Leben in der Vorstadt

Herzlich Willkommen, heute am 14. Sonntag nach Trinitatis, zur Testamentseröffnung hier in der Kirche. Wie ich feststelle, sind alle relevanten Personen anwesend. Alsdann möchte ich auch gleich beginnen mit der Eröffnung des Testaments in der Sache Ev. Kirchengemeinde und Paulus.
Zur Eröffnung und Verlesung des Testaments bitte ich Sie und Euch sich zu erheben.

V. 14: Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
V. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
V. 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
V. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Ich bitte Sie und Euch nun wieder Platz zu nehmen.

Liebe Gemeinde – oder sollte ich in Anbetracht des gemeinsamen Erbes lieber sagen:
Liebe Schwestern und Brüder!?

Gänzlich unerwartet sind Sie, seid ihr, Erben geworden. Damit war heute Morgen beim Aufstehen nicht unbedingt zu rechnen. Wer sich aus dem Bett gequält hat und sich vielleicht nicht schlüssig war, ob er denn in die Kirche gehen sollte, der dürfte spätestens jetzt entschädigt sein. Wenn Sie und ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich die Millionen-Erbin Paris Hilton morgens beim aufstehen fühlt, dann wird dieser Wunsch heute Morgen erfüllt werden.
Aber: Ist es wirklich so unerwartet, dass wir Erben sind? War damit wirklich überhaupt nicht zu rechnen?
Wie dem auch sei: Es gibt was zu erben. Und ich glaube, ich verrate nicht zuviel, wenn ich sage, dass es eine ganze Menge ist was da an Erbe auf uns wartet. Wir sind nämlich nicht nur Erben diverser Hotels und einiger Yachten, sondern wir sind Erben Gottes und somit Miterben Christi. So steht es in dem verlesenen Text. Wir sind Erben. Wir sind Miterben Jesu Christi.

Was das genau bedeutet, und wie es dazu kommt erklärt Paulus zunächst leider nicht in seinem Text.
Ich möchte aber ganz vorne anfangen und zunächst mal darauf zu sprechen kommen, warum wir überhaupt Erben sind.

Einige von Ihnen werden es wissen, ein Erbe wird man üblicherweise, wenn man einer Person sehr nahe stand und demnach mit ihr verwandt ist. Wie aber sind wir als Kirchengemeinde mit Gott verwandt und kommen so in den Genuss zu Erben?

Mit Sicherheit wird es nur wenigen der hier anwesenden vergönnt sein, sich daran zu erinnern, aber alles hat mit der Taufe angefangen. „Wir sind getauft auf deinen Namen!“ lautet denn auch das Lied nach der Predigt und sagt doch damit, dass wir den Namen Gottes tragen. Gott kennt uns mit Beginn des Lebens und für ihn besteht kein Zweifel daran, dass wir zu ihm gehören. Die Taufe macht uns also zu Kindern Gottes.

Paulus schreibt, dass wir den Geist der Kindschaft erhalten haben. Das bedeutet nicht, dass wir kindisch sind oder gar sein sollen. Wir sind Kinder und dürfen kindlich im Angesichte dieser Zusage Gottes sein. Vielleicht haben einige von Ihnen jetzt die Worte „Lasset die Kinder zu mir kommen“ im Ohr. Damit sind eben nicht nur kleine Menschen gemeint, sondern alle, die Kinder Gottes sind.
Einige werden sich noch an die Bildschlagzeile aus diesem Sommer erinnern, als Gerhard Schröder zum zweiten Mal ein Kind adoptiert hat? Die Bildzeitung titelte damals: Schon wieder!
Die Aufregung dahinter ist mir fremd. Wenn Gerhard Schröder und andere Menschen es können und wollen, dann ist auch gegen die Adoption eines zweiten Kindes nichts einzuwenden. Immerhin übernehmen solche Menschen mit diesem Akt Verantwortung für andere.
Genau so verhält es sich mit unserer Adoption durch Gott. Gott kann und will uns adoptieren. Der Geist der Gotteskindschaft, der uns geschenkt wird, drückt Gottes Verantwortung und Zusage gegenüber den Menschen aus. Aber der Geist ist auch Zeichen für Gottes Nähe. Plötzlich ist Gott ganz nah, so nah, wie ein Vater seinen Kindern ist. Die Verwandtschaftsverhältnisse, die uns in die Möglichkeit des Erbens stellen, sollten somit deutlich geworden sein.

