Rosarote Brille

Liebe Gemeinde,

ein Frühlingsabend auf der Piazza Santa Maria in Trastevere in Rom. Es ist angenehm warm und jeder Außentisch in den Restaurants und Cafes um den Platz ist besetzt, ein paar kühlen ihre Arme oder Füße im Wasser des Brunnens. Die Abenddämmerung ist schon hereingebrochen und die Mosaiken an der Kirchenfassade werden von Scheinwerfern angestrahlt — wir lassen den langen Besichtigungstag ausklingen und nach und nach fallen uns die Grüppchen auf, die erst vereinzelt, dann immer zahlreicher zur Kirche streben. Sie scheinen sich zu kennen, wir sehen, wie sie sich untereinander herzlich begrüßen. Was wollen die da wohl, fragen wir uns? Ein Orgelkonzert, um diese Zeit? Es ist abends, nach acht — aber vielleicht gelten in Rom ja andere Zeiten als bei uns? Oder ein Gottesdienst? Wir sind neugierig geworden und trauen uns in die Kirche. Das ist ja richtig voll! Viele Bankreihen sind besetzt, die meisten scheinen so zwischen zwanzig und fünfzig zu sein und fast alle scheinen sich zu kennen! Überall um uns herum herzliches Begrüßen — wir suchen uns einen Platz und schauen uns das Buch an, das wir am Eingang in die Hand bekommen: keine Noten aber Gebete, also wohl ein Gottesdienst?

Wir lassen uns hineinnehmen in die Abendatmosphäre dieser schönen Kirche, sehen das Apsismosaik mit Maria neben Christus auf dem Himmelsthron, die große Ikone auf dem Altar. Wechselgesänge beginnen, in die alle kräftig einstimmen, wir erkennen, ein Psalm — aber wir sind etwas hilflos, welche Seite müssten wir wohl aufschlagen, da reicht uns jemand von hinten sein Buch und wir versuchen, mitzusingen. Eine Lesung aus der Bibel, dann tritt ein Mann in einem schlichten Anzug nach vorn und hält eine kurze Ansprache. Nach einem weiteren Wechselgesang erkennen wir das Vaterunser. Es ist schön, sich einhüllen zu lassen vom Klang der einfachen Melodien und Worte, die wir nicht verstehen und auch nicht verstehen müssen. Jeder von uns nimmt ganz intensiv wahr, dass wir hier gut aufgehoben sind, mitten in Rom können wir mit Menschen, die wir noch nie vorher gesehen haben zu Gott beten und es wirkt nicht aufgesetzt, nicht einstudiert, ganz im Gegensatz zur Messe im Petersdom, die ein paar von uns am Sonntag besucht haben.

Nach einem Lied ist es vorbei, manche verlassen die Kirche schnell, andere bleiben und unterhalten sich noch. Wir erfahren — jeden Abend in der Woche findet hier eine solche Andacht statt. Und einige von uns machen es sich zur Gewohnheit an jedem Abend, der uns noch in Rom bleibt, hierher nach Trastevere zu kommen, um in Ruhe den Tag mit einer Andacht abzuschließen.

Einer traut sich schließlich zu fragen, was das eigentlich für eine Veranstaltung ist und ein Mann, der Deutsch kann, ist bereit, unsere Fragen zu beantworten. Es ist eine christliche Gemeinschaft die sich hier trifft, das haben wir uns ja schon gedacht, aber Sant’Egidio, wie sie sich nennen, ist keine Ordensgemeinschaft, sondern alle sind ganz normale Leute, die in ganz normalen Wohnungen leben, studieren oder ihrem Beruf nachgehen und sich in ihrer Freizeit für die Gemeinschaft engagieren. Abends kommen sie hierher nach Santa Maria in Trastevere, um aufzutanken, Kraft zu schöpfen, den Tag und die ihnen anvertrauten Menschen im Gebet vor Gott zu bringen. Wir fragen: was ist es, das diese Gemeinschaft ausmacht, gibt es eine Art Motto? "Jeder hat einen Armen zum Freund," sagt der Mann. "Was heißt das," fragen wir. Wenn wir es richtig verstehen, fühlt sich tatsächlich jeder von ihnen für einen speziellen Menschen außerhalb seiner Familie verantwortlich, einen Obdachlosen, einen alten Menschen, ein Kind aus sozial schwachen Verhältnissen beispielsweise. Er besucht diesen Menschen regelmäßig, liest ihm vor, unternimmt etwas mit ihm oder ist einfach da für ein Gespräch. "So einfach kann es sein," denke ich im Stillen und bin wehmütig, denn gerne würde ich diese abendlichen Andachten mit nach Deutschland nehmen, so etwas habe ich mir schon oft gewünscht, mitten in meinem ganz normalen Alltag.

