Eine Welt, an die man glauben kann

Liebe Gemeinde,

zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, heißt es in Goethes Faust. Und zwei Seelen entdecke ich auch bei mir, wenn ich dieses Bibelstück lese.

So lass sie raus, die beiden.

Tu ich. Die erste Seele: Sie sagt: Ein grausliger Text. So baut man Sekten. Verharrende Gläubige mit schlichten Herzen. Die Lehre der Apostel in Furcht der Seele verfolgend. Wundertricks halten die furcht vor den Aposteln aufrecht. Alles Hab und Gut verkauft, Individualität abgegeben. Völliges Aufgehen in der Masse. Scientology und „Führerkult“ lassen grüßen. Ein bisschen Frohlocken hilft das alles auszuhalten. Gemeinschaft der Schlichten, der Verharrten. Böse Welt draußen, wir die Geretteten. So hält man Sekten zusammen. Autoritäre Struktur statt Freiheit. Das soll das Christentum sein? Die Religion, in der Gott die Liebe ist?

Und Deine andere Seele, was sagt sie?

Ja, das ist komplizierter. Ich sehe ja auch unsere Welt, wie sie so ist. Egoistisch. Ich-bezogen. Oft lieblos. Hart. Zeitarbeitsverträge, 7,00 Eurojobs, Hartz-4-Bedrohung, kinderarm und wild auf den schnellen Kick. Wodka mit O-saft zum Frühstück haben sie getrunken, die Mörder von Dominik Brunner, sagten beide vor Gericht aus. Wir wollten nicht töten….Haben sie aber. Tausende bleiben auf der Strecke, kommen nicht mit, gleiten ab in Wodka mit O-Saft zum Frühstück. Millionen strampeln, um den Anschluss nicht zu verlieren. Paketfahrer mit 60 Stunden Woche und 1200,- im Monat. Und privat vorsorgen sollen sie davon auch noch, weil sie sonst im Alter bettelarm sind. Und die Millionen oben genießen, preisen Freiheit, Individualität, verwirklichen sich in Wellness und schicken Klamotten, wir haben es geschafft, und das ist gut so. Abgeben? Wir doch nicht. Leistung muss sich lohnen. Auch wir arbeiten ja 60 Wochenstunden, da sind 6000,- im Monat doch ok.
Und ich sehe auch Sehnsucht. Sehnsucht nach Verbindlichem, Verbindendem. Sichtbar geworden in Fahnen und Fähnchen, im Wir und unsere Mannschaft, im Public Viewing. Leider ist alles vorbei. Fahne weg, Schweinsteiger im Urlaub. Alltag wieder da.

Und nun sind hier aber Leute. Leute, die zum Gottesdienst kommen. Die ihre Kinder taufen lassen wollen. Leute, die Dir zuhören. Was sagst Du ihnen? Ist das alles?

Ich sage ihnen nicht: Verharrt in Schlichtheit. Nicht: Gebt den Verstand vor der Kirche an der Tür ab. Nicht: Gehorcht. Nicht: Furcht im Herzen ist der wahre Glaube. Denn Gott ist Liebe und Furcht ist nicht in der Liebe, wie uns der Apostel Johannes das so treffend in die Bibel schreibt.
Ich sage auch nicht: Verkauf Dein Hab und Gut und schenk alles der Kirche. Ich sage nicht: Du bist gerettet, der Rest fährt zur Hölle…

Stopp. Stopp. Du weichst aus. Was sagst Du Ihnen, will ich wissen. Nicht, was Du alles nicht sagen willst.

Hmmm….vielleicht sage ich gar nichts. Sondern stelle mich mal neben die Leute und frage.

Aha. Eine Rätselpredigt. Und wer die Lösung hat, kriegt eine Woche Essen auf Rädern von der Diakonie umsonst. Das hatten wir lange schon nicht mehr.

Nun nimm mich nicht auf den Arm. Du bringst mich ganz aus der Spur.
Fragen. Warum seid ihr hier? Warum soll Dein Kind getauft werden? Was suchst Du? Etwas Verbindendes? Gemeinschaft? Werte, die gelten? Der gestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir, suchst du das? Wie der Königsberger Philosoph Immanuel Kant es ausdrückte?
Oder ist das zu groß? Zu wolkig, zu unkonkret?
Machen wir es greifbarer. Suchst Du auch eine Autorität, die Dich nicht klein macht und Dich nicht verdummt? Eine glaubhafte, vorbildliche, ehrliche, aufrichtige, Dich, Dich, und Dich und Dein Kind liebende, wertschätzende Autorität? Eine göttliche vielleicht? Dann suchen wir dasselbe. Dann sind wir religiös. Dann wollen wir Gerechtigkeit und Frieden und etwas, was uns verbindet und uns zu Mitmenschen macht, auch wenn Schweinsteiger im Urlaub ist.

Aha. Ich ahne, was du suchst: Gott. Dein Gott ist nicht im Himmel, nicht weit weg, nicht in alten Büchern eingesperrt. Aber der Text, das Bibelstück am Anfang deiner Predigt, dass Du gar nicht so magst, das beschreibt doch so eine Welt, in der Frieden ist und es gerecht zugeht und der Mensch dem anderen Menschen ein Mitmensch ist. Oder seh ich das falsch?

Genau richtig siehst Du das. Nimm das Autoritäre weg, dann bleibt da eine Vision nach, eine Welt an die man glauben kann, ein Gott der Liebe, der Menschen zusammenführt, dem es nicht egal ist, wenn 19 jährige zum Frühstück Wodka mit O-Saft kippen, der dem 6000,- Euromacher sagt, das 1200,- für Paketefahren nicht fair sind und der Mann auch eine faire Rente braucht, wenn es von den 6000,00 dann eben 500,00 kostet. Und diese Liebe, die ich Christus nennen, suche ich nicht im Himmel sondern in mir und spüre, dass sie lebt. Und frage Euch. Sucht ihr sie auch? Auch hier? Auch in Euch drin? Auch im Mitmenschen neben Euch? Dann haben wir es schon gefunden, das Verbindende. Dann werden aus Ich und Ich und Ich ein Ich und Du.

Du und ich sind uns einig. Und das hält vor, auch wenn Schweinsteiger in Urlaub fährt.

drucken