"Der Tod kann über ihn hinfort nicht herrschen." Von Namen und Nummern.

PREDIGT ZU RÖM 6,3-11
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen.

1. KZ-Stimmung: Der „äußere Mensch“
Liebe Gemeinde,
Das KZ Buchenwald an einem Juli-Tag im Jahr 1939.
Ein neuer Häftling kommt an. Mit über 400 anderen Männern und einigen Frauen muss er mehrere Stunden lang im hellen Sonnenschein auf dem Apellplatz warten. Er blickt auf das Lagertor, darüber steht in metallenen Lettern: „Jedem das Seine.“
Ein Karren wird vor den Wartenden vorbeigefahren.
Auf ihm türmen sich Leichen in Häftlingskleidung.
Ihre Körper sind ausgemergelt, die Gesichter schmal und schmutzig.

Der neue Häftling soll sich nun einreihen, um sich die gesamte Körperbehaarung entfernen zu lassen. Auch ein Bad in beißendem Desinfektionsmittel gehört dazu.

Dann beraubt man ihn seines Namens. Niemand braucht, ja niemand soll ihn mehr nennen.
Im KZ haben die Häftlinge eine Nummer, mit der sie angeredet werden.
Namen sind nur für Menschen, Nummern dagegen für Häftlinge.

Damit man weiß, welche Art Häftling er ist, bekommt er zwei Abzeichen. Einen gelben Winkel, weil er ein Jude ist. Und einen schwarzen Winkel, weil er als Schauspieler als „nicht arbeitswillig“, sprich asozial gilt. Übereinandergelegt ergeben die beiden Winkel einen schwarz-gelben Stern.
Der neue Häftling zieht seine gestreifte Sträflingskleidung an.

Von nun an gilt er als seiner Würde beraubt.
Ohne Namen.
In den Schubladen der Mächtigen als „asozialer Jude“ registriert.
In der Sträflingskleidung mit geschorenen Haaren für die Aufseher nur noch an Nummer und Kennzeichnung erkennbar.
Dass der neue Häftling 16 Stunden am Tag im Steinbruch zu arbeiten hat, interessiert ohnehin keinen mehr.

2. Taufsonntag: Der innere Mensch
Liebe Gemeinde,
Sonntagmorgen hier im Bonhoefferhaus.
Die Tauffamilie zieht mit dem Pfarrer ein.
Die Gemeinde erhebt sich und bittet um den Heiligen Geist.
Der Täufling schläft, der Gottesdienst nimmt seinen Lauf.
Das Taufevangelium wird verlesen.
Irgendwann werden Taufeltern und Paten vom Pfarrer befragt, ob sie bereit sind, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen.

Die Antwort ist immer „Ja“; mal laut, mal vorsichtig gesprochen.
Keine weiteren Fragen, keine Prüfung der Herzen.
Als Bekräftigung spricht die ganze Gemeinde das Glaubensbekenntnis (– manchmal sogar nur die Gemeinde, wenn die Tauffamilie diese Worte nie gelernt oder bereits vergessen hat).

Dann kommt die Tauffamilie nach vorn.
Die Eltern werden nach dem Namen des Kindes gefragt, den sie laut und deutlich aussprechen sollen. Jeder in der Gemeinde soll hören: Dieser – dieser und kein anderer Mensch wird jetzt getauft.
Und der Pfarrer gießt dem Kind 3x Wasser über den Kopf und spricht dabei die Worte: „Ich taufe dich in den Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Das Kind erhält noch einen Taufspruch mit auf den Lebensweg, das Köpfchen wird abgetrocknet.
Vielleicht schreit es.
Als Zeichen der Erinnerung wird eine Kerze angezündet.
Die Tauffamilie wird vor dem Altar gesegnet.
Dann setzen sich alle wieder hin.
Ein neuer Christ ist da.

Und wir können nichts sehen.
Das Baby hat sich nicht verändert.
Es geht kein besondere Glanz von ihm aus.
Die Wassertropfen am Taufkleid trocknen schon.
Nicht einmal einen neuen Namen hat es bekommen.

Und doch ist hier mehr geschehen, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen nicht ausmalen können.
Es ist insbesondere weit mehr passiert als bei der sehr sichtbaren, lauten und entsetzlichen Aufnahmeprozedur im KZ.

3. Taufe in Tod und Auferweckung
Wie sagt Paulus im heutigen Predigttext Röm 6?
3 (Oder) wißt ihr nicht, daß alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft?
4 So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
5 Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.
6 Wir wissen ja, daß unser alter Mensch mit ihm gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde vernichtet werde, so daß wir hinfort der Sünde nicht dienen.
7 Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde.
8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, daß wir auch mit ihm leben werden,
9 und wissen, daß Christus, von den Toten erweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.
10 Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er Gott.
11 So auch ihr, haltet dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus.

Ein Satz hat es mir besonders angetan, ich möchte ihn immer und immer wieder lesen: „Der Tod kann hinfort über ihn nicht herrschen.“
Romans 6:9 qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
qa,natoj – das Wort bedeutet Tod (Sie kennen es durch das verballhornte Wort der Nazis „Euthanasie“)
qa,natoj auvtou/ ouvke,ti kurieu,eiÅ
Kyrios, der Herr, bekannt aus „Kyrie eleison“, Herr erbarme dich.
kurieu,ein = Herr sein, herrschen, befehlen, Übermensch sein über lauter Nummern, die vom Tod verschlungen werden sollen.

Wer getauft ist, über den kann der Tod hinfort nicht mehr herrschen.
Was für eine unglaubliche Macht, die wir in uns tragen, die wir getauft sind!
Weil die Taufe uns von der Sünde befreit – ja weil in der Taufe in uns die Sünde gestorben ist.
Und von der Sünde befreit sein heißt:
Den Tod, der der Sünde Sold ist, nicht schmecken zu müssen.

Stattdessen hat sich dem Getauften ganz tief Christus eingegraben.
In der Taufe ist der Mensch Christus gleichgeworden.

Spätestens hier sehen wir: Es bedarf keiner Priester, keiner sogenannten höher gestellten Menschen oder Mächte, die uns Christus vermitteln müssten.
Es bedarf allein der Taufe – und mit der Taufe ist jeder Mensch Christus aufs Engste verbunden.
Christus bietet sich dir selber als Mittler an, weil er in Dir seit der Taufe wohnt.

Äußerlich sieht man´s nicht.
Und innerlich ist es nicht immer erfühlbar, begreifbar, verstehbar.
Aber vor Gott ist es so und nicht anders, ganz egal, was wir darüber nun denken.

In der Taufe seid ihr:
– mitbegraben,
– mitverbunden,
– mitgekreuzigt,
– mitgestorben,
– und lebt mit Christus.

4. Tod und Auferstehung im KZ Buchenwald
Ich komme noch einmal zurück auf die entsetzlichen Umstände von Buchenwald.
Sie sind mir deshalb gerade jetzt so nahe und stehen mir so eindrucksvoll vor Augen, weil die Jugendgruppen Bonhoeffergemeinde und St. Johann/Petersberg am letzten Dienstag einen Tagesausflug mit mir dorthin gemacht haben.

Wer dorthin kam, dem sollte die Würde genommen werden. Die Gottebenbildlichkeit sollte ihm ausgetrieben werden.
Der Mensch galt weniger denn das Vieh.

Hoffnung auf Überleben gab es wenig.
Durch sadistischen Umgang wurde den Häftlingen gezeigt, welchen Status sie haben: Ohne Namen usw.

Lauter äußere Zeichen, die das Innere der Menschen brechen sollten.

Lauter äußere Schikanen und Grausamkeiten, die auch aus jungen Männern bei der SS entsetzliche Monster werden ließen.
Oder anders: Die Sünde des Menschen konnte sich in Buchenwald bei der SS auf erschreckende Weise entfalten.
In jedem von uns steckt ein Kain, der seinen Bruder Abel zu erschlagen imstande ist.
Damit geht die Menschheitsgeschichte nach der Vertreibung aus dem Paradies los: Mit einem Mord.

Junge Männer wurden zu Mördern, Sadisten und Henkern, die sicher ohne solche Absichten bei der SS ihren Dienst angetreten hatten.

Da soll mir noch einmal einer kommen und über das Wort „Sünde“ lachen!
Der lacht den Opfern der Sünder ins Gesicht!

Der äußeren Zeichen waren viele: Diese sollten alle zeigen: Man hat es nur noch mit Menschen 2. Klasse zu tun, das sind doch nur sogenannte Untermenschen.
Laut und deutlich wurden die Häftlinge gequält.

Wo war eigentlich Gott in Buchenwald?
Wo ist Gott in Guantanamo?
War er auch da?
Wo war Gott im KZ? möchte man fragen.

Ich will nicht zynisch erscheinen mit dem was ich jetzt sage – ich meine es ganz ernst:
Gott war da.
Er war da in jedem einzelnen Opfer.

„Mitbegraben, mitverbunden, mitgekreuzigt, mitgestorben, mit Christus leben“:

Das gilt ja nicht bloß für uns in Bezug auf Christus!
Sondern nur in beide Richtungen gedacht wird ein Schuh daraus:
Von Christus her in Bezug auf uns.
Jesus lässt sich mit uns mitbegraben etc.

Gott war auch in Buchenwald, wie er gleichzeitig auch in den anderen Arbeits- und Vernichtungslagern bis auf den heutigen Tag sich hat immer wieder für und mit uns kreuzigen lassen.

Und all die Tränen?
Das sind auch die Tränen Gottes, die er über jeden der Sünder verliert, die mit ihren Sünden dem Geschenk der Taufe ins Gesicht speien.

Es ist an uns, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.
An uns Getauften, die wir in besonderer Verantwortung auf dieser Erde leben.
„Haltet dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus!“

5. Des Beispiel Paul Schneider
Von einem Mann, der das Wort Gottes auch in der finstersten Stunde nicht vergaß, sondern immer wieder laut aussprach, will ich kurz berichten, dessen Biographie eindrücklich nachzulesen ist in dem Buch „Der Prediger von Buchenwald“.

Kleine Zeichen der Hoffnung gab es freilich auch dort, inmitten des Naziterrors.

Was es bedeutet, in Christi Tod getauft zu sein, das hatte dieser Mann besonders deutlich gemacht:
Paul Schneider, dessen 71. Todestag sich nächsten Sonntag jährt.
Ein Pfarrer aus dem Hunsrück, der von den Nazis eingekerkert und zu Tode gefoltert worden ist, weil er sich weigerte, die Hakenkreuzfahne zu grüßen.
(„Es gibt nur einen Gott.“)

Unser „neuer Häftling“ von vorhin, der die Hölle des KZ Buchenwald überlebte, berichtete:

„Mehrfach wurde Schneiders Stimme, wenn Tausende zum Appell angetreten waren, laut und deutlich aus dem Arrestgebäude gehört:

„Kameraden hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

PREDIGTLIED: EG 320,1-5: NUN LAßT UNS GOTT DEM HERREN

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