Was für ein Vater!

Predigt Lukas 15, 11ff „Was für ein Vater!“ (Eigenschaften Gottes 2) 20.6.2010

Als ich klein war, so eine Zeit gab es wirklich, ich war noch keine 1 Meter 70, da gabs im Fernsehen, damals noch schwarz weiß, immer Samstags den Blauen Bock. Da traten Künstler auf. Eine der Gruppen, die öfter auftraten mit ihren Stücken, das war so eine Combo, ein Terzett. Die hatten ein Stück das immer gut ankam. Schnell konnten alle den Refrain auswendig und sangen ihn kräftig mit. Im Refrain hieß es: „Vater ist der beste“ Das konnte man damals scheinbar unbekümmert singen.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute bläst der Wind den Vätern ins Gesicht. Und damit auch dem Vater im Himmel. Der Gott der Bibel wird verdächtigt, ein nicht mehr passendes Spiegelbild verflossener patriarchischer Antike zu sein. Der Gott der Bibel wird verdächtigt, die gesunde Entwicklung der menschlichen Seele zu belasten. Dieses Bild eines Übervaters, der alles sieht und alles Böse bestraft, mache krank.

Um so bemerkenswerter ist es, wie die Bibel von den Vätern redet und wie sie von Gott redet. Das Bild eines Vaters, eines guten Vaters, wird oft benutzt, um den lebendigen Gott zu beschreiben. Es ist sogar die Anrede an ihn im Gebet. Wir kennen das vom Vaterunser. Wir kennen das aus vielen Briefen des Neuen Testaments. In etlichen seiner Briefe eröffnet der Apostel Paulus ganz unbefangen mit der Rede von Gott als Vater und berichtet äußerst positives von ihm. Da heißt es: "Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater."oder "Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit"

Halten wir also zunächst einmal fest, hier wird von einem guten Vater geredet. Das hat nicht nur den Gläubigen etwas zu sagen. Ein durch und durch positiver Vaterbegriff, wie ihn die Bibel kennt, das hat allen Vätern etwas zu sagen. Das macht Mut zur Übernahme von Verantwortung. Das ist zugleich eine gesunde, eine fruchtbare Zeitkritik.

Denn unsere Zeit sieht den Vater negativ. Das ist eine späte Frucht der antiautori-tären Bewegung der 60er Jahre: Was autoritär klingt, nach sich durchsetzen, von vornherein klarmachen wo es langgeht, das ist verdächtig. Die Folge ist, dass Väter der Verantwortung, die ihnen schöpfungsmäßig zukommt, ausweichen. So wird den Kindern nicht mehr der Weg gewiesen, gerade im Glauben nicht. Die sollen später selber entscheiden, heißt es dann oft.

Und wie ist es bei uns selber? Was geht in dir vor, wenn du an deinen Vater denkst? War dein Vater fast nie da, hat er sich selten eingemischt. Oder hat er andauernd kontrolliert. War er schrecklich autoritär oder schrecklich gleichgültig? Lässt sich dein Vater unter die Rubrik Arbeitssucht oder Fahnenflucht einordnen? Oder schwärmst du immer noch von deinem verständnisvollen und aufmerksamen Vater?

Das gibt es ja auch. Letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit einem jungen Mann, der mit großer Dankbarkeit auf das zurück blickt, was er mitbekommen hat durch seinen Vater. An Wegweisung fürs Leben und für den Glauben.
Für viele andere ist das die Sehnsucht, aber nicht die Erfahrung.

Im Film "Terminator 2" wird der Roboter zum Vaterersatz. Die Mutter des Jungen beschreibt ihn so: „Der Terminator würde ihn niemals verlassen. Er würde ihm niemals wehtun. Ihn niemals anbrüllen oder sich betrinken und ihn schlagen. Oder behaupten, er wäre zu beschäftigt und hätte keine Zeit für ihn. Von all den möglichen Vätern war dies Maschine, dieses Ding, der einzige, der den Ansprü-chen gewachsen war. In einer wahnsinnig gewordenen Welt war er die vernünf-tigste Alternative.“ Soweit die Gedanken einer resignierten Film-Mutter.

Jeder Sohn und jede Tochter sehnt sich nach einem fürsorglichen Vater. Der ermutigt und bestätigt. Der begleitet und unterstützt. Der schützt und Sicherheit gibt. Der ehrlich ist und das Leben erklärt. Es durchsichtig macht. Der Grenzen setzt und Freiräume zur Entwicklung gewährt.

Und nun ist das wunderbare: Einen solchen Vater gibt es. Er begegnet uns in diesem Gleichnis. Er ist kein Vater wie tausend andere. Er ist besonders und einzigartig. Von ihm wird folgendes gesagt: Ein Mensch hatte 2 Söhne. Und der jüngere unter ihnen sagte: Gib mir Vater das Erbteil, das mir zusteht.

