Solidarität und Kritik

Israelsonntag: Früher hieß er Judensonntag und war auch manchmal ein Tag der Agitation. Nie vergessen dürfen wir dabei den Anteil der christlichen Kirchen an Judenpogromen und dem Holocaust. Voller Scham müssen wir heute bekennen, dass ein wesentlicher Teil der Nazi-Ideologie nur deswegen gelang, weil die Kirchen bereitwillig halfen beim Ariernachweis und es waren nur wenige Pfarrer, die bereit waren Kirchenbücher zu ‚redigieren‘, um aus Viertelariern reine Arier zu machen.

Am Umgang der Kirche mit ihren jüdischen Schwestern und Brüdern zeigte sich damals schon, dass das Evangelium nicht immer auf fruchtbaren Boden fällt, sondern oft handfeste Eigeninteressen dagegenstehen. Und wenn wir ehrlich sind, ist das bis heute so geblieben. Wir unterliegen unseren Vorurteilen, vergessen schnell unsere Geschichte und unsere Überzeugung.

Vielleicht müssen wir erst lernen im Leben still zu halten und zu sehen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Paulus tut das in seinem Brief an die Gemeinde in Rom:

[TEXT]

Paulus ist keiner von jenen Rauchern, die kaum, dass sie es sich abgewöhnt haben, aller Raucherinnen und Raucher nur noch verächtlich runtermachen können. Er steht zu seinen Überzeugungen, auch denen, die er überwunden hat. Er kann sich dazu bekennen, dass er die christliche Gemeinde verfolgt hat, bis ihm Jesus Christus selbst erschienen ist. Er empfindet es als Gnade, dass er durch diese Erscheinung weiter gekommen ist. Es war nicht sein Verdienst, die Liebe Gottes hat ihn befreit.

Er hat erkannt, dass Gott mehr ist, als er von Kindesbeinen gelernt hat, dass Gott immer wieder die Menschen überraschen kann, weil er ganz anders ist, als sie sich ihn vorstellen. Und trotzdem bleibt Gott sich selbst treu. Und darum muss auch Paulus nicht das Gegenteil glauben von allem, was er bisher geglaubt hat.

Für ihn bleibt Israel das berufene Volk. Für ihn bleiben Jüdinnen und Juden Schwestern und Brüder. Er widersteht auch der Versuchung zu sagen: Pech gehabt, es gab eine zweite Versuchung, die habt ihr nun verpasst.

Die Berufung behält seinen Wert, auch bei allen Verfehlungen, weil dann auch die Berufung in Christus hinfällig werden könnte durch die Verfehlungen der Kirche.

Ihm geht es um Israels Platz in Gottes Heilgeschichte. Paulus macht deutlich, dass er nicht dazu bereit ist, das nun mit Füßen zu treten, was ihm vorher heilig gewesen war.

Darum ist es ihm am Anfang auch so wichtig zu betonen, dass das, was er zu sagen hat, ‚von Christus‘ ist. In epischer Breite malt er dann das reiche Ja Gottes zu seinem Volk aus.

Er will die Diskrepanz aushalten: Seine ehemaligen Schwestern und Brüder im Glauben stehen zwar Christus ferne, aber sie bleiben Gottes berufenes und geliebtes Volk mit allen Privilegien. Gottes freie Gnadenwahl aber muss unangetastet bleiben und versagt sich auch jeder Kommentierung.

Es gibt keinen Grund, die Überlegenheit des eigenen Weges zu behaupten, wenn alles Gottes Erbarmen ist. Ich kann aufhören, überheblich zu werden. Ich will lernen zu verstehen, dass Gott es ist, der mich liebt und der Menschen, die ganz anders sind als ich, genauso liebt. Dass die Güte Gottes unermesslich sei, wird in vielen Liedern und Psalmen betont, aber was das wirklich bedeutet, das tun wir uns oft schwer zu begreifen.

Dass Gott Menschen liebt, die scheinbar so weit weg sind, sollte mir eigentlich Mut machen. Auch die, die weit weg sind, sind meine Schwestern und Brüder, von Gott geliebte und berufene Menschen. Wer bin ich eigentlich, wenn ich meine, ich dürfte Gottes Urteil vorwegnehmen. Bei den Jüdinnen und Juden ist das ganz klar. Gott hat sie berufen zu seinem Volk. Bei anderen Menschen ist es vielleicht nicht so klar, aber ich darf (oder muss) trotzdem damit rechnen, dass Gottes Urteil ganz anders aussieht als ich mir vorstellen kann.

Der Israelsonntag ‚zum Verhältnis von Christen und Juden‘ ist ein eigenartiges Konstrukt. Das Draufhauen auf die Juden verbietet sich von selbst. Die Heiligsprechung auch, weil jeder sofort an den Staat denkt, dessen Handeln immer wieder kriminelle Züge annimmt. Vielleicht muss hier noch deutlicher beides aufgezeigt werden: Solidarität und Kritik.

Noch wichtiger aber ist, dass ich immer damit rechne, dass ich von Gott berufene und geliebte Menschen auch dort finden kann, wo ich nicht damit rechne. Gott leibt Menschen auch dann noch, wenn er mit ihrem Tun nicht einverstanden ist. Auch mich.

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