Wer ist ein Gott wie du?

27. Juni 2010 „Der heilige Gott“ Predigtreihe „Wer ist ein Gott wie du“ Ex3,1ff: "Der heilige Gott"

Ich sehe es vor mir wie in einem Film, in dem immer wieder eine Rückblende dazwi-schen geschaltet wird. Die Rückblende vielleicht in Schwarz weiß, um die düsteren Zeiten zu verstärken. Die Gegenwart in starker Rot und Gelbtönung, die Farben der Wüste, und sie werden roter, je näher Mose dem brennenden Busch kommt.

In den Rückblenden sehen wir die Israeliten auf der Großbaustelle. Seite an Seite mit Billigarbeitern anderer Länder schuften sie für die Prunkbauten des Pharao. Die Bedingungen werden immer härter. Schikanen sind an der Tagesordnung. Mobbing jeden Tag. Dann betritt Mose die Szene. Er denkt nicht lange nach. Er greift ein. Er schlägt zu. Aber erreicht hat er nichts. Er muss untertauchen.

Szenenwechsel. Ortswechsel. Zeitsprung. Nun befinden wir uns im Land der Midiani-ter, heutiger Sinai. Ein friedliches, idyllisch anmutendes Bild. Aus dem wilden Revoluzzer Mose ist ein Hirte mit Rauschebart geworden. Er hütet die Schafe seines Schwiegervaters. Wir sehen ihn unterwegs in der Steppe, ein Berg im Hintergrund. Dort in die höhere Region will er hin, wo es nicht ganz so heiß ist. Da gibt es gewiss noch Futter. Mose ist ganz und gar mit dem Hirtenalltag beschäftigt.

Ob er noch an früher gedacht hat? Leben seine Eltern überhaupt noch? Er war nur als Kleinkind bei ihnen gewesen. Den größten Teil seiner Kindheit und Jugend hatte er in einer Pflegefamilie verbracht. Die war wohlhabend. Er hatte damals eine gute Ausbildung erhalten. Aber er konnte sie nicht abschließen. In letzter Zeit fragt er sich wieder häufig: Was soll ich noch hier? Er will etwas sinnvolles tun und nicht nur für sich selber und seinen eintönigen Beruf leben. Von den revolutionären Ideen seiner Jugend ist nicht viel übrig geblieben. Mit der großen politischen Karriere war es nun Essig. Er hat sich völlig ins Privatleben zurück gezogen. Also das Schicksal, was unser Ex-Bundespräsident jetzt wohl vor sich hat: Ganz auf Familie machen, dem Lärm der Hauptstadt nicht mehr ausgesetzt sein, diesen Weg hatte der Mose beschritten. Rück-zug ins Private. Und die weite Wüste hat einen sehr engen Horizont. Wer dort viele Jahre Schafe hütet, erwartet nicht mehr viel vom Leben.
Mose ist nun weit entrückt von allem Ärger und von aller Not. Er hört kein Klagen und kein Geschrei der Unterdrückten. Weit weg ist das alles für ihn. Sollte er sich deshalb Vorwürfe machen? Er hatte ja versucht, die Welt zu verbessern damals. Er hatte Einsatz gezeigt. Dann musste er sich in Sicherheit bringen. Das wird doch wohl jeder verstehen. Dort draußen in der einsamen Steppe bei seinen Schafen, da fühlt er sich jetzt wohl. Da hat er Ruhe und Frieden.

Bis zu dem Tag, wo diese Ruhe gestört wird. Dabei hatte der Morgen ganz unscheinbar begonnen. Mose erwartete einen langen Arbeitstag. Hinter sich Schwiegervaters Schafherde. Unterm Arm den Frühstücksbeutel. Ich vermute mal Fladenbrot mit Ziegenkäse. Aber was war das auf einmal? Es riecht verbrannt. Der Mann schaut sich um. Er sieht die Schafe, die kleinen Felsen, am Horizont der Berg Sinai. Und dann das Feuer. Ein Busch hat sich entzündet. Kein Wunder bei der heißen Sonne. Aber seltsam: Die Blätter verbrennen nicht. Das gucke ich mir mal aus der Nähe an, sagt er sich. Er tritt hinzu. Da hört er eine Stimme, aber zu sehen ist niemand. Mose, Mose!