Dieser Vater hat Kinder. Das sind wir. Der Vater im Himmel ist der Schöpfer. Wir sind seine Geschöpfe. Dabei sind wir sehr verschieden. So wie diese beiden Jungs hier. Aber konzentrieren wir uns auf den Vater. Er ist reich. Trotzdem klammert er sich nicht an seinen Besitz. Er will ihn teilen. Mit uns. Er hat ein Erbe zu vergeben. Was ist das? Es ist ein Leben in Fülle. In Erfüllung. Ein unzerstörbares Leben. Bei diesem Vater können wir bekommen, was uns glück-lich macht. Die beiden Jungs wissen das. Nun sind sie sehr verschieden. Man fühlt sich erinnert an Jakob und Esau. Der eine sagt: Ich will alles und zwar sofort. Der andere sagt: Ich krieg das Erbe sowieso, da brauch ich mich ja nicht anstrengen. Obwohl sie beide einen wunderbaren Vater haben, wissen sie das nicht recht zu schätzen. Der eine sieht nur die Arbeit und geht ganz darin auf. Der andere will nur Spaß und möglichst gar nicht arbeiten.

Das ist schon seltsam. Viele von uns haben einen guten, aufmerksamen, fürsorgli-chen Vater entbehrt. Diese hier haben einen, und wissen ihr Glück gar nicht zu schätzen.
So geht es Gott mit seinen Geschöpfen. Sie nehmen ihn kaum wahr. Er aber ist ihnen in Liebe verbunden. Und er lässt sie nicht aus den Augen. Vielleicht findest du diesen Sachverhalt bedrohlich. Ein Gott, dem nichts entgeht. Der einen immer auf dem Radarschirm hat.
Aber darum geht es gar nicht. Dieser Vater hat nicht den Aufpasserblick. Er hat einen sehnsüchtigen Blick. Er möchte nicht ohne seine Kinder sein. Er ist immer lebhaft interessiert, wie es ihnen geht.

Lasst uns einmal in Gedanken in dem Wirtshaus einkehren, wo der verlorene Sohn für seine Zechkumpane eine Runde nach der anderen ausgibt. Mit Sicherheit haben die ihren Wohltäter um seinen großzügigen Vater beneidet. Die haben erstaunt gefragt: Mann, so einen Sponsor hätten wir auch gerne zu Hause gehabt. Wieso bist du da überhaupt weg? Bei so viel Überfluss. Es fehlte dir doch an nichts?

Und wenn er ehrlich wäre, müsste der Sohn sagen: Eigentlich habt ihr recht. Es ist hier gar nicht so prickelnd, wie ich immer dachte. Mein Geldbeutel wird auch schon leichter. Vielleicht war mein Entschluss doch nicht so klug. Aber das mag er nicht zugeben. Und so zieht er über seinen Vater her: Was wisst denn ihr! Ich bin froh, dass mein Alter weit weg ist. Was er mir mitgegeben hat, ist mein Anteil, das steht mir von rechts wegen zu! Die sind doch alle froh, dass ich weg bin. Die weinen mir keine Träne nach. Gut, dass ich endlich reinen Tisch gemacht habe. Und jetzt kein Wort mehr davon!

So zeichnet er ein Zerrbild von seinen eigentlich guten Vater. Und damit ist er leider keine Ausnahme. Auch in der Kirche ist heutzutage dieses Zerrbild anzu-treffen. Die biblische Rede von Gott, dem Vater im Himmel, wird mehr und mehr gemieden. aus verschiedenen Gründen. Die einen fühlen sich dadurch festgelegt auf ein männliches, autoritäres Gottesbild. Andere finden diese Gebetsanrede altertümlich, nicht mehr in die heutige Zeit passend. Bis hin in die kirchlichen Gebetsbücher lässt sich diese Veränderung beobachten. Da wird Gott in den Gebeten kaum noch mit Himmlischer Vater, oder lieber Vater angeredet. Es wird meist nur noch allgemein von Gott gesprochen. Man hat fast den Eindruck, die alte Anrede Gott als Vater wird nur noch übrig gelassen in den klassischen Stücken, die man nicht so leicht ausmustern kann. Wie das Vaterunsergebet oder das Ehr sei dem Vater und dem Sohn in der Liturgie. Das sind dann die letzten Museumsstücke, wo die Vateranrede noch überleben darf.

Das ist ein verhängnisvoller Fehler. Wer von den Fehlern und dem Versagen der irdischen Väter oder überhaupt der Menschen ausgeht. Und dann folgert, es ist besser, Gott nicht mehr Vater zu nennen, verliert entscheidendes. Denn die Anrede „Gott“ als solche ist nicht mehr erkennbar christlich. So können Muslime auch beten. Dass Gott unser Vater sein will, ist etwas einzigartiges und kostbares. Wenn wir zu Gott Vater sagen, meinen wir damit nicht, er sei männlich. Gott ist nicht nach unserm Bild geschaffen, sondern umgekehrt wir nach seinem. Wir rufen Gott als Vater an, weil Jesus es getan hat. So wie er mit seinem himmlischen Vater verbunden war, dürfen wir es auch sein.