Kommen wir zu der Frage, was es eigentlich zu erben gibt? Nun, das Testament ist an dieser Stelle nicht so ganz eindeutig. Es nennt uns zwar Miterben, aber es sagt nicht genau, was das sein wird. Es ist auf jeden Fall etwas, das in der Zukunft liegt und es ist uns verheißen. Was hat es aber damit auf sich? Verheißung?

Ich verstehe Verheißung so, dass Gott uns am Ende der Tage, mit hinein nimmt in das Reich Gottes, in eine gute, neue ganz andere Welt. Der Text sagt ganz deutlich, dass wir mit verherrlicht werden mit Christus. Wie anders kann das gemeint sein, als eben auch in den Himmel zu fahren?

Übertragen auf das Leben in der Vorstadt bedeutet das, wir leben noch nicht in der neuen Stadt Gottes. Vellmar ist eben nur Vorstadt. Und auch wir leben in dieser Vorstadt. Aber es gibt – hier und jetzt – die berechtigte Hoffnung auf die neue Stadt Gottes.
In dieser neuen Stadt Gottes ist alles ganz anders. Man lebt leidfrei, sorglos, versöhnt und es gibt wohl auch immer ausreichend Parkplätze und – natürlich – genügend Kinderspielplätze. Der Mensch hat in dieser neuen Stadt wirklich ausgesorgt!
Allerdings soll dieser Vergleich nicht bedeuten, dass es hier in Vellmar schlecht ist und man folglich auch nichts mehr machen muss. Keineswegs! In der Vorstadt gibt es zwar Sorgen und Leiden und Arbeitslosigkeit, aber es gibt auch die berechtigte Hoffnung, die aus der Zusage Gottes resultiert, dass wir Kinder Gottes sind. Aus und in dieser Zusage leben wir schon jetzt. Also kann es nicht einfach nur darum gehen, die Hände in den Schoß fallen lassen.

Auch Paulus spricht deutlich davon, dass noch etwas von den Kindern Gottes erwartet wird.
„Wenn aber Kinder, auch Erben. Einerseits Erben Gottes, andererseits Miterben Christi, wenn anders wir mitleiden, damit auch wir mit verherrlicht werden.“
„Wenn – dann“. Ein Bedingungssatz. Es wird also etwas mit der Erbschaft verbunden und zwar eine Bedingung.

Liebe Miterben,
„mitgefangen, mitgehangen!“ könnte man denken. Aber genau darum geht es hier nicht. Paulus spricht nicht von einem entweder-oder-Prinzip, sondern von einer inneren Logik in diesem Zusammenhang.

Wie in der Vorstadt, in der man lebt. Man lässt diese Stadt nicht einfach verfallen. Hier und da werden Straßen ausgebessert, vielleicht ein Park angelegt oder erhalten. Man gibt die Stadt nicht einfach dem Verfall preis, sondern investiert in diese Stadt.
Wendet man dieses Bild auf Christinnen und Christen an, dann bedeutet das: Wir sehen die Schlaglöcher in der Straße und helfen mit, diese auszubessern. Oder anders gesagt: In jedem Gottesdienst halten wir z.B. Fürbitte für Menschen in dieser Welt. Es ist nicht alles perfekt auf Erden und unser Mit-Leiden ist dadurch gekennzeichnet, dass wir um dieses Leid wissen und uns diesem Leid stellen.

