Auf der Durchreise

Liebe Gemeinde,

was sehen Sie als Gewinn für sich an? Sagen Sie das irgendwann zu sich selbst oder zu Ihren Freunden: „da habe ich einen Gewinn gemacht“ oder „gehabt“? Vielleicht ist es am eingängigsten für diejenigen unter Ihnen, die ein Geschäft führen oder an der Börse spekulieren: das Geld, das man besitzt erfolgreich vermehrt zu haben und damit mehr zu besitzen als vorher? Gibt es das Wort sonst noch im anderen Gebrauch? Es war mir ein Gewinn mit dir zu reden? Es war ein Gewinn, in diesem Konzert oder in jener Ausstellung gewesen zu sein? Ein Gewinn den Gottesdienst zu besuchen?

Und die Wettbewerbe gibt es natürlich noch, v.a. im Sport: eine Weltmeisterschaft etwa kann man gewinnen oder jetzt gerade aktuell: in der Leichtathletik gibt es Menschen, die gewinnen Gold, Silber oder Bronze. Wer sich das im Fernsehen anschaut, kann sehen, welche Glücksgefühl oder Befreiungsschlag von der Anspannung die Gewinner überwältigt. Ist das ein Gewinn, der im Leben hält? Eine Geschichte, die mich trägt durch die Zeit?

Noch einmal: was sind denn Ihre Gewinne in Ihrem Leben?

Paulus, der große Eiferer zuerst in der Verfolgung der Christen, dann in der Verkündigung des Evangeliums, spricht auch von einem Gewinn, den er einst hatte.

Hören wir das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem Philipperbrief im dritten Kapitel, die Verse sieben bis 14:

[TEXT]

Ich kannte einmal einen Menschen, liebe Gemeinde, der war nach allen Maßstäben der Welt höchst erfolgreich und er war sogar noch mehr – er war glücklich. Ich denke, er hatte fast alles, was er sich gewünscht oder erträumt hatte. Da waren die materiellen Dinge: ein schönes Haus, zwei Autos, genügend Geld, um in den Urlaub zu fahren und sich schöne Dinge zu gönnen. Und da waren die anderen Werte: eine Familie, Ehepartner und Kinder, ein erfülltes Berufsleben, Freunde und gute soziale Kontakte. Und Gesundheit im Rahmen seines Alters. Ich denke, ein Teil seiner Zufriedenheit rührte auch daher, dass dieser Mensch – manchmal auch ganz offen – stolz darauf war, dass er selbst einen nicht unerheblichen Anteil an all diesen Dingen hatte. So meinte er jedenfalls: was habe ich nicht alles geschafft? Wo habe ich mich nicht überall durchgebissen und zu dieser Aufgabe zeitgleich auch noch jenes erledigt?

Das war so, liebe Gemeinde, bis dieser Unfall passierte, der den Menschen aus der Bahn warf und ihn in ein Krankenhaus und später in die Reha brachte. Zuerst sah es ganz schlimm aus, so als wollten die Beine nicht mehr gehorchen und als wäre der Rollstuhl die Konsequenz. Wie sollte alles weitergehen? Das Haus umbauen? Was wäre mit der Arbeitsstelle? Wer fährt die Kinder zu ihren Aktivitäten? Lohnte es sich noch überhaupt, so zu leben? Aller Gewinn war auf einmal dahin – so als hätte er nie die Kraft gehabt, diesen Menschen überhaupt zu tragen. Der Mensch verschloss sich, ließ niemanden zu sich hin, auch Ehepartner und Kinder nicht – sie sollten ihn nicht so hilflos sehen.

Liebe Gemeinde, Gott-sei-Dank geht diese Geschichte gut aus. Der Unfallschaden blieb nicht dauerhaft, der Mensch fand in ein für ihn normales Leben zurück. Aber eine Frage ist ihm geblieben: warum war all das, was ich hatte, nicht genug, um mir meine Angst zu nehmen? Warum war es kein ausreichendes Fundament für mein Leben?