Erinnern wir uns noch einmal an das, was wir eben schon in der Lesung der Epistel gehört haben (Predigttext in der Neuen Genfer Übersetzung):

[TEXT]

So, schreibt Lukas in seiner Apostelgeschichte rückblickend, war es in der ersten Gemeinde in Jerusalem. Ein ideales Bild. Wenn ich unser Gemeindeleben daran messe, dann sieht es bei uns ganz schön mau aus. Es kommen nicht täglich neue Gläubige dazu. Überschwängliche Freude bei den Zusammenkünften sähe anders aus. Was wir miteinander zu teilen bereit sind an finanziellen Mitteln und Arbeitskraft, aber auch an Sorgen und Freuden ist längst nicht so viel. Wir treffen uns nicht täglich — und ob wir beim Volk in hohem Ansehen stehen ist auch zweifelhaft. Generell hat das Bild der Kirche durch die Missbrauchsfälle und den Umgang damit im letzten Jahr wieder einmal heftige Risse bekommen. Und auch hier vor Ort erleben wir, dass es "dem Volk" oft ziemlich egal ist, ob da eine kirchliche Veranstaltung stattfindet oder nicht. Ich erinnere mich an das Konzert am Abend des Volkstrauertages in der Kirche — und an die Gruppe, die am Rathaus zur gleichen Zeit recht lautstark einen 30. Geburtstag feierte.

Müssen wir darum jetzt in die Ecke stellen und uns schämen, dass unsere Gemeinde nicht dem Ideal entspricht? Wohl kaum.

Denn die Wirklichkeit der ersten Gemeinde sah wohl etwas anders aus, als Lukas das beschreibt. Auch er zeichnet schon ein Ideal des Gemeindelebens, an das die Realität längst nicht herankam. Das wissen wir, wenn wir in der Apostelgeschichte weiterlesen oder in anderen Texten des Neuen Testaments.

Längst nicht alle waren bereit, ihren Besitz zu veräußern und alles der Gemeinde zukommen zu lassen. Es gab unterschiedliche Meinungen und Zank, zum Teil heftige Zerwürfnisse, die von den Aposteln geschlichtet werden mussten. Und die neuen Gemeinden wurden von Außenstehenden nicht etwa wertgeschätzt, sondern als Konkurrenz oder Störfaktor empfunden. Wir brauchen uns also nicht zu verstecken mit unserem Gemeindeleben.

Aber es hat schon etwas, dieses schöne rosarote Brillen-Bild der ersten Gemeinde. So könnte es zugehen, wenn Menschen wirklich nach der Lehre der Apostel leben würden — aber wie kann das heute gehen?

Mich hat die Begegnung mit der Gemeinschaft Sant Egidio in Rom auf unserer Studienfahrt wirklich beeindruckt. Inzwischen weiß ich ein bisschen mehr über sie — ihr Engagement geht weit über den einen Armen, den jeder zum Freund hat, hinaus. Da gibt es das DREAM Projekt in Afrika, das HIV-positiven Schwangeren eine kostenlose medizinische Behandlung ermöglicht, damit sie ein gesundes Kind zur Welt bringen. In der Vergangenheit war die Gemeinschaft bei Friedensverhandlungen im Kosovo, Südsudan und Guatemala als Moderatorin und Beobachterin dabei, sie hat den Friedensvertrag in Mosambik Anfang der 90er Jahre mit vermittelt, in Zusammenarbeit mit der Uno und anderen Staaten. Sie setzt sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein, es gibt die Schulen des Friedens in über 70 Ländern, in denen Kinder Lesen und Schreiben lernen. Der Gründer der Gemeinschaft, Andrea Riccardi, ist im vergangenen Jahr mit dem Karlspreis der Stadt Aachen ausgezeichnet worden. Es kann einem bald schwindelig werden, bei diesem Engagement.

Aber der Beginn dieser Gemeinschaft liegt tatsächlich darin, dass Andrea Riccardi und seine Freunde als Schüler und Studenten 1968 etwas tun wollten, um das Evangelium in ihrem Leben konkret werden zu lassen. Sie nahmen sich die Urgemeinde und Franz von Assisi als Vorbilder, gingen in die Vorstädte Roms und begannen dort, Kinder zu unterrichten, neben ihrer eigenen Schule, Studium und Ausbildung. Es ist wirklich beeindruckend, was daraus geworden ist. Und mich beeindruckt, dass dieses soziale Engagement so fest verbunden ist mit dem gemeinsamen Gebet. Die Abende in der Kirche, die Verbundenheit waren schon für sich genommen sehr eindrücklich. Wir merkten, das was diese Gemeinschaft tut, speist sich wirklich aus dem Glauben an Jesus heraus, der hier jeden Abend Festigung erfährt und Stärkung für die Aufgaben.

Ja, es hatte etwas von Urgemeinde, von dem Idealbild, das Lukas uns malt. Aber sicher gibt es auch dort in Rom Schattenseiten, die einem auf den ersten Blick nicht ins Auge fallen. Ungeachtet dessen scheint mir, dass Sant Egidio zeigt: Es geht! Man kann so oder so ähnlich leben, wenn man will. Aber was von dem können wir für uns oder bei uns umsetzen?

"Jeder hat einen Armen zum Freund" — dieser Satz hat sich mir ins Hirn eingebrannt. Manche von uns haben diesen Armen bereits als Freund, besuchen regelmäßig einen oder sogar mehrere einsame Menschen im Altersheim. Andere begleiten einen Menschen bei seinem Sterben. Manche Begegnung mit solchen Freunden braucht viel Kraft — eine andere schenkt mir vielleicht sogar neue Kraft.

Das Evangelium zu leben fängt mit unserer Aufmerksamkeit für einen einzigen Menschen außerhalb unseres persönlichen Verwandten- und Bekanntenkreises an. Alles muss klein beginnen. Es muss nicht von jetzt auf gleich groß sein. Aber es kann geschehen, das daraus viel mehr wird, als ich mir erträumen kann.

Wichtig ist aber auch das gemeinsame Beten, die Verbundenheit mit Gott und das Wissen: ich bin nicht allein auf der Welt mit meinem Glauben. Ganz sicher kann nicht jede Gemeinde jeden Abend so eine Andacht feiern wie die Gemeinschaft in Rom. Aber vielleicht beginnen wir, den Gottesdienst am Sonntag auf neue Art zu begreifen. Nicht nur als Andacht für uns selbst sondern als Miteinander von allen. Selbst wenn wir uns nicht jeden Tag zur gemeinsamen Andacht treffen – auch unser Gebet für uns allein zu Hause ist kein einsames Gebet — wir sind nicht allein, sondern ein Teil der Nachfolge Jesu wie schon viele Menschen über Generationen hinweg vor uns. Wenn wir uns bewusst machen, wie viele Menschen jeden Tag beten, dann können wir uns mit ihnen in einer großen Gemeinschaft verbunden fühlen.

Gott wir bitten Dich: zeig Du uns den Weg, Deinen Willen zu tun und zu leben. Zeig uns Menschen, die unsere Freundschaft brauchen können. Stärke uns und verbinde uns zu einer Gemeinschaft im Glauben.

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