Licht und Dunkelheit

Liebe Gemeinde,

Licht und Dunkelheit – zwei große Bildsymbole der christlichen Rede. Fast alle unsere großen Festen sind damit verbunden: Weihnachten, zum Zeitpunkt der längsten Nacht begehen wir die Geburt eines Lichtbringers: Kerzen werden an den Christbaum gesetzt, um auf diese Licht zu verweisen. In der Osternacht, die im Dunkeln beginnt, zieht das Licht der Osterkerze ein, an welcher sich alle anderen Lichter entzünden. Auch bei den Taufen erhalten die Täuflinge eine Taufkerze, welche an dieser Osterkerze entzündet wird. Jeder Sonntag ist so ein kleines Osterfest, eine Erinnerung an jenes Geschehen der Überwindung des Todes und deswegen, liebe Gemeinde, haben wir am Altar immer Kerzen angezündet, auch wenn der Tag draußen noch so hell leuchtet. Christus ist das Licht der Welt. Dafür stehen wir als Christen – dieses Licht sollen wir in die Welt tragen, als Boten, als Verkündiger, als Kinder dieses Gottes: wie es unser Predigtwort sagt: als Kinder des Lichts.

Was macht das Licht, liebe Gemeinde? Es macht v.a. hell und warm. Das ist eine Binsenweisheit, aber diese Erfahrung gehört wohl zu den wichtigsten Urerfahrungen der Menschheit. Das Licht bekämpft die Dunkelheit und lässt uns sehen, es nimmt uns dadurch die Angst. Das Licht bringt Wärme und hält die Kälte und den Tod fern. Das Licht bringt das Leben und wer selber einmal erlebt hat, welch Stimmungstief sich in einem langen und dunklen Winter aufstauen kann, der erfährt den Beginn des Frühling und das Wiedererwachen des Lichtes als eine echte Befreiung. Und weil das alles so ist, ist das Bild des Lichtes neben dem Bild der Liebe das stärkste, wenn wir von Gott reden wollen.

Die Dunkelheit hingegen steht für alles, was diesem entgegen steht. Das Grab und der Tod sind dunkel und kalt. Die Nacht mit ihren Sorgen und Schmerzen ist in Dunkelheit gehüllt. Das Böse wird mit dieser Dunkelheit verbunden. Und vielleicht erinnern Sie sich noch als Sie Kinder waren – hatten Sie nicht auch Angst, in den dunklen Keller zu gehen, weil dort allerhand eingebildete Gefahren auf Sie lauern konnten: Gespenster und Monster, böse Mächte eben? Deswegen hat das Dunkle eine Richtung, nämlich an unten hin – das Licht hingegen kommt von oben. So ist mit Aufstieg etwas Positives gemeint, mit Abstieg aber ein Verfall. Wo Dunkelheit herrscht, da gibt es auch keine Gerechtigkeit, weil es ein Mauscheln und Vertuschen gibt, welches im Licht gar nicht möglich wäre. Nehmen Sie als ein tragisches Beispiel die Ölkatastrophe am Golf von Mexiko: was dort geschehen ist, ist alles im Dunkeln der See geschehen und wir waren und sind angewiesen auf ein paar Bilder, die buchstäblich Licht ins Dunkel bringen sollen. Bilder freilich, die wir als Laien aber nicht beurteilen können.

Neben der Liebe also ist das Licht das stärkste Bild, wenn wir von Gott reden wollen. Denn richtig reden von Gott können wir kaum. Wir können ihn nicht fassen, nicht verstehen, nicht ergründen. Weil wir Menschen sind, brauchen wir Bilder und eine Sprache, die wir als Menschen fassen und begreifen können. Wer schon einmal geliebt hat, kennt die Macht der Liebe. Wer schon einmal im Dunkel saß und auf den befreienden Schein des Lichts gewartet hat, kennt die erlösende Wirkung dieses Lichtes. Um diese Übertragungen geht es für unser Leben. Denn Gott hat es gefallen, dass wir seine Kinder geworden sind. Wir haben mit ihm zu tun, sind ihm zugeordnet, wie es in einer jeden Familie geschieht. Denn auch das Wort „Kinder“ ist nur ein Bild, um zu verstehen, worum es geht. Kinder müssen erst lernen, wie es im Leben zugeht, auch das wissen Sie alle. Und Kinder lernen durch das Nachahmen oder daran, wie die Eltern leben.

Am Licht und an der Liebe sollen wir als Kinder lernen, wie man richtig lebt. „Die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Wenn Sie so wollen, liebe Gemeinde, ist das unsere Ausrichtung, unser Wesen als Christen. In dieser Art und Weise sollen und dürfen wir leben und damit selbst Zeugnis werden für andere Menschen.

„Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Eigentlich lauter Dinge, die sich von selbst erklären. Jeder weiß, was Güte für ihn bedeuten kann: das offene Ohr und offene Herz für die Anliegen seiner Mitmenschen etwa. Diesem Nächsten die Hand zu reichen, aus einem Streit heraus helfen oder aus einer Notlage. Auch das Geben Ihrer Gaben an Spenden und Einlagen gehört – vermittelt – zu dieser Güte. Teilen von dem, was man hat, damit der, der weniger hat, etwas besser leben kann. Gerechtigkeit ist nicht nur ein juristischer Begriff, bei dem es v.a. darum ginge, dass ich immer Recht erhalte. Gerechtigkeit ist ebenfalls ein Begriff des Ausgleiches. Ein Begriff also, der mit Gemeinschaft und Solidarität zu tun hat. Wie gerecht es in einem Volk zugeht, sieht man daran, wie es den Armen geht. Wir sind dabei, an Gerechtigkeit in Deutschland zu verlieren, leider. Schließlich die Wahrheit. In Wahrheit leben, heißt auch, in Offenheit zu leben. Ich darf der sein, der ich bin – ich muss mich nicht verstellen. Ich muss nicht mich belügen oder meine Mitmenschen über das, was mich ausmacht und bewegt. Eine Gemeinde etwa wird umso wertvoller, wenn es unterschiedliche Menschen in ihr gibt, die um ihre Unterschiedlichkeit voneinander wissen und dennoch gemeinsam etwas tun. Gleichschaltung und Gleichmacherei ist dieser Wahrheit fremd. Denken Sie an die Runde im Abendmahl: es ist eine wahre Gemeinschaft dort, auch oder gerade, weil wir so unterschiedlich sind in unseren Ideen und Wünschen, auch in der Art zu leben und zu denken. Und dennoch versammelt am Tisch des Vaters. Kaum ein anderes Wortpaar hängt so eng zusammen wie Wahrheit und Licht. „Die Wahrheit ans Licht bringen“, sagt man gerne. Wo offen miteinander geredet wird, dort gibt es keine Intrigen, kein Ränkelspiel, und (hier taucht es wieder auf:) keine „dunklen Machenschaften“, sondern man weiß voneinander und kann das Taktieren sein lassen. „Denn was von ihnen heimlich getan wird, davon auch nur zu reden ist schändlich.“, sagt unser Predigtwort.

Aber, liebe Gemeinde, wie das so ist bei Kindern – sie brechen auch immer wieder aus, testen die Grenzen der Eltern, rebellieren auch gegen diese. Kinder Gottes sind wir zwar – das kann uns kein Mensch und keine andere Macht mehr nehmen. Aber unser Verhalten entspricht diesem Licht eben nicht immer. Immer wieder fasziniert uns auch das Dunkle, das Böse. Denn solange wir auf dieser Erde sind, ist auch davon ein Teil in uns. So bleibt es unser Anspruch, diesem Dunklen mit dem Licht Gottes zu begegnen. Anspruch heißt, dass es hier um mehr, als nur Gefühle geht. Es geht auch um die bewusste Entscheidung. Darum, dass unser Glaube auch unseren Verstand berührt und diesen abwägen lässt, ob das, was wir tun dem entspricht, wie wir sein könnten: Kinder des Lichts.

Vielleicht kennen Sie – z.B. aus dem Radio – die deutschsprachige Band „Silbermond“. Aus deren aktueller CD läuft z.Zt. ziemlich häufig das Lied „Krieger des Lichts“. Ob die Band nun eine bewusst gewollte christliche Einstellung propagiert oder nicht, tut hier nichts zur Sache. Interessant finde ich ihre Umsetzung dieses Gedankens, dass wir unseren Verstand dafür einsetzten müssen, um diese Kindschaft zu festigen. So singen sie z.B.

„Hab keine Angst vor Deinen Schwächen
Fürchte nie Deine Fehler aufzudecken
Sei bedacht, beruhigt und befreit
Sei auch verrückt von Zeit zu Zeit
Lass Dich nicht täuschen, auch wenn`s aus Gold ist
Lass Dich nicht blenden, erst recht von falschem Stolz nicht
Lerne vergeben und verzeihen
Lerne zu fesseln und zu befreien.“

Und weiter später im Lied heißt es:

„Und er kennt seine Grenzen und geht trotzdem zu weit
Kein Glück in der Ferne nachdem er nicht greift
Seine Macht ist sein Glaube
um nichts kämpft er mehr
Und das immer und immer wieder
Deswegen ist er ein Krieger.“
Wie sagt es unser Predigtwort: „Prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist!“

Auch das also zeichnet ein christliches Leben aus: das Prüfen, ob man noch auf dem rechten Weg ist. Das Einschalten seines Verstandes. Das Abwägen, das Umkehren, das sich-Demütigen.

Und, liebe Gemeinde, diese Kindschaft geht noch weiter. Sie trifft uns hier im Leben, in welchem wir bestehen sollen und Zeugen werden dürfen für diese Botschaft der Vergebung und der Liebe. In diesem Leben, in welchem unser Sinn und Ziel im Loben Gottes bestehen darf. Und diese Kindschaft geht über dieses Leben hinaus. Jedes Beerdigen unserer Toten wäre sinnlos, wenn es diese Hoffnung der vollendeten Kindschaft bei Gott nicht gäbe. Am Ende der Zeit wird also wahr werden, was unser Predigtwort voraus nimmt: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Diese Hoffnung reicht in unser Leben hinein und gibt uns Kraft für das Unsägliche und den Mut, immer wieder gegen die Dunkelheit, die uns verschlingen mag wie ein gieriges Raubtier, anzukämpfen.

Bis dahin sind wir aufgerufen, selbst zu bestehen im dem Prüfung und Unterscheiden, wo die Nacht endet und das Licht beginnt. Wie sagt es eine alte Erzählung so schön:

„Ein Rabbi fragte einen gläubigen Juden: "Wann weicht die Nacht dem Tag? Woran erkennt man das?" Der versuchte eine Antwort: "Vielleicht wenn man den ersten Lichtschimmer am Himmel sieht? Oder wenn man einen Busch schon von einem Menschen unterscheiden kann?" "Nein", sagte der Rabbi, "die Nacht weicht dem Tag, wenn der eine im Gesicht des anderen den Bruder und die Schwester erkennt. Solange das nicht der Fall ist, ist die Nacht noch in uns."

Und der Friede Gottes, der heller strahlt, als wir es manchmal glauben mögen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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