Aus diesem Grund erscheint mir der Bedingungssatz aus dieser Perspektive nicht mehr so, als käme hier, gewissermaßen durch die Hintertür, die ethische Keule herein.
Wenn wir als Kinder Gottes heranwachsen, dann ist es natürlich, nach und nach Arbeiten und Aufgaben innerhalb der Familie zu übernehmen. Man beginnt, den Müll raus zutragen oder räumt die Geschirrspülmaschine aus. Man tut dies einfach, nicht zuletzt auch aus Verantwortung

Es steckt also mehr in der Zusage vom Erben als nur der bloße Antritt dessen. Denn dass wir mitleiden beinhaltet die Frage danach, was wir tun und wie wir es tun.
Nun, ein Kind Gottes zu sein bedeutet also nicht, dass wir als Christinnen und Christen dem Weg Jesu in seiner Gänze folgen sollten. Wie sollten wir dieses auch zu Wege bringen?
Vielmehr geht es um eine verantwortungsvolle und liebevolle Hinwendung zur Welt. Es geht darum mit zu machen, mitzuhelfen, mit anzupacken. Und dies tun wir ja auch jetzt schon in vielfältiger Gestalt: Es gibt die Vabia in Vellmar, und unsere Gemeinde selbst ist Treffpunkt für viele Gruppen und Menschen.

Christenmenschen unterscheiden sich nämlich dadurch von der Welt, dass sie sich zwar nicht anders verhalten müssen, sich aber anders verhalten. Eben christlich verhalten. Das bedeutet, dass Christinnen und Christen einander und andere z.B. nicht übervorteilen.
Die alten Herrschaftsstrukturen sind für uns aufgehoben. Wir sind frei vom Sklavengeist irdischer Strukturen. Aber weil wir in der Welt leben und uns dieser Welt nicht in der Art entziehen sollen, als gehe sie uns nichts mehr an, leben wir dennoch mit diesen Strukturen. Aber nicht widerstandslos. Schließlich zählt der Versuch, dieser Welt einen anderen Stempel aufzudrücken.
Und zu all diesem Handeln befähigt uns der Geist Gottes, der uns zu Kindern Gottes macht.

Drei Themen mit einem Ergebnis sind nun zur Sprache gekommen.
Zum einen sind wir Kinder Gottes, weil Gott uns adoptiert hat.

Wir sind auf seinen Namen getauft und tragen den gleichen Namen, wie sein Sohn Christus. Die Adoption ist aber keine Zwangstat an uns, sondern Beweis der Liebe Gottes zu seiner Schöpfung. „Der niemals loslässt das Werk seiner Hände!“, habe ich vorhin in meiner Begrüßung formuliert. Diese uns geschenkte Kindschaft ist auf jeden Fall leistungsunabhängig und einfach da.

Zum zweiten haben wir als Kinder Gottes Anteil am Erbe der Verheißung. Diese besteht im Wesentlichen darin, dass wir aus einer Gewissheit in dieser Welt auftreten und leben können, die mit irdischen Mitteln nicht zu erreichen wäre. Dies ist die unbedingte Zusage Gottes. Was auch bedeutet, dass wir Fehler machen können ohne Angst davor zu haben fortan zur Adoption freigegeben zu werden.

Zum dritten geht es bei diesem Erbe nicht um eine von uns einzufordernde Leistung im Sinne einer unbedingten Verhaltensweise. Trotzdem sind wir angehalten, diese Welt nicht sich selbst zu überlassen. Immerhin ist uns etwas angediehen worden, dass es wert ist, der ganzen Welt davon zu erzählen und in diesem Sinne zu handeln.

Am Ende steht aber über allem Gottes Liebe und Zusage an uns. Gott ist der Felsen auf den ich bauen kann, egal wie mein Leben gerade verläuft. Das Erbe mögen wir jetzt noch nicht antreten können, aber die Zusage steht. Aus diesem Aspekt zu leben kann nur befreiend wirken.

Und der Friede Gottes, unseres Vaters, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, mit dem wir erben werden, in Ewigkeit. Amen!

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