Eine Folge der Liebe

Liebe Gemeinde,

mein Sohn war 17 und verliebt. Er liebte Anna und das Wunderbare war: Anna liebte ihn. Und so kam er eines abends zu mir in die Küche, ich war gerade beim Klar-Schiff-machen, und erzählte mir, wie schön doch alles sei – das Leben an sich, das Leben im besonderen mit Anna. Er strahlte, er leuchtete in seinem Verliebtsein. Dann wurde er ein bisschen melancholisch und er fragte mich: „Mami, womit habe ich verdient, dass sie mich liebt?“ Ja, liebe Gemeinde, vielleicht kennen Sie diese Frage bei sich selber. Wenn wir uns verlieben, als wir frisch verliebt waren und diese Liebe alles andere überstrahlte. Wenn uns Liebe so erfüllt, dass wir die ganze Welt nicht nur umarmen möchten, sondern uns auch wünschen, dass es anderen Menschen doch eben so gut gehen möge wie uns. Mein Sohn jedenfalls, an diesem Abend in der Küche, nahm unaufgefordert das Handtuch und trocknete die Gläser ab. Dann bot er sich an, den Mülleimer runterzubringen und bevor er sich wieder in sein Zimmer verzog, fragte er mich, ob er mir noch etwas helfen oder sonst Gutes tun könne. Für ihn damals nicht das übliche Verhalten. „Mami, womit habe ich verdient, dass sie mich liebt?“

Diese Frage meines halbwüchsigen Jungen ist mir eingefallen, als ich mich mit unseren Predigttext für heute beschäftigt habe. Ich lese einige Verse noch einmal – in einer anderen Übersetzung. Aus dem Brief an die Epheser im 2. Kapitel:

[TEXT]

Ja, liebe Gemeinde, auch, wenn die Aussagen des Predigttextes nicht gleichzusetzen sind mit dem Verliebtsein zweier Teenager – die Ähnlichkeiten fallen ins Auge. „Mami, womit habe ich verdient, dass sie mich liebt?“ „Gott, womit habe ich verdient, dass du mich liebst?“ Und die Antwort des Verfassers des Briefes ist die gleiche, die ich meinem Sohn gegeben habe. „Du hast es nicht verdient. Diese Liebe ist ein grosses Geschenk!“ Er hat es damals angenommen, das Geschenk seiner Liebe zu Anna, das Geschenk, von Anna geliebt zu werden. Nehmen wir es an? Das Geschenk, dass Gott uns liebt? Oder sind wir misstrauisch, denn „umsonst“ kann es doch gar nichts geben. Bei „umsonst“ muß doch ein Haken dran sein!

Kleine Kinder fragen nicht „womit habe ich es verdient, dass du mich liebst“. Kleine Kinder nehmen die Liebe, die ihnen entgegengebracht wird und die noch ohne jede Bedingung ist, einfach an. Und auch wir lieben niemanden bedingungsloser als kleine Kinder. Wenn sie grösser werden, kann sich das verändern. Da kommen die ersten Pflichten und Aufgaben, da werden Verabredungen getroffen, auf die sich alle gern verlassen möchten. Und wenn das nicht klappt, dann kann die Liebe darunter leiden. Auf alle Fälle ist das friedliche Miteinander gestört.
Wir Erwachsenen leben oft in Zusammenhängen, in denen Leistung so groß geschrieben wird, dass anderes kaum noch zu sehen ist. Nun bin ich die letzte, die etwas gegen Leistung sagen würde. Denn zum einen bin ich selber leistungsorientiert und leistungsfreudig. Und zum anderen ist Leistung ja erst einmal etwas sehr Schönes. Aufgaben zu erfüllen, Arbeiten zu erledigen für sich selber oder für andere, wir alle wissen, wie befriedigend das sein kann. Kritisch wird es aber, wenn die Leistung den Bereich der Arbeit verlässt und in den zarten Raum der persönlichen Beziehung eindringt. Dann wachsen aus der Leistung bittere Früchte: „Was muß ich tun, damit du mich liebst?“ „Womit kann ich mir deine Liebe verdienen?“ „Mami, womit habe ich verdient, dass sie mich liebt?“ „Gott, womit habe ich verdient, dass du mich liebst?“

Das ist der erste Schritt in unserem Glaubensleben: darauf zu vertrauen, dass Gott uns liebt. Einfach so! Aber natürlich ist das nicht einfach-so einfach. So unterschiedlich wir alle sind, so verschieden leicht oder schwer fällt uns auch dieser Schritt. Die einen gehen froh und mutig in und durch ihr Glaubensleben, andere zweifeln, ob das wirklich genug sei, was sie tun – für Gott und die Menschen. Sie überlegen, welche Leistungen sie erbringen könnten / müssten, damit Gott sie auch bestimmt freundlich anblickt. Dabei ist dieser erste Schritt in das Glaubensleben, das Vertrauen darauf, dass das, was Gott uns zuspricht, auch stimmt, genauso leicht – oder schwer wie der in eine Beziehung zwischen uns Menschen. Da müssen wir auch vertrauen. Entweder wir glauben dem anderen Menschen, der uns sagt: „Ich liebe dich“ oder wir glauben ihm nicht; denken, er wäre unaufrichtig und hätte irgendeine bestimmte Absicht, zu der er uns mit seinem „ich liebe dich“ bewegen will. Wir selber sind es doch, die die Ereignisse in unserem je eigenen Leben deuten.

Ob wir Gottes Liebe als Gottes Liebe erkennen, liegt genauso bei uns. Wir entscheiden für uns, ob es ein Zufall war oder ein Geschenk Gottes, was da in unserem Leben passiert ist. Wie ordnen wir es ein, dass wir z.B. diesen einen Menschen getroffen habe? Danken wir Gott für die Liebe dieses Menschen, für sein Vertrauen und die Geborgenheit, die er uns schenkt oder buchen wir es ab als etwas, was uns eben so passiert ist? Wie sehen wir die Hilfe an, die wir erfahren haben, als wir Hilfe brauchten? Wie den Trost, als wir so sehr Trost brauchten? Das hat nichts damit zu tun, dass wir nicht denen, die uns halfen, die uns trösteten, von Herzen danken. Dass bedeutet nicht, dass wir nicht diesen einen besonderen Menschen innig lieben. Es bedeutet aber, dass wir die Quelle zu all dem bei Gott sehen. Quelle, nicht Automat, den wir mit Leistung füttern und unten kommen die Bestellungen heraus. Natürlich können wir mit Leistungen Anerkennung gewinnen, wenn wir anderen helfen, wird uns gedankt, gelingt uns Grosses, werden wir geachtet. Aber das hat nichts mit Liebe zu tun.

Etwas anderes ist es, wenn wir aus dem glücklichen Gefühl heraus, geliebt zu werden, andere Menschen auch glücklich sehen wollen. Und dann gehen und Gutes tun. Das ist aber keine Bedingung, sondern eine Folge der Liebe. Wenn wir uns so der Liebe Gottes öffnen, wenn wir das Gefühl zulassen, Beschenkte zu sein, dann werden wir strahlen wie mein Sohn damals und unser Strahlen wird die Welt verändern.

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