Da ist eine Nähe, geradezu eine Liebesbeziehung, wie sie keine andere Religion kennt. Wenn wir Gott als Vater anreden, anerkennen, entdecken, kommen wir ihm nahe. Wir werden im tiefsten berührt. Wir geben ihm dann die Ehre, die ihm zusteht. Aber wir bleiben nicht in Abstand stehen, in Furcht. Wir dürfen Nähe erleben. Wie es niemand anders kann als ein Kind. Das Wort „Vater“ setzt uns in eine Beziehung. Das „Wort“ Gott hält Abstand.

Zurück zu unserer Geschichte. Da ist der verlorene Sohn inzwischen auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Realität holt ihn ein. Er findet sich bei den Schweinen wieder. Ein leeres Konto ist immer noch eins der wirksamsten Mittel, mit denen man an die Wirklichkeit erinnert wird. Und Schweine stinken. Davor kann man nicht mehr die Augen verschließen.
Der entscheidende Augenblick im Leben des Sohnes kommt, als in seinem Herzen die Erinnerung an das Haus seines Vaters aufsteigt. Auf einmal sieht er es nicht länger als einen Ort mit einschränkenden und bevormundenden Regeln. Sondern als einen Ort, wo man jedenfalls hatte, was man braucht. Als eine Oase der Geborgenheit und Zuverlässigkeit in dieser harten Welt. Feste Regeln und Gewissheiten. Und sei es nur, dass am Abend genügend Essen auf dem Tisch steht. Auf einmal sieht das gar nicht mehr so schlecht aus!

So entschließt er sich zur Heimkehr. Als er nach Hause kommt, erlebt ihn eine völlig unerwartete Überraschung. Es heißt: „Er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater…“

So ist Gott. Er sieht uns. Immer. Er sieht uns, und wenn wir uns noch so weit von ihm entfernt haben. Psalm 139: Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Aber wie schon gesagt, Gott schaut nicht mit dem Kontrollblick. Er schaut voll Sehnsucht. Der Vater im Himmel sehnt sich nach seinen Kindern.

Vorigen Sonntag wurde bereits darüber gesprochen, wie wichtig das für den Gottesdienst ist. Nicht die schöne Gemeinschaft oder eine fesselnde Predigt oder ein ergreifendes Orgelstück ist das, was wir suchen oder begehren sollen. Sondern wir dürfen damit rechnen, gewiss damit rechnen: Gott ist da. Er sieht uns an. Unsere Wege, unsere Herzen liegen offen vor ihm. Gewaltig ist das!

Und nun, in dieser Geschichte, sieht der Vater den abgerissenen Sohn schon von weitem. Er läuft ihm entgegen. Gott sucht die Verbindung mit seinen Kindern. Gott sucht die Verbindung mit dir. Er will dich umarmen, ganz eng mit dir verbunden sein.
Gegen jede Regel freut sich dieser Vater aus vollem Herzen über seinen Sohn. Endlich hat er ihn wieder. Er hat überhaupt kein Interesse an Vorwürfen und Schuldbekenntnissen. Jetzt endlich sind die Motive des Vaters ohne jeden Zweifel klar: Die Liebe zu seinem Sohn bewegt ihn. Es ging ihm nie ums Verbieten und Rechthaben. Er möchte den Sohn gewinnen. Er möchte jemand haben, mit der er sein Herz und seine Freude teilen kann. Er will mit ihm zusammen das Haus verwalten. Deshalb bekommt der Sohn den Siegelring, das Zeichen der Verfügungsgewalt. Jetzt ist der Vater am Ziel. Endlich ist er so weit, das er alles mit seinem Sohn teilen kann, auch die Rolle des Chefs!

Es ist Gottes Ziel, uns als Mitregenten einzusetzen. Er hat die Welt geschaffen, damit wir sie gemeinsam mit ihm verwalten! Nie ging es ihm darum, uns zu gängeln und klein zu halten. Seine Grenzen, Regeln und Gebote ermöglichen erst das Leben.
Was für ein Vater! Was für ein Gott! Und so wie der Vater im Gleichnis dem Sohn alles gab, dahingab. So gibt Gott Jesus für uns. Schenkt ihn uns. Das beste, was er hat. Und Jesus selbst wirbt mit allem was er gesagt hat, was er gewirkt hat, für diesen Vater.

Unüberbietbar hat Jesus seine Beziehung zu Gott und was das für uns bedeutet einmal auf den Punkt gebracht: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater“, sagt er in Matthäus 11. „Und niemand kennt den Sohn als nur der Vater. Und niemand kennt den Vater als nur der Sohn. Und wem es der Sohn offenbaren will.“
So ist das also!

Wir beten: Herr Jesus Christus! Du kommst vom Vater selbst. Du willst uns mit ihm zusammen bringen. Ach Herr, möge es dir gelingen bei mir. Lass uns daran Genüge haben, dass wir Gottes Kinder sein dürfen. Ihn als unseren Vater wissen und bekennen dürfen. Danke für dieses Vorrecht.
Amen.

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