Das ist sicherlich eine ungewöhnliche Art, wie Gott sich bemerkbar macht. Und doch wieder typisch. Denn wenn Gott sich bemerkbar macht, dann bleibt es nie beim Allgemeinen. Also bei einer allgemeinen Wahrheit: Es gibt da eine höchste Macht über uns. Einen unsichtbaren Gott. Dessen Spuren wir in der herrlichen Schöpfung sehen. An dessen Existenz du nicht zweifelst. Solche allgemeinen Ahnungen genügen Gott nicht. Gott ist nicht nur da. Er macht sich bemerkbar. Gott spricht zu dir. Er spricht dich an. Er meint dich persönlich. Dich, Paul oder Christine, oder wie immer du heißt. Er tut das eigentlich täglich. Aber wir hören nicht immer hin. Darum, wenn Gott etwas besonderes zu sagen hat, was nicht für jedermann, sondern gerade für dich, wichtig ist, dann macht er besonders auf sich aufmerksam. Hier ist es ein brennender Dornbusch.

Anfangs ahnt Mose natürlich nicht, dass dort ein Wunder auf ihn wartet. Anfangs ist dieser brennende Dornbusch für ihn nicht mehr als eine Kuriosität am Wegesrand. Ein Busch, der brennt, ohne zu verbrennen. Genauso halten viele heutzutage die Kirche für eine Kuriosität am Wegesrand der Menschheitsgeschichte. Wo man höchstens aus Neugier mal die Nase reinsteckt, um dieses seltsame Gebilde von nahem zu bestau-nen: Etwas das stirbt, ohne auszusterben. Denn dass die Kirche auf dem absteigenden Ast sei, vom Aussterben bedroht, das ist ja in vielen Büchern zu lesen. Nach diesen Theorien müsste die Kirche eigentlich schon längst tot sein. Aber in der Praxis ist sie einfach nicht tot zu kriegen. Im Gegenteil: Statt an Altersschwäche zu sterben, wird sie immer vitaler. Das Christentum ist eine stark wachsende Weltreligion. Wir in Europa kriegen das nicht so mit, aber im weltweiten Horizont ist das absolut der Trend. So ist die Kirche in manchem wie dieser Dornbusch, bei dem man von weitem den Eindruck haben könnte, der ist vertrocknet und morsch, da wächst nichts mehr. Aber wo Gott ist, da ist Leben. Und weil Jesus, der Auferstandene lebt, darum stirbt die Kirche nicht.

Mose weiß noch nichts von diesen Zusammenhängen. Er weiß noch nicht, dass Gott hinter diesem Wüstenwunder steckt. Mose bringt den brennenden Dornbusch nicht gleich mit Gott in Verbindung. Er sieht einfach ein Phänomen und das macht ihn neugierig. Er will sich das genauer ansehen und setzt sich deswegen in Bewegung.
Bis heute entfacht Gott so manchen Brand, um uns aufmerksam zu machen. Gott hat es ja nicht leicht mit uns. So viele Eindrücke, so viele Impulse umfluten uns täglich. Vieles rauscht an uns vorbei, ohne dass wir den Dingen nachgehen. In unserer reiz-überfluteten Welt sind wir nicht sensibel für die Signale, die von Gott ausgehen. Und so bringen uns manchmal erst große Einbrüche im Leben, bringt uns erst völlig Unerwartetes dazu, dass wir einmal stehen bleiben und innehalten. Bei Mose war es dieser brennende Busch.

Neugierig tritt er heran. Da hört er eine Stimme. Mose! Komm mir nicht zu nahe. Der Ort, da du stehst, ist heiliges Land.
Heilige Orte, heilige Zonen, was ist das? Urlaubszeit ist jetzt. Da wird mancher, der mit dem Fotoapparat die Sehenswürdigkeiten abknipst, auch auf die eine oder andere Kirche aufmerksam werden am Urlaubsort. Mancher hat schon lange kein Gotteshaus mehr von innen betrachtet. Da kommen dann Leute neugierig an wie hier der Mose: „Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen!“ Die fassen alles an, die haben keinen Respekt vor Altarstufen und Kanzeltreppen, sie stellen ihr Handy nicht aus, unterhalten sich während vorn gebetet wird. Kurz, sie benehmen sich in der Kirche wie im Kino oder im Fußballstadion.

Nicht dass ihnen gleichgültig wäre, was um sie herum geschieht, sie wissen einfach nicht, wie man sich Gott gegenüber verhält. Sie haben kein Gespür für seine Heiligkeit, die Respekt gebietet, ja Scheu.

