spürt man deutlich. Was wir hier drinnen singen, beten und predigen hat für die Menschen da draußen keine Bedeutung, wenn wir sie all das nicht auch erfahren lassen. Unsere Glaubwürdigkeit und damit auch die Attraktivität christlicher Gemeinden hängt davon ab, wie viel wir aus diesem Gottesdienst in ihre Welt tragen. Wenn es uns gelingt, den Gottesdienst im Alltag und den Gottesdienst am Sonntag in ein gutes Verhältnis zueinender zu bringen, dann – davon bin ich überzeugt – werden auch wieder mehr Menschen in dieses Gebäude finden. Bei all den gerechtfertigten Ideen und Versuchen, den sonntäglichen Gottesdienst wieder lebendiger, anziehender, peppiger und bunter werden zu lassen, letztlich entscheidet sich seine Anziehungskraft nicht in diesen vier Wänden, sondern da draußen vor den Türen.

Und sollten die einmal sonntags morgens verschlossen sein, ein Bettlaken dran hängen und ein Mensch zum Gottesdienstboykott aufrufen, dann wollen wir nicht gleich böse werden und über ihn herfallen, sondern die Gelegenheit nutzen, einmal über uns und unseren Gottesdienst nachzudenken.

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