Gehaltensein, das nicht an die Person gebunden ist

Liebe Gemeinde!
Ein öffentlich zu Tode gequälter Mensch. Nackt bloßgestellt dort, wo möglichst viele ihn sehen. Innerlich und äußerlich gebrochen. Lächerlich gemacht bis zur Unkenntlichkeit. Nicht der Mühe wert, ihn zu fesseln, behandelt wie ein Stück Holz, festgenagelt als eine Art Verkehrsschild am Straßenrand.
Seht ihr ihn? Er hängt in fast jeder Kirche. Wie halten wir das eigentlich aus, ruhig im Gottesdienst zu sitzen beim Anblick eines zu Tode Gefolterten. Die Antwort, die ich mir selbst gegeben habe ist: Wir nehmen die Kreuzigung in ihrer Brutalität und Menschenverachtung gar nicht mehr wahr.
Denn wo er wirklich plötzlich sichtbar wird, da schlagen sofort die Wogen hoch:
– Wenn der österreichische Aktionskünstler Herrmann Nitsch aufgebrochene Schweinekadaver an Kreuze nageln lässt, wird er sichtbar: eklig, brutal, stinkend, blutend, bestialisch entstellt. Es folgt in riesiges Geschrei: Tierquälerei bis Gotteslästerung wird mit höchster Empörung ins Feld geführt.
– Wenn Martin Kippenberger einen Comic-Frosch mit fettem Bauch am Kreuz abbildet, wird er sichtbar: Der lächerlich Gemachte: Ach komm, sei kein Frosch, Alter, steig herab vom Kreuz, wenn du Gottes Sohn bist! Da wird er sichtbar als Lachnummer, nicht mehr erkennbar als Mensch. Platter gemacht als jede Schablone. Und wieder gehen die Wogen hoch in christlich gehobenen Kreisen. Sie gehen hoch, weil er plötzlich wirklich sichtbar wird, der Gekreuzigte.
– Wenn Eltern nicht möchten, dass ihr Kind in Klassenzimmern unterrichtet wird, wo es täglich während des gesamten Unterrichts zusehen muss, wie jemand als kleine Holzfigur an der Wand zu Tode gequält wird. Dann ist er plötzlich sichtbar geworden, der zu Tode Gequälte.

Ich meine, in Situationen wie den eben beschriebenen wird der Kern des christlichen Glaubens sichtbar: Gerade bei denen und durch die, denen die Gotteslästerung vorgeworfen wird.
Denn wer vorschnell meint, es sei schon in Ordnung, dass ein zu Tode gequälter, ein lächerlicher, ein machtloser, sterbender Gott in Ordnung ist. Wer beim Anblick des Gekreuzigten, nicht den Reflex spürt, ihn dort abnehmen zu wollen, zu verbinden, schnellstens ins Krankenhaus zu schaffen, der hat den Gott der Christen noch nicht wirklich gesehen. Und er wird sich schwer tun, dem heutigen Predigttext zu folgen:

TEXT

Paulus findet klare Worte zu den drei eingangs genannten Situationen: Wer nicht in der lächerlichsten, erbärmlichsten, menschenun-würdigsten Darstellung Gottes, die vielleicht wahrste Abbildung unseres Gottes erkennt, der verehrt einen anderen Gott. Wer meint, er müsse Gott vor der Lächerlichkeit beschützen, der hat überhaupt nichts kapiert: Die Lächerlichkeit, die Erbärmlichkeit, das Entstellte und all seiner Würde Beraubte, das völlig Gebrochene, das Ausradierte ist der Wegweisen zum Kern christlichen Glaubens.
Wenn wir etwas göttlich nennen, dann ist das meist etwas, wir als wunderbar, im besten Sinne schön, heilig, rein, erhaben erleben. Es hat meist etwas Heiliges, Unantastbares.

Mit Klopapier, Inkontinenz, mit Beschämung, Würdelosigkeit, Peinlichkeit, Gebrechlichkeit oder Schwäche, mit Schmerz und Orientierungslosigkeit und was sonst noch zur Unschönen Seite des Menschlichen gehört, hat es meist nichts zu tun.
Der christliche Gott, der im Gekreuzigten sichtbar wird, steckt aber offensichtlich mitten drin in diesen unschönen Seiten des Menschseins. Wo das Christentum allzu elegant und dem Erhabenen verpflichtet daher kommt, da werde ich den Verdacht nicht los, dass es auch seinen ganz und gar uneleganten, unerhabenen Gott am Kreuz gerne vergisst. Sonst würde es nicht so ein Geschrei machen, wenn ihnen jemand ihrem lächerlichen, erbärmlichen Gott vorhält.

Vielleicht haben wir aber einfach auch zu oft gesagt bekommen: dass wir Gott in jedem Menschen erkennen müssen, dass wir durch den Gestank eines Windeleimers hindurch noch den Duft des Himmels zu erschnüffeln haben. Vielleicht hat man uns allzu oft gesagt: Liebe deinen Nächsten! – auch wenn er dich ansabbert, eine gepflegte Unterhaltung beim besten Willen nicht möglich ist oder die Angst vor dem Fremden Elend einfach nur den Wunsch kennt, damit nichts zu tun haben zu wollen. Ja, vielleicht haben wir allzu oft gesagt bekommen: Du MUSST im wirklich allerletzten noch Gott erkennen. Und jetzt haben wir genug von der ewigen Pflicht?