Zum Teil haben die Verantwortlichen in der Kirche selber Schuld daran, dass es soweit gekommen ist. Es geschieht auch nicht automatisch, dass die Besonderheit der Gegenstände und Symbole in der Kirche geachtet wird. Der Sinn dieser Geräte ist vielen nicht mehr klar. Die Tauffamilie steht am Taufstein. Die Schwester des Kleinen im Taufkleid zeigt auf das Taufbecken: „Mami, ist das aber ein großer Aschenbecher“. Ein Konfirmand schrieb auf die Frage, von wo der Pastor die Liturgie spricht: „In der Kirche vorne am Tresen!“

Mose war sicher in manchem vertrauter mit den Traditionen. Aber ein brennender Dornbusch war auch für ihn neu. Das Feuer zeigt die Heiligkeit Gottes an. Wo gibt es ein Feuer, das zwar um einen Dornbusch züngelt, ihn aber nicht verbrennt? Und man weiß genau, dieses Feuer könnte alles in der Umgebung verbrennen, wenn es wollte. Genauso begegnet uns Gott in Jesus Christus: Er bleibt der Feurige, der Heilige, der ganz anders ist als wir. Einer, der die Sünde straft. Einer, der das Böse bekämpft. In dessen Nähe ein Petrus erschüttert niederkniet: „Geh weg von mir Herr, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ Und zugleich ist er der liebende Vater, der den verlorenen Sohn in die Arme nimmt. Der die Seinen Freunde nennt und sagt: Furcht ist nicht in der Liebe.

Scheu zieht Mose seine Schuhe aus. Er zeigt Respekt. Und er weiß: Gott verdient diesen Respekt. Er ist aller Ehren wert. Für viele mag das heutzutage ein fremder und neuer Gedanke sein. Unsere Zeit hat in vielem den nötigen Respekt verloren. Es fehlt etwa der Respekt vor den Alten. Es fehlt der Respekt vor den Lehrern. Es fehlt der Respekt vor den Repräsentanten des Staates, seien es die Ordnungskräfte, oder die politischen Mandatsträger. Es fehlt der Respekt vor der Privatsphäre. Es fehlt der Respekt vor dem intimen Bereich der Sexualität. Es fehlt der Respekt vor dem werdenden Leben, es fehlt der Respekt vor dem vergehenden Leben. Kein Wunder, wenn den Menschen nichts mehr heilig ist.

Den höchsten Respekt aber verdient Gott. Mose wusste das schon immer, aber jetzt wird ihm das im vollen Umfang klar. Er merkt: Gott ist im Recht. Ich muss Respekt zeigen. Ich, der ich keinen Respekt hatte vor dem Leben jenes Ägypters, den ich umgehauen hatte, ohne mir Gedanken zu machen. Wofür ich noch gute Gründe angeben konnte: Der Teil schien eines schädlichen Systems. Auf mich müsst ihr hören, hatte Mose gedacht, mir folgen, dann siehts besser aus in der Welt. Von diesem hohen Ross ist er runter.

Und es geht noch um mehr als nur um Respekt. Wenn Mose gewarnt wird, zu nahe an den brennenden Busch zu kommen, dann ja auch weil das Feuer gefährlich ist. Da scheut man zurück. So ist es mit Gottes Heiligkeit. Gott ist gefährlich. Bitte das jetzt nicht missverstehen, als wolle die Kirche mit ihrem Gott anderen drohen oder Angst einjagen.

Aber es ist damit gemeint, Gott ist so heilig, und wir oft so weit weg von ihm. Wenn wir einfach bleiben wie wir sind und so weitermachen, wie wir das gut finden, dann nimmt das kein gutes Ende. Dann sind wir am Ende der Zeit, in der Ewigkeit, die Verlierer. Denn Gott wird über unser Leben richten. Und er kann uns so wie wir von Natur aus sind, nicht in seinen Himmel lassen, denn das soll ja nicht die Fortsetzung sein von dem was hier auf Erden Leidvolles geschieht. Es soll ja herrlich sein und dazu muss uns Gott umgestalten in sein Bild.

Das Leben des Mose ist ein solcher Umgestaltungsprozess. Die Zeit in der Wüste war ein ganz wichtiger Teil von diesem Prozess. Sie hatte den Mose verändert. Deshalb protestiert er nicht, als Gott ihm sagt: Vorsicht, hier ist heiliger Grund. Da sagt Mose nicht: Na hör mal, lieber Gott! Nun stell dich nicht so an. Wir Menschen sind ja auch irgendwie alle göttlich. Ich komm da mal ganz nahe, wird schon nichts passieren. Nein, er merkt: Gott ist gefährlich. Wer ihm nahen will, der muss sich vorsehen. Der muss sich beugen. Der muss bereit sein zu sagen: Dein Wille geschehe.

Und das tut Mose: Herr, hier bin ich, sagt er. Gebrauche mich. Führe mich, wohin du willst. Es ist ein enormer Unterschied, ob du sagst: Ich weiß, dass es einen Gott gibt. Oder ob du sagst: Mein Herr und mein Gott: Hier bin ich.

Als Mose diesen Satz sagt, eröffnet ihm Gott seinen Plan: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihr Bedränger gehört. So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk aus Ägypten führst.“ 40 Jahre vorher hätte Mose sich bei solchen Worten in die Brust geworfen und stolz gesagt: Ich gratuliere dir, lieber Gott. Schön, dass du´s gemerkt hast. Ich bin genau der richtige. Der geborene Retter für dieses Volk. Geht in Ordnung. Das sagt er gerade nicht. Die scheinbar verlorene Zeit in der Wüste war nämlich in Wahrheit eine Reifezeit. Eine Zeit der Zurüstung, der Vorbereitung, der Läuterung für Mose. Er ist jetzt nicht mehr der forsche Revoluzzer. Er ist nicht mehr der überhebliche Politiker der meint er könne Weltpolitik machen ohne nach Gottes Willen zu fragen. Er ist beschei-den und ruhig geworden. Deshalb trompetet er jetzt nicht: Ich bin die beste Besetzung, der rechte Mann, der so einen Freiheitsmarsch anführen kann. Man reiche mir eine Fahne und eine Kalaschnikow.

Vielmehr antwortet er: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten? Was für eine Wandlung!
Hast du Gott Gelegenheit gegeben, Zeit gegeben, dein Leben zu wandeln, deine Motive zu läutern, deine Ziele zu verändern hin zu seinen Zielen? Oder bist du mürrisch und unzufrieden jedes Mal wenn alles nicht sofort nach deiner Hutschnur läuft? Konntest du Zeiten der Unterbrechung, der nicht enden wollenden Probleme aus Gottes Hand nehmen, auch wenn dir der Sinn nicht klar wahr? Mose war viele Jahre auf dem Abstellgleis und sieht erst jetzt, wozu das gut war.

Nun erfährt er, dass Gott alles zu einem guten Ende bringen will. Und das ist bitter nötig. Denn der Friede, den Mose bei seinen Schafen hat, ist nicht echt. Nicht weit entfernt herrscht große Not und er selbst ist ein Mensch auf der Flucht. Von Erlösung und Rettung kann keine Rede sein. Doch aus dem unechten Frieden soll ein echter Friede werden. Elend und Geschrei sollen ein Ende haben. Milch und Honig sollen fließen.

Mose weiß, mit meiner Kraft und meinem guten Willen kommt da nichts in Gang. Aber hat Gott nicht gesagt: Ich bin hernieder gefahren, dass ich sie errette. Ich will mit dir sein.
Unser Gott ist einer, der sein himmlisches Reich verlässt, um auf dieser armen Erde für uns da zu sein. Er sieht die Not und hört das Geschrei. Er will uns erlösen vor den Dingen , vor denen wir auf der Flucht sind, die uns aber ständig wieder einholen. Er will uns erlösen von den vielen Sorgen, die uns bedrücken. Er will uns retten vor dem ewigen Tod. Das sind seine tiefsten Befreiungsabsichten. Nicht nur dass es sein Volk in einem anderen Land etwas besser hat.

So hat also der brennende Busch den Mose erst neugierig gemacht und dann aufmerksam auf Gott. Erst redet Gott zu ihm und dann redet Mose mit Gott. Er offenbart sich. Er zeigt seine Heiligkeit. Das ist das eine. Und dann kommt das Geheimnisvolle dazu. Sein Name. Ich bin der ich bin. Das meint: Er ist durch die Zeiten der gleiche. Und wenn er, wie wir wissen und bekennen, Jesus geschickt hat. Wenn er in Jesus seine Liebe zeigt. Dann heißt das auch: So war Gott schon immer. Jesus war von Anfang an da. Die Heiligkeit Gottes und seine Zuwendung, wie er in Jesus allen die Hand reicht, das gehört zusammen. In Jesus zeigt Gott sozusagen sein Gesicht, gibt seine Verhüllung auf. Im Namen Jesu dürfen wir zu Gott beten. Da wo Menschen den Namen Jesu anrufen, da ist Gott nahe mit seiner Hilfe. Und wir dürfen erfahren, dass unser Gott rettet und erlöst.

Und so dürfen wir wie Mose vor dem Dornbusch heute vor Jesus stehen und sagen: Danke, dass du mich rufst. Herr Jesus, hier bin ich. Gebrauche mich und führe mich, wie du willst. Amen.

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