Paulus der Eiferer findet drastische Worte für seine Gewinn-Erfahrung vor dem Evangelium: Dreck, wörtlich Kot, ja sogar Schaden sei es gewesen. Ein Schaden, wie kann das sein? Vielleicht weil dieser Gewinn mich blenden kann, mir vorgaukeln kann, mein Leben sein sicher und bewahrt? Meine Pläne wären belastbar und würden mich in die Zukunft tragen?

Paulus hatte sein Damaskus-Erlebnis, welches ihn wortwörtlich aus dem Sattel warf. Vielleicht brauchte es für Leute wie ihn, die so entschieden und überzeugt vorher von ihrem Gewinn waren, solch drastischen Mittel, um auch ihn ihnen diese Frage aufkeimen zu lassen, ob es ein tragfähiger Grund war, auf dem sie sich befanden.

Paulus findet Christus oder vielleicht andersherum: Christus findet Paulus und stellt seine Welt auf den Kopf. Alle Eigenleistung, alles berechnende Streben galt nun nicht mehr, es half nicht mehr. Keine Gerechtigkeit mehr, die aus dem Gesetz kommt, wie Paulus schreibt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird, soll von nun an gelten.
In der Summe, liebe Gemeinde, ist das manchmal ein ziemlich schwieriger Gedanke, denn natürlich – so sagen sich viele Menschen – muss ich doch versuchen, mein Bestes zu geben. Ich muss doch für meine Kinder sorgen. Ich muss doch Pläne machen, wie ich mit meinem Geld usw. zurechtkomme und vieles anderes mehr. Das stimmt ja auch und keine Sorge für den morgigen Tag zu haben, heißt ja nicht, achtlos zu leben.

Was Paulus meint, ist eher zu verstehen, wenn man dies Beispiel von vorhin ansieht. Jener Mensch im Krankenbett musste erst wieder lernen, dass er etwas wert ist, auch wenn er gerade nicht oder nichts mehr leisten kann. Sondern er war angewiesen auf Familie und Freunde, auf Ärzte und Schwestern, ja – wenn er ihn denn hatte – auf seinen Glauben, sein Vertrauen auf Gott. Diese Würde, diese Menschlichkeit, diese Daseinsberechtigung kann man sich nicht selber aussprechen, sondern sie wird mir gegeben von einem Gegenüber, ohne, dass ich sie mir erkaufen oder erwerben könnte. „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden“, schreibt Paulus. Denn nur in Gott werden wir gerecht und nur im Vertrauen auf seine Hilfe haben wir ein Fundament für unser Sein, welches ein Leben lang bleiben kann.

Eines, aber liebe Gemeinde, kommt noch hinzu: „nicht, dass ich´s schon ergriffen habe, oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich´s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“

Weil dieser neue Gewinn mir von außen zugesprochen wird, kann ich ihn nicht, wie eine Goldmedaille an die Wand hängen und ihn mir täglich ansehen. Dieser Gewinn gehört nicht mir. Ihn kann ihn nicht verwalten, nicht beliebig anzapfen. Ich kann ihn auch nicht verkaufen. Sondern er wird mir zugeteilt, geschenkt. Je und je neu gezeigt.

Es bleibt ein Weg zu diesem Gewinn hin. Zu der Vollkommenheit, die hier auf Erden nicht möglich ist, sondern erst dann beginnt, wenn wir ganz und gar im Machtbereich Christi sind. Bis dahin bleibt es an uns, immer wieder innezuhalten, die Gewinne, die wir erworben haben, zu wägen und zu prüfen, ob sie tatsächlich uns tragen und halten können auf diesem Weg, oder ob wir sie getrost hinter uns lassen können. Wie sagt es Paulus so schön? „Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist.“

Liebe Gemeinde:

„Ein Tourist darf in einem Kloster bei Kartäusermönchen übernachten. Er ist sehr erstaunt über die spartanische Einrichtung ihrer Zellen und fragt die Mönche: "Wo habt Ihr Eure Möbel?" Da fragen die Mönche zurück: "Ja, wo haben Sie denn Ihre?" "Meine?" erwidert darauf der Tourist verblüfft. "Ich bin ja nur auf der Durchreise hier!" "Eben", werfen da die Mönche ein, "das sind wir auch."

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es fassen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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