Ich persönlich muss sagen, ich kenne beides: Die Angst vor dem Elend, aber auch eine eigentümliche Anziehungskraft des Elends. In den letzten Sätzen dieser Predigt möchte ich Ihnen erklären, was ich glaube, warum mich das Elend manchmal regelrecht anzieht. Es ist gleichzeitig der Grund, warum ich heute noch Christ bin:
Ich glaube, letztlich treibt mich der Wunsch, ohne Angst leben zu können. Ich bin ein Mensch, der gerne denkt, der gerne Dinge anpackt und weiterbringt. Und ich habe Freude daran, möglichst viel zu lernen und auszuprobieren, in möglichst vielen Gebieten. Wenn man mich allein lässt, vielleicht mit meiner Familie dann kann ich leicht glücklich sein, indem ich vor mich hin denke und arbeite, was mich gerade interessiert.
Das Ganze hat eine Kehrseite: Wenn ich nicht allein oder in einer Umgebung bin, die mich wie selbstverständlich trägt, dann wird all das, was mich sonst glücklich macht zum Zwang. Es wird schwer, sich zu sagen: Du musst dich nicht beweisen. Oft scheint es, dass viel, schnell und erfolgreich gedacht werden muss. Es scheint mir, ich müsse alles können und mich für alles interessieren, um wieder Überblick zu gewinnen. Was, wenn mich alle meine Fähigkeiten im Stich lassen?
Natürlich, wie könnte es anders sein, ist mein Glaube eine Art Spiegelbild meiner Persönlichkeit: Spielerisch, experimentell mit vielen interessierten Anschlussstellen zu anderen Religionen und Glaubenssprachen. Lange Zeit war deshalb meine große Angst, das alles zu verlieren. Weil es bedeuten würde, meinen Glauben zu verlieren und letztlich mich zu verlieren.
Fasste ich das alles in ein Bild, dann war das eine Erkrankung, die mein Gehirn zerstört, die letztlich mich als Person zerstört. Ich habe das in meiner Familie erlebt: Schwerste Hirnschäden, die von dem Menschen, wie ich ihn kannte, nicht mehr viel übrig ließen; Erkrankungen, die Schritt für Schritt nicht nur die Orientierung in der Welt unmöglich machten, sondern auch die Orientierung in sich selbst: eine Zerstörung der Person auf allen Ebenen. Und was da übrig bleibt, noch irgendwie lebend, bis es stirbt, das hatte nichts mehr vom Anziehenden eines Babys, sondern konnte eher Ekel auslösen, jedenfalls Unbehagen.

Ich glaube, die Angst, mich so oder ähnlich selbst zu verlieren, formte in Kombination mit meiner Neugier meinen Glauben: Wenn ich die Angst los haben wollte, war ich mehr oder weniger gezwungen, gerade in dem, was mir Angst machte, noch Würde zu suchen, irgendetwas zu finden, von dem ich sagen könnte, dass das immer noch ich sei, auch wenn ich all das verliere, das mich bisher ausmacht. Denn habe ich die Würde gefunden, dann verliert dieses Elend seine Schrecken für mich. Ich kann sagen, dass es gelang und immer wieder gelingt. Dass es mir Sicherheit gibt und mich glücklich macht, immer wenn ich es wieder entdecke.
Ich kann nicht sagen, dass sich das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben!“ ganz verwandelt hat in „Ich will meinen Nächsten lieben.“ Aber in vielen Bereichen unterscheidet sich das eine nicht mehr vom anderen, weil mein Interesse für das Elend anderer das ist, was mir selbst Sicherheit gibt. Selbstliebe und Nächstenliebe fallen da glücklicherweise zusammen.

Vielleicht fragen Sie sich, welche Würde ich denn entdeckt habe, wenn das Elend schon die Person zersetzt hat, also die Person auch keine Würde mehr genießen kann?
Fündig geworden bin ich in einer Vorstellung von der Auferstehung, die Vielen vielleicht weniger scheint als die gängige Vorstellung, dass unser Leben bei Gott zeitlich fortgeführt wird, und unsere Geschichte bei Gott weitergeht.
Ich erhoffe keine persönliche Auferstehung. Ich erhoffe auch nicht, dass Gott meine Person bewahrt oder neu erschafft, ähnlich wie die Erinnerung das Glück vergangener Tage wieder lebendig werden lässt. Beides sind gute Vorstellungen von der Auferstehung. Mir aber genügt etwas, das vielleicht nach weniger klingt, aber für mich mehr ist: Ein Gehaltensein, in das hinein ich als Person zerfallen kann. Und in das hinein auch mein Glaube zerfallen kann. Gehalten, wenn niemand mehr mich kennt, wenn nicht einmal mich selbst mich mehr kenne, wenn es so etwas wie Glauben nicht mehr gibt, wenn das, was ich Ich nenne, nicht mehr ist. Oder wie Paulus es sagen würde: Gehalten, wenn die Weisheit der Weisen und der Verstand der Verständigen einfach wie Sand im Gehirn zerrieselt. Die Würdelosigkeit des Kreuzes führt eben weiter als beide. Sie treibt auf die Suche nach einem Gehaltensein jenseits der Person. Gott ist das Wort für dieses Gehaltensein. Amen.

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