Von menschlich Allzumenschlichem

Ich schaue ein wenig beschämt zur Seite: was soll denn das jetzt schon wieder?
Mir klingen die Ohren; denn ich fühle mich ertappt.
Muss Paulus denn die Finger immer in die offenen Wunden legen: was richtest du deinen Bruder?
Was verachtest du deinen Bruder?
Oder anders gesagt: warum redet ihr immer so viel übereinander statt miteinander? Warum seid ihr immer schon festgelegt, in dem, was ihr voneinander denkt und haltet, so dass der andere gar keine Chance mehr hat, sich zu verändern und so entwickeln?
Weil wir unsere Erfahrungen miteinander haben, denke ich.
Meine Sicht und mein Urteil über Menschen, mit denen ich lebe und arbeite, denen ich im Alltag in verschiedensten Zusammenhängen begegne, sind gewachsen aus den zwischenmenschlichen Erfahrungen, die ich gemacht habe.
Und da passiert es eben, dass der eine mir sympathisch und nahe und der andere fremd und anstößig ist und bleibt.
Das ist ganz menschlich.
Und es gibt außer dem Wetter und der Politik kaum ein besseres und interessanteres Thema für ergiebige Gepräche als das Reden über andere.
Paulus sticht also mitten hinein ins menschlich Allzumenschliche.
Aber ich möchte es nicht zu schnell über die moralische Verurteilung erledigt wissen. Es ist nämlich leicht „christlich korrekt“ zu appellieren: nehmt einander an, liebt einander, redet freundlich übereinander.
Denn es gehört zur Realität auch dazu, dass wir es uns oft genug gegenseitig schwer im Leben machen.
Der eine kann nicht Zuhören, fällt immer ins Wort und will Recht behalten. Die andere kreist immer nur um sich und merkt gar nicht, was um sie herum los ist, wo Menschen verletzt oder liegen gelassen werden. Und wieder ein anderer ist unerträglich eitel und versucht sich ständig in Szene zu setzen und darzustellen.
Einer weiß alles, der andere weiß alles besser.
Manchem ist kein anderes Lied bekannt als das altbekannte Trauerlied, wie schlimm doch alles sei und dass es noch viel schlimmer kommen werde.
Ich glaube: wir könnte diese Aufzählung von Verhaltensmustern, die uns nerven, ohne weiteres noch eine ganze Weile verlängern und jeder und jede sieht Gesichter vor dem inneren Auge von Menschen, die wir so wahrnehmen und vielleicht ahnen wir sogar, wer uns so erlebt. Denn dieses „Richten“ ist ja keine Einbahnstraße, sondern bedingt sich oft gegenseitig.
Wir machen uns also etwas vor, wenn wir so tun, als gäbe es das unter Christen nicht. Wir sind nicht anders und schon gar nicht besser als der Rest der Welt.
„Ich kann auch gar nicht anders“ muss ich mir eingestehn.
Manches ärgert mich einfach und das oft genug auch zu Recht.
Aber Paulus hat Recht: ich mag mich ja ärgern und ich muss meinem Ärger vielleicht manchmal Luft machen.
Aber was passiert eigentlich duch meine wertenden Meinungsäußerungen? Was mache ich mit dem, über den ich richte?
Was bleibt von seiner unantastbaren Würde und von seinem allen Menschen eignen Wert? (Pause)
Hier das oft (vor)schnelle Urteil und dann am Ende aber das göttliche Gericht. Paulus fährt schon scharfe Geschütze auf: Lieber Bruder, liebe Schwester! Am Ende wirst du dich vor Gott verantworten müssen. Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Innere Bilder stellen sich bei mir ein. Ich sehe ein großes Buch, in dem alles aufgeschrieben steht, was ich getan oder unterlassen habe, woran ich mich noch gut erinnern kann, oder was ich nicht ohne Grund lieber schnell vergessen oder verdrängt habe. All das wird in die Waagschale geworfen und dann zeigt mir die Waage ein gerechtes Urteil. Und ich bekomme es mit der Angst zu tun. Auch wenn ich mich im Allgemeinen damit beruhigen kann, nichts wirklich Schlimmes getan zu haben, so ahne ich doch, dass da noch einige sprichwörtliche Leichen im Keller liegen.
Deswegen gab es Zeiten, in denen der Gerichtsgedanke Menschen wirklich Angst gemacht hat. Und deswegen gab es Zeiten, in denen der Glaube an die Rechtfertigung aus Glauben, Menschen wirklich Befreiung war. Gott schaut uns nicht so an, wie wir einander anschauen. Er schaut auf Christus und empfindet Liebe statt Enttäuschung, gewährt Nachsicht angesichts unserer Schwächen statt Verbitterung über menschliche Unzulänglichkeiten.
Ich weiß, dass Menschen heute sich schwer tun mit dem Gedanken an einen richtenden Gott. Das fühlt sich unangenehm an, dass wir am Ende Einem nichts mehr vormachen können.
Aber eigentlich geht es um mindestens zwei ganz wichtige, ich bin fast geneigt zu sagen unaufgebbare Anliegen:
Es geht zum einen um Verantwortung.
Mensch, Gott nimmt dich so ernst, dass er dir Verantwortung zutraut. Er lässt dich nicht in der Unselbstständigkeit indem er dir alle Verantwortung abnimmt und für dich wie mit einem rundum Sorglospaket sorgt, sondern traut dir zu, dass du Herausforderungen und Aufgaben bewältigen und dein Leben gestalten kannst. Er hält dich nicht klein, wie ein Kind, sondern traut dir und mutet dir zu, dass du wachsen und gestalten kannst. Er überträgt dir Verantwortung und nimmt dich so ernst, dass er anschaut, was du daraus gemacht hast. Es ist eben wie im Leben wo wir unser Tun und Lassen auch Tag für Tag durch seine Folgen verantworten. Warum also hier im Glauben davor Angst haben?
Ein zweiter Gedanke ist mir noch wichtig.
Es geht um die Opfer. Vor Gericht geht es nicht primär um Verurteilung, es geht um Gerechtigkeit.
Was wird denn aus denen, die zu Opfern geworden sind. Bleiben sie es in alle Ewigkeit, behalten immer die Täter die Oberhand?
Ich fände den Gedanken unerträglich, dass niemand das Weinen, die Wunden, die Klagen und Schreie der Opfer hört und sie tröstet und zu ihrem Recht verhilft. Ist Rechtfertigung nicht auch die Hoffnung, dass alle zu ihrem Recht kommen?
Darum also ohne Wenn und Aber: wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt. Und dann schaut Gott auf unser Leben. Einer hat gesagt: Gott würdigt unser Leben. Dass klingt viel positiver, denn jedes Leben, jede Person hat seine Würde, seine Unverwechselbarkeit, seine Bedeutung unabhängig von meinem Urteil, unabhängig von meiner beschränkten oder aus meiner gekränkten Perspektive. Gott würdigt Leben. Das schließt mit ein, dass er Unangenehmes anschaut und anspricht. Aber er reduziert nicht darauf, wie Menschen es leicht hin tun. Wir können das gut im Leben und Wirken Jesu entdecken, an seinem Umgang mit denen, die schuldig geworden sind. Sein Urteil eröffnet immer Perspektiven zu neuem Leben. Dafür stehen die Zöllner mit Namen Zachäus oder Matthäus, das erfährt die Ehebrecherin und zugegeben, das erregt viele, die schnell daher kommen mit ihrem Urteil.
Was können wir also tun, wo wir doch so sind wie wir sind?
Vielleicht ja wirklich nur diesen einen kleinen paulinischen Perspektivwechsel. Achten wir doch einfach nicht immer darauf, wo andere uns ärgern, bedrängen oder verletzen, sondern investieren wir unsere Kraft dort, wo WIR anderen positiv begegnen können, bemühen WIR uns darum anderen nicht zum Anstoß zu werden. Denn das haben WIR selber in der Hand. So könnte aus einem Perspektivwechsel auch ein Klimawandel werden. Amen

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