Momentaufnahme der Familie Gottes

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, Sie haben den Predigttext vorhin als Epistel gehört. Ich lese ihn Ihnen noch einmal. Er steht in der Apostelgeschichte im 2. Kapitel:

– Text –

Und jetzt erzähle ich Ihnen eine Geschichte: Inge Meier wird 75 Jahre alt. Heute sollte ihr Geburtstag sein. Früher, als ihr Mann noch bei ihr lebte, hat sie größer gefeiert, mit Nachbarn und Freunden. Das scheint ihr eine Ewigkeit her zu sein. Als er vor 20 Jahren mit einer jüngeren Frau wegging, ist vieles in ihr zerbrochen. Sie hat umziehen müssen, die neuen Nachbarn sagten ihr nicht zu. Die alten Freunde haben sich auf die Seite ihres Mannes geschlagen. Sie ist allein geblieben, nicht gerade verbittert, aber doch zurück gezogen. Sie lebt für sich und kommt auch ganz gut zurecht.

Zu ihrem Geburtstag, das hat sich in dieser Zeit irgendwie so eingespielt, kommen ihre drei Kinder sie besuchen. Nur die Kinder – Schwiegerkinder und Enkel, die kommen ein andermal. Nur einmal im Jahr hat sie alle beieinander, und Inge Meier merkt mit jedem Jahr mehr, wie sie sich auf diesen Nachmittag freut. Sie putzt die Wohnung, kauft frische Blumen, bäkt eine Erdbeertorte, weil Heidemarie sie so gerne isst, den Rosinenstuten, den Hans-Werner seit Kindertagen so liebt und eine doppelte Menge kleiner Plätzchen, weil Burkhard und seine Kinder davon nie genug bekommen können. Sie legt eine weiße, gestärkte Tischdecke auf, das gute Geschirr aus dem Schrank und putzt das Silberbesteck.

Unten auf der Straße haben sich bereits Heidemarie, Hans-Werner und Burkhard getroffen. Heidemarie hat das Geschenk besorgt: Eine CD und ein dickes Buch von Inges Lieblingsautorin. „Entschuldigung“ sagt sie, „könnt ihr mir gleich das Geld geben? Ihr wisst doch: Klaus hat seinen Job verloren. Und denkt daran: Kein Wort zu Mutter!“ Hans-Werner drückt schnell die Zigarette aus und schiebt einen Kaugummi ein: Inge hasst das Gequarze. „Man, ich hab keine Lust“ stöhnt Burkhard. Aber dann holen alle tief Luft, klingeln und lächeln, als Mutter die Tür öffnet. „Herzlichen Glückwunsch“, Küsschen hier und Küsschen da, „alles Liebe zum Geburtstag, Mutti“, das Ambiente wird gelobt, Mutter sieht toll aus in ihrem neuen Kleid und sie freut sich so, dass selbst der knurrige Burkhard nicht anders kann, als sich mitzufreuen. Noch im Stehen stibizt er das erste Plätzchen und schiebt es sich rasch in den Mund. Und wie jedes Jahr spielt seine Mutter die Entrüstete: „Burkhard, kannst du nicht abwarten, bis wir am Tisch sitzen!“, dabei lächelt sie und die Augen strahlen und sie schüttelt den Kopf in gespielter Verzweiflung.

„Mutter, wo kaufst du bloß die Erdbeeren? Ich bin fast 50 und kann immer noch keine solche Torte backen!“ Heidemarie lässt sich die Früchte im Mund zergehen. Sie schmecken einfach besser als alles andere: kräftig nach Erdbeeren, sonnengereift und warm und vielleicht…. vielleicht auch ein wenig nach Kindheit.
Hans-Werner ist still wie immer. Er war schon immer der ruhigste von den dreien und auch der gutmütigste. Irgendwann würde ihm das Leben noch einmal übel mitspielen, Inge hat das immer befürchtet. Übel, wie ihr……“Hans-Werner, mein Junge, wie geht es euch?“ fragt sie. „Was macht meine Schwiegertochter? Immer auf Achse, was?“ Ein kurzes Zögern, sie merkt es sofort: Das war ein Fettnäpfchen. Der Blick von Hans-Werner wird hart, der Mund für eine Sekunde schmal. „Gut geht’s uns, Mutter. Ja, Silke ist ein echter Wirbelwind, die wird wohl nie erwachsen!“ Dabei versucht er ein Lachen, das irgendwie misslingt.
Dann erzählen die Kinder von ihren geplanten Urlauben. Inge hört interessiert zu. Sie selber hat keine Lust und kein Geld für so was, aber sie freut sich mit ihren Kindern, wenn sie etwas von der Welt zu sehen kriegen. Burkhard wird mit den Kindern in den Center-Park fahren, eine Woche ausspannen. Hans-Werner plant eine Reise mit Silke nach Venedig, vielleicht wird ja alles wieder gut, hofft er. Heidemarie aber bleibt in diesem Jahr zu Hause. Inge kann sich nicht erinnern, dass Heidemarie auch nur einen Urlaub zu Hause verbracht hat, aber sie fragt nicht nach. Heidemaries Blick verrät ihr, dass sie nicht darüber reden möchte.
Und? Wie geht’s den Enkeln? Zwei haben Abitur gemacht, das dritte hat eine Lehrstelle bekommen. Von allen gibt es Lustiges und Schönes zu erzählen. Nur ein Name fällt nicht. „Was ist mit Sara?“ fragt Heidemarie in Burkhards Richtung. „Das erzähle ich euch ein andermal“ weicht Burkhard aus und senkt den Blick. „Sie ist in einem schwierigen Alter. Wir sind im Moment ein bisschen ratlos.“
Nach gut zwei Stunden gehen die Kinder, nachdem sie gemeinsam den Abwasch gemacht haben. „Danke, Mutter“, sagt Heidemarie und nimmt sie in den Arm. „Es war ein schöner Nachmittag“, sagt auch Hans-Werner. Und Burkhard steckt mit verschmitztem Lächeln seine gefüllte Keksdose in die mitgebrachte Jutetasche.

Was haben der 75igste Geburtstag und der Predigttext aus der Apostelgeschichte miteinander zu tun? Nun: Menschen treffen sich unter einem Dach. Die Gemeinde der Apostelgeschichte lebt zusammen wie eine große Familie. Schicksale begegnen sich. Das Leben wird miteinander geteilt. Mahlzeiten werden gemeinsam eingenommen. Freude wird geschenkt und empfangen.
Gemeinsam haben die beiden Geschichten auch die Sehnsucht, die Idealisierung: Wie sehr wünscht sich Inge einen harmonischen Nachmittag! Wie sehr wünscht sie sich, dass die Kinder glücklich sind, so sehr, dass die Heidemarie, Hans-Werner und Burkhard ihr gar nicht sagen mögen, was sie bedrückt, um ihre Freude nicht zu trüben. Wie sehr wünscht sich Gott wohl, so die Apostelgeschichte, dass alle alles teilen, dass es keinen Privatbesitz mehr gibt, keine Habgier keinen Geiz.
Ich habe Ihnen die Geschichte von Inge Meiers 75igstem Geburtstag erzählt, um die Apostelgeschichte ein wenig in unser Leben zu holen. Wir können nicht so leben, wie es hier beschrieben wird. Der Sozialismus hat versucht, eine solche Ordnung zu verstaatlichen, das ist gründlich missgelungen. Es gibt auch christliche Kommunitäten und Klöster, die auf dieser Prämisse leben – aber ich fürchte, dass man sich für eine solche Lebensweise nicht entscheiden kann. Dafür muss man geboren sein, das kann nicht jeder.

Wir Christen treffen uns zum Gottesdienst. Wenn es gut geht, einmal in der Woche. Unsere gemeinsamen Mahlfeiern sind mehr symbolisch, wenn wir Abendmahl feiern. Wir teilen Hab und Gut: Die meisten von uns zahlen Kirchensteuern und wenn wir nachher mit dem Klingelbeutel gehen, ist der in der Regel nicht leer. Wir freuen uns, wir loben Gott – aber eben nicht mit der überschwänglichen Begeisterung, von der die Apostelgeschichte erzählt, vielmehr unserem Alter und unserem Schicksal entsprechend in angemessener Würde.
Manche sagen, unsere Gottesdienste sind gestelzte und unfrohe Veranstaltungen. Manche sagen, dass eine Geburtstagsfeier wie die von Inge Meiern krampfig und zum Scheitern veruteilt ist. Hier wie dort kann nichts Wesentliches geschehen, meinen die Kritiker.

Ich meine aber, dass auf Inges Geburtstag eine ganze Menge passiert: Die Kinder kommen zusammen, sie tun es der Mutter zuliebe. Was für ein hoher Wert ist das, jemandem etwas zuliebe zu tun, auch wenn einem grad nicht so danach ist!
Alle tragen an diesem Geburtstag ihr Paket, jeder hat sein Schicksal im Gepäck und Mutter und Geschwister fühlen das mit, ahnen, was ist, nehmen teil, ohne sich aufzudrängen, ohne kluge Ratschläge zu erteilen, ohne mit Vorwürfen zu kommen. Es ist, wie es ist. Diese Geburtstagsfeier ist eine Momentaufnahme im Leben der vier Menschen, und sie ist ein Lichtblick.

Und so stelle ich mir Gottesdienst vor. Wir brauchen hier nicht zu jubeln und auf den Bänken zu tanzen, aber wir sollten kommen – Gott zu Liebe. Auch wir kommen mit unseren Schicksalspaketen in den Gottesdienst, die meisten von uns sind in irgendeiner Weise beladen. Wir brauchen nicht so zu tun, als wäre alles bestens – Gott weiß, was uns fehlt. Wir müssen auch nicht die Probleme der anderen lösen – ich würde das gar nicht wollen! Aber es wäre schön, wenn wir aneinander ein wenig Anteil hätten, wenn wir füreinander beten würden, die Lasten miteinander tragen könnten, wenn wir miteinander Barmherzigkeit und herzliches Mitgefühl einüben und leben könnten.
Barmherzigkeit und herzliches Mitgefühl – Inge Meier hat das im Laufe ihres Lebens gelernt. Es sind die höchsten Gaben Gottes an den Menschen. Barmherzigkeit und herzliches Mitgefühl – das ist, woran Gott sich freut, wenn wir zu ihm kommen.

Nun ist Inge Meier seit über 15 Jahren tot. Und wie das oft so ist, haben die Geschwister sich auseinandergelebt. Sie sehen sich nur noch selten und es ist nie mehr so wie damals. Heidemarie ist älter geworden. Ihr 65igster Geburtstag naht. Sie möchte ihn mit ihren Kindern feiern, nur mit ihnen. Erdbeeren gibt’s im Januar nicht, aber ihre Joghurttorte ist durch nichts zu überbieten. Sie deckt den Tisch und im Gedenken an ihre Mutter holte sie die gute weiße Tischdecke heraus, die sie geerbt hat.
Aus dem Fenster sieht sie, dass die Kinder sich vor der Tür getroffen haben und lächelt. Der jüngste drückt schnell die Zigarette aus und blickt über die Schulter zur Tür, als würde er sich schämen, wenn sie es sieht. Dann klingelt es. Küsschen hier und Küsschen da. Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, herzlichen Glückwunsch. Den Kindern geht es gut. Sie lachen und scherzen miteinander. Zu guter Letzt muss die Sektflasche doch noch dran glauben. Sie sticheln und frotzeln. „Wie früher…“ denkt Heidemarie froh.
Am Abend, als wieder Ruhe eingekehrt ist, liest Heidemarie aus der Apostelgeschichte. Reiner Zufall ist es, genau auf diese Stelle fällt ihr Blick. „Und sie waren einmütig beieinander und nahmen die Mahlzeiten ein voll Freude und mit lauterem Herzen.“ Sie lässt die Bibel sinken. Dankbarkeit erfüllt sie und Friede. Und in ihrem Herzen singt sie Gottes Lob. Amen.

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