Augen auf und durch!

Zum Licht der Welt hat unser Herr Jesus Christus seine Gemeinde berufen. Davon haben wir in der Lesung gehört.

Im Grunde sind es Selbstverständlichkeiten, die Jesus in der Bergpredigt in seinen Worten über das Licht ausgesprochen hat. Die Stadt auf dem Berge kann nicht verborgen bleiben. Licht findet seinen Weg und bahnt sich seinen Weg. An diese Selbstverständlichkeiten knüpft der Brief an die Epheser an. Ihr seid Licht – in diesem Bewusstsein müsst Ihr eigentlich nur einfach leben – und alles wird gut. Denn dieses Licht wird in Euch ganz normal Früchte hervorrufen. Insgesamt klingt uns das vielleicht banal, aber vielleicht sollten wir uns an diesen Gedanken heranwagen und sehen, was dann mit uns passiert:

Hier erzählt uns nämlich einer, was das für ihn bedeutet.

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Christlicher Verkündigung geht es nicht primär um die Zukunft, sondern um die Gegenwart. Was uns geschenkt ist, ist uns heute geschenkt und dürfen wir heute leben. Die Spekulation über die Zukunft kann uns kaputt machen. Vielleicht das größte Manko der katholischen Kirche der Reformationszeit: Sie zerbrach sich den Kopf über Fegefeuer und Höllenstrafen. Luthers Erkenntnis traf sie darum ins Mark, weil sie ihre größten Probleme erledigt nannte: Ich bin getauft, ich bin befreit, ich bin gerechtfertigt. Gott liebt mich – er bedroht mich nicht.

Daraus konnte er sein Leben völlig neu gestalten und uns Mut machen auch unser Leben aus dieser Freiheit heraus zu gestalten.

Es ist schon verwunderlich, dass heute ca. 800 Millionen Christinnen und Christen Angst vor einem erstarkenden Islam haben, aber so wenig Ausstrahlung von ihnen ausgeht, dass sie nur ein schwaches Licht leuchten lassen vor den Menschen. Der Islam müsste uns doch wenig erschrecken, wenn von uns genügend Friede und Gerechtigkeit ausgehen würde.

Da gibt es immer nur wenige ‚Lichtgestalten‘ wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther-King. Deren Vorbilder können Hoffnung machen, können aber auch deprimieren, wenn ich feststelle, dass ich soweit wohl nie kommen werde.

Aber es gibt auch ‚Lichtgestalten‘ mit mehr Bodenhaftung, an denen ich lernen kann. Mir fallen ein: Margot Käßmann und Hartmut von Hentig. Beide haben in diesem Jahr Schlagzeilen gemacht.

Hartmut von Hentig, die alte Lichtgestalt der Pädagogik. Er hat Pädagogik neu definiert als Partnerschaft zwischen Erziehenden und Kindern / Jugendlichen. Mit seinen Theorien wurden die Reformschulen begründet. U.A. die Odenwaldschule. Als jetzt die Kehrseite herauskam, hatte er plötzlich mit Allem nichts zu tun Er hat tolle Ideen gehabt, aber jetzt bleibt nur die Trennung von Ideen und seinem Handeln.

Ganz anders Margot Käßmann: Sie hat auch Menschen begeistert, angesteckt mit ihrer Art, Kirche zu repräsentieren, Theologie zu erklären. Sie hat vielen Menschen die Hoffnung zurückgegeben, dass es sich lohnt bei einer Kirche zu bleiben und von ihr zu erwarten, dass sie sich bewegt zu den Menschen und ihren Problemen. Sie hat deutlich gemacht, dass Leitung der Kirche und ein Ohr für den Einzelnen haben kein Widerspruch sein muss. Auch sie hat erlebt, dass man plötzlich vor einem Scherbenhaufen stehen kann. Aber sie hat der Versuchung widerstanden ‚Augen zu und durch‘. Sie hat die Augen offen gehalten, in den Spiegel geschaut und gesagt ‚So nicht!‘ – und ist zurückgetreten und hat sich damit endgültig des Respekt und die Hochachtung der Menschen verdient, die an ihrem Beispiel erkannt haben, was sie sich von Menschen wünschen, denen die Gesellschaft Macht verleiht. Ehrlichkeit, die keine Rücksicht nimmt auf die eigenen Ambitionen. Sie bleibt Lichtgestalt gerade auch in ihrem Fall, weil sie zeigt, dass man auch in Würde fallen kann.

Lebt als Kinder des Lichts. Ich muss und ich will herausfinden, was das für mich bedeuten kann. Die Botschaft, wie viel ich meinem Herrn wert bin, kann mich erst einmal frei machen, frei von dem Gefühl ich müsste was ganz Besonderes darstellen, frei davon, mich dauernd beweisen zu müssen, frei dafür mein Leben zu gestalten, dass Menschen, die mit mir zu tun haben, merken, wie frei ich bin.

Die Wahrheit wird uns frei machen und diese Wahrheit lautet, dass uns in Christus und in unserer Taufe das Licht begegnet ist, das ich ergreifen kann, um es vor den Menschen leuchten zu lassen. Das kann ganz klein wirken und doch ganz groß sein:

‚Kauft keine Früchte der Apartheit‘ hieß die wohl bekannteste Kampagne der christlichen Kirchen des vergangenen Jahrhunderts. Mit ihrem Widerstand machten Menschen ihren Glauben deutlich und riefen die Menschen auf, nicht zu Mittätern zu werden. Sie hatten Erfolg und Südafrika das Ende der Apartheid und eine schöne WM.

Ich kann zum Mittäter werden, wenn das Licht leuchtet auf dieser Welt, aber ich kann auch zum Mittäter werden, wenn andere Leute Licht ausmachen bei den Menschen. Ich kann zum Kompagnon der Ungerechtigkeit werden, auch dort wo ich schweige, wo ich es normal finde, wenn Menschen vor die Hunde gehen.

Es gibt keinen Anlass zur Überheblichkeit, weder gegenüber anderen Religionen noch gegenüber anderen Kulturen. Es gibt Anlass genug zur Bescheidenheit und zur Anfrage an den eigenen Lebensstil.

Natürlich ist es auch Christinnen und Christen nicht immer nur möglich im Licht zu leben. Natürlich erleben sie auch schwarze Stunden – nicht nur Stunden des Schmerzes und des Leides oder der Angst, sondern auch Stunden wo sie ihre eigenen Schwächen deutlich spüren, wo sie ihr eigenes Versagen empfinden, wo sie den Ansprüchen, die wir gerne an Andere stellen nicht genügen. Aber auch und gerade dann gilt die Zusage des Auferstandenen. Der im Licht lebende ist wie der heimgekehrte Sohn. Auch sein Leben wird fortan nicht nur in ebenen Bahnen verlaufen, dafür wird vielleicht schon sein Bruder sorgen, aber er weiß sich getragen von der Liebe des Vaters.

Erinnerung an den 20. Juli 1944: Da waren Menschen, die selber schon Schuld auf sich geladen hatten, die an einem ungerechten Krieg in führender Position und voller Begeisterung teilgenommen hatten, bis sie das verbrecherische dieses Regimes entdeckten. Sie haben sich nicht verkrochen, sondern (und die meisten aus christlicher Motivation) Verantwortung übernommen und wenigstens versucht, diesem Regime und diesem Krieg ein gewaltsames Ende zu setzen. Von Dietrich Bonhoeffer wissen wir in diesem Zusammenhand, dass er gewusst hat: An diesem Attentat beteiligt zu sein, bedeutet Schuld auf sich zu laden, an diesem Attentat nicht mitzuwirken bedeutet noch mehr Schuld auf sich zu laden. Ich will herausfinden wo solche Situationen in meinem Leben sind und versuchen in diesen Situationen zu bestehen, weil ich weiß, dass Gottes Hand mich auch dann hält, wenn ich